Rammstein - Liebe ist für alle da

Rammstein- Liebe ist für alle da

Rammstein / Universal
VÖ: 16.10.2009

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Hart auf hart

Auf Sperma ist Verlass: Vor zehn Jahren brachte der etwas andere ganz besondere Saft - künstlich hergestellt - Sänger Till Lindemann und Keyboarder Flake wegen ihrer ungezügelten Live-Show in Amerika Knast ein, und heute reicht es zumindest noch für einen Skandal im Körperflüssigkeiten-Fachblatt mit den vier Großbuchstaben. Wer hätte gedacht, dass Rammstein die Morgenlatte so niedrig legen können: "You have a pussy / I have a dick / So what's the problem / Let's do it quick", grummelt Frontprotz Lindemann einem aus der strunzdusseligen Vorabsingle "Pussy" in allerfeinstem Sextouristen-Englisch entgegen, während die Band im unzensierten Porno-Video den "Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr" am Silikon-Hindukusch probt. Prollig, aber medienwirksam und auf den dritten Blick sogar ansatzweise witzig.

Lehrbuch-Schocken geht also wider Erwarten auch 2009 noch. Die passenden Worte zum Comeback? "Das Warten hat ein Ende / Leiht euer Ohr einer Legende", wuchtet die donnernde Einstiegshymne "Rammlied" das Selbstverständnis in Position. Die Botschaft? Das Medium selbst: "Ramm / Stein"! So klingt das Selbstbewusstsein einer Band, die im Schweiße ihres feuerverrußten Angesichts die Bühnen der Welt mit ihrer überdeutschen Stahlarbeiter-Pose an sich gerissen hat und das Testosteron von Tokyo bis Paris, von New York bis Moskau hinter sich weiß. Und jetzt erst richtig ernst macht: So hundsgemein wie in manchen Stücken von "Liebe ist für alle da" haben Rammstein ihre dröhnende Brutalo-Ästhetik in Ton und Wort noch nie auf totale Provokation getrimmt. Erinnert der Opener in seiner martialischen Natur noch angenehm an "Herzeleid", wälzt sich schon "Waidmanns Heil" in einer lüsternen Todesfantasie aus Tierblut und deutschem Jägervokabular.

Hier werden gezielt Grenzen ausgelotet: Sprachliche und musikalische, wenn "B********" zwischen Dada und gaga nur noch aus Bam-bam-bam besteht - aber vor allem geschmackliche: Für "Wiener Blut" arbeitet Lindemann den Inzestfall Fritzl in bitterböser Ostdeutsch-Lyrik auf. "Willkommen in der Dunkelheit" brüllt der Sänger derart markerschütternd durchs Moll, dass Erinnerungen an Slayers ähnlich verstörendes "Angel of death" und Tom Arayas gellenden Todesschrei wach werden. "Und bist du manchmal auch allein / Ich pflanze dir ein Schwesterlein", delektiert sich Lindemann über jede moralische Grenze hinweg an der Perversion und macht nach "Mein Teil" über den Kannibalen von Rothenburg ein neues Gehege im hauseigenen Bestiarium auf. Erheiternd dagegen der Titeltrack mit seinem nach Schülerband klingenden Slipknot-Drumming, dem bis zur Unkenntlichkeit karikierten Metal-Break und dem, ähm, Text: "Wer ficken will, muss freundlich sein." Ach was. Poesie für GTI-Mike aus Frankfurt oder sonstwo.

Mit den inhaltlich zweifelhaften, aber beachtlich kerngesunden Kraftmeiern kommen die ruhigeren Songs nicht mit. Da hilft es auch nichts, dass man zum "Frühling in Paris" mit dem Taxi anstatt dem Panzer anreist und für die putzig hormonell entartete Halbballade Edith Piafs "Je ne regrette rien" im Schwitzkasten hält: Es bleibt der immer gleich öde und anzügliche Industrial-Ost-Schlager mit anaboler Bizeps- und Hoden-Lyrik, egal ob "Ich tu dir weh", die Bertolt-Brecht-Schändung "Haifisch" oder "Roter Sand" mit seltsam deplatziertem, orchestralem Western-Duell-Bombast vor Riefenstahl-Heldentapete. Die Musik für den Mittelpart von "Mehr", das auch für Rammsteins Verhältnisse eher weniger ist, könnten gar Silbermond verfasst haben. So verpufft die ganze schöne Urgewalt von "Liebe ist für alle da" im Sumpf der Füller. Nur hart am Limit reicht nicht, auch Pyrotechnik und Kunstblut wollen musikalisch unterfüttert werden. Wir lesen uns dann zum nächsten Skandal. Vermutlich irgendwas mit Blut, nacktem Volkskörper und Stumpf-ist-Trumpf-Sozialkritik. Geht immer und stirbt langsam.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Rammlied
  • Waidmanns Heil

Tracklist

  1. Rammlied
  2. Ich tu dir weh
  3. Waidmanns Heil
  4. Haifisch
  5. B********
  6. Frühling in Paris
  7. Wiener Blut
  8. Pussy
  9. Liebe ist für alle da
  10. Mehr
  11. Roter Sand

Gesamtspielzeit: 46:07 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
retro
2019-06-12 19:29:30 Uhr
"Führe mich" ist wohl der mit Abstand beste Rammstein-Song der Nullerjahre, was aber auch nicht sehr schwer ist bei dem vielen Müll. Und dann ist der nicht mal auf dem Album...
Peter Pan
2019-06-11 11:22:31 Uhr
1. Rammlied 8/10
2. Ich tu dir weh 10/10
3. Waidmann's Heil 8/10
4. Haifisch 8/10
5. B**** 7/10
6. Frühling in Paris 6/10
7. Wiener Blut 8/10
8. Pusssy 5/10
9. Liebe ist für alle da 7/10
10.Mehr 7/10
11.Roter Sand 7/10

7.36/10

nörtz
2011-11-16 01:07:49 Uhr
Recht haben tut er aber trotz seinen Textbausteinen.
GTI-Mike
2011-11-16 00:55:14 Uhr
Gerade erst die Rezension hier gesehen...ich habe wohl selten zuvor eine derart humorlose, vorurteilsbehaftete, platte nkritik gelsen.

Der Rezensent wirft der Band die ewig gleiche "Ostdeutsche Stahlarbeiter-Provokationsnummer" vor und bemerkt die Ironie nicht, dass er sich selbst den abgestandensten Rezensionstextbausteinen in Bezug auf Rammstein beruft.

Zum Album: "Rammlied" 10/10

Einer der besten Opener aller Zeiten, sowohl auf Platte wie auch live!
Hinweiser
2010-10-01 17:21:50 Uhr
Internationale Kritiken gehen bei diesem Unwerk ja kaum unter 8/10...
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