Tokio Hotel - Humanoid

Tokio Hotel- Humanoid

Stunner / Universal
VÖ: 02.10.2009

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Die Zucht und die Ordnung

Es war persönlich, damals. Schon bevor wir vor fünf mit Freibier bestochenen Freunden unsere Iron-Maiden- und Judas-Priest-Cover herunterdreschen konnten, lief ein Plattenfirmen-Mensch funktionslos, aber motiviert, über die Bühne. Dass die nach uns spielende Newcomer-Band auf unseren kleinen Sportflughafen in der niedersächsischen Einöde eingeflogen werden würde, weil sie am Mittag noch einen Auftritt bei einem Magdeburger Stadtfest absolviert hatte, nährte unser Misstrauen. Was dann folgte, war in unseren Augen nicht weniger als das musikalische Böse: Simpelste Popmusik mit Texten aus der Teenie-Hölle, auf fragwürdigem technischen Niveau von Fünfzehnjährigen dargeboten, der Sänger ein zarter Knabe mit ungebrochener Stimme in der Frisurenfindungsphase. Doch die vier Dutzend mitgebrachten Zehnjährigen kreischten und weinten und ließen sich Autogramme auf die Arme schreiben, die sie anschließend abfotografierten. Wir grollten und schüttelten den Kopf über das, was in unseren Augen mit Musik so gar nichts zutun hatte. Dann ein schicksalhafter Satz aus dem Mund des Rezensenten: "Die sehen wir in der Bravo wieder!" Das war Anfang Juli 2005. Keine vier Wochen später explodierte die Band im medialen Orgasmus zur neuen Teenie-Pop-Sensation.

Persönlich ist heute nichts mehr. Aus Reife, aus Gewöhnung an das Phänomen Tokio Hotel, aus Desinteresse - aber auch, weil der Band das explizit Hassenswerte abhanden gekommen ist. Tokio Hotels potenzielle Ecken und Kanten wurden schon während ihres Entstehens vom Sandpapier der totalen Aufmerksamkeit von Außen und Vermarktung von Innen glattgeschliffen. Ihre Identität hat diese Band von Beginn an innerhalb der Grenzen des Popmusikzirkus entwickelt; man müsste schon arg böswillig sein, ihnen daraus einen Vorwurf drehen zu wollen. Was die Band tut (nämlich billige musikalische Massenware an Kinder und Jugendliche verkaufen), macht sie mittlerweile mit furchteinflößender, mechanischer Präzision. Hierin - und weniger in der weltweiten Erschließung einer neuen Taschengeld-Generation - liegt das eigentlich Anerkennenswerte ihres Erfolgs: Im Gegensatz zu anderen Teenie-Kapellen ziehen die Magdeburger ihre Einzigartigkeit aus der Perfektion des Mainstreams anstatt aus der Abgrenzung von ihm; ein Prinzip, dass so vor allem in der Boyband- und Michael-Jackson-Ära galt.

"Humanoid" signalisiert deshalb auch mit jedem Körnchen Polycarbonat Expansion durch Assimilation. Das immernoch laufende Revival des 80er-Sounds stellt die Band respektive deren Produzenten- und Songschreiberteam hier in den Dienst des bekannten Minimal-Konsens-Poprocks. So gibt es in Songs wie "Hunde" synthetische Wave-Keyboards mit "Blue monday"-Zitat, auch sonst hat man das organische der Rockband an vielen Stellen durch technoidere, mit Perwoll aufgegossene Resterampen-Riffs aus Industrial und Goth-Rock ersetzt, die Rammstein vermutlich zu schlicht wären. Das zugehörige optische und inhaltliche Leitmotiv liegt auf der Hand: Visual Kei und Glam treffen auf die Robotermensch-Fantasien eines H. R. Giger - dafür eignen sich sowohl das geschlechtslose Äußere von Bill Kaulitz als auch die seelenlose Massenmusik der Band ideal.

Selbstverständlich bleibt so ziemlich alles an "Humanoid" erwartbarer, ziemlich öder Kinderquatsch. Nur ist der eben auch nicht nerviger als die Top-25-Rotation jedes x-beliebigen Formatradios. Fürs Feindbild reicht das nur noch mit Mühe, die Liste mit aussichtsreicheren Kandidaten ist lang (Nena, anyone?). Tokio Hotel sollen weiterhin das machen, was sie gelernt haben und wofür man sie gezüchtet hat: Rund um den Erdball die U2 der Präpubertären mimen. In ein paar Jahren kommt dann wahlweise gnädiges Vergessen oder der Britney-Breakdown. Alles nur Showbusiness. Wer wollte das schon persönlich nehmen: Unpersönlicher geht's doch kaum.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Zoom

Tracklist

  1. Komm
  2. Sonnensystem
  3. Automatisch
  4. Lass uns laufen
  5. Humanoid
  6. Für immer jetzt
  7. Kampf der Liebe
  8. Hunde
  9. Menschen suchen Menschen
  10. Alien
  11. Geisterfahrer
  12. Zoom

Gesamtspielzeit: 46:07 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Immer noch
2016-03-02 14:31:37 Uhr
So geil wie am ersten Tag.
auozqo
2013-02-25 15:03:40 Uhr
sbhshfb
Voegelnde Heuler
2010-12-04 15:57:33 Uhr
Auuuuuuuuuuuuuuuuuuuu!
Regel Nummer 1
2010-12-03 22:42:53 Uhr
Nur Idioten bewerten ein Album danach, ob es kommerziell erfolgreich war oder nicht.
m.a.n.a.s.s.a.s.
2010-12-03 15:18:21 Uhr
Best Of? Eine CD ohne Musik? Cool. Und das für 16 €.
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