Scooter - Under the radar over the top

Scooter- Under the radar over the top

Sheffield Tunes / Kontor / Edel
VÖ: 02.10.2009

Unsere Bewertung: 2/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mächtig gewaltig!

Als hätte Benny von der Olsenbande Drill-Sergeant-rasierte Plattenbau-Pickelfressen zum Stechschritt erzogen - so hüpfte es 2008 im Sirtaki-Jumpstyle durch die Innenstädte und, pünktlich zur Veröffentlichung von "Jumping all over the world", auch über die große Bühne des Scooterverse. Vorstampfer H. P. Baxxter reflektierte den Stil auf arte mit seltsam verwirrtem Lachen. Kopfschüttelte sich mit Heinz Strunk durch die Nacht. Durfte sich in der Spex irgendwas mit Dada um die Ohren hauen lassen. Sah sich in unheilvoller Spaßterror-Allianz den Goldenen Zitronen und Irm Hermann gegenüber, die seine Texte ins Deutsche radebrachen. Und formulierte mit einem seiner so seltsam gehäuften Glückstreffer die Lächerlichkeit des ganzen Unternehmens: "Das wird ja immer abstruser! Sind wir jetzt Hochkultur, oder was?"

Ja, man mag es fast glauben, so wie hier hofiert wird. Wenn Rocko Schamoni persönlich anklopft und die Melvins bereits Mitte der Neunziger verbal Beifall klatschten. Wenn sich die Hermann/Zitronen-Brigade aufs unfreiwillig Komischste in die Funpunk-Achtziger zurückschießt. Das allerheiligste Großbritannien mehr Scheiben kauft als das Heimatland. Nix mehr ist mit Osteuropa-Barbaren-Disco, die man süffisant als Entwicklungshilfe belächeln kann. Und selbst Plattentests.de schwach wird und eine erste Rezension ansteuert (um folgend das Steuer zu verreißen). Dann greift der olle Schäuble-Spruch: "Wenn man es nicht mehr ignorieren kann, so fängt das Integrieren an." Ergebnis: Fassungslos zeigen sich mittlerweile allein noch Scooter selbst - ausgerechnet.

Und so heißt mittlerweile das Credo so ziemlich jeden Kulturredakteurs: Wenn wir schon von Techno nie etwas verstanden haben - über Scooter schreiben, das können wir. Ist Techno gerade wegen seiner immer wieder aufs Neue hart herausgearbeiteten Geschichtslosigkeit ein ziemlich runder Buckel, so gibt es hier Ansatz zum Lamento und Verstehen en masse. Und das liegt an den Angriffsflächen, die Baxxter und Co. selbstverständlich liefern. Nur: So wirklich "verstehen" kann man das Phänomen hinterher mit schöner Regelmäßigkeit immer noch nicht. Interessant zu erfahren wäre, wie ein selbstverliebtes, überall reinsabberndes Eiteitei wie Eckart - Entschuldigung: Dr. Eckart - von Hirschhausen den euphorisiert schimmernden Augenglanz erklärt, mit dem eine 16-jährige Landpomeranze selig durchgeschüttelt aus dem The-Dome-Pulk wiederkehrt. Ist das fehlgeleitetes Glück? Einfach eine Tatsache, die es zu akzeptieren gilt? Chemie? Dass Pogo-Scooter-Stampf-Stampf ähnlich übel und gefährlich ist wie Ego-Shooter-Bamm-Bamm, das hingegen glaubt vermutlich nicht einmal Ranga Yogeshwar. Obwohl: Man weiß ja nie. Schließlich hat "die Wissenschaft" auch festgestellt, dass Coca-Cola Schnaps enthält.

Doch an Scooter kommt wohl auch solch gefährliches Halbwissen zu treudoofem Augenaufschlag nicht wirklich heran. Die Schwierigkeit: Scooter sind eine Tautologie, eine Monade in Reinform. Auch auf "Under the radar over the top", ihrem mittlerweile 14. Album. Alles, aber auch wirklich alles darf in sie einströmen - vor dem Austritt aber stehen Milliarden stumpf-emphatischer Wummse und Bummse, Chipmunks-Choräle, Cher-Vocoder-Exzesse, Dosenapplaus-Effekte, Trance-Flächen als Stimmungsabdunkler, Proll-Shouts sowie, selbstverständlich, H. P. Baxxters Hamsterbacken-Gesang. Deshalb haben Scooter höchstens einen Blümchen-Furz oder gerade noch Schlumpf-Techno beeinflusst. Ihre Musik bleibt konsequenzlos. Ein hartes, in sich selbst verkapseltes Etwas. Und so wird die äußerste Gegenwart - das "Moment" von Techno - zu einem sich einzig immer wieder selbst ausspeienden "Monument". Sollen Schäuble und Schorsch Kamerun dazu ruhig gemeinsam Sirtaki tanzen: Das ist langweilig, altbacken und deshalb unfassbar erfolgreich - was gibt es daran eigentlich nicht zu verstehen?

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

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Tracklist

  1. Stealth
  2. J'adore hardcore
  3. Ti sento
  4. State of mind
  5. Where the beats
  6. Bit a bad boy
  7. The sound above my hair
  8. See your smile
  9. Clic clac
  10. Second skin
  11. Stuck on replay
  12. Metropolis

Gesamtspielzeit: 45:54 min.

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User Beitrag
10/10
2016-03-02 14:30:22 Uhr
Hammermäßig
8/10
2010-05-04 20:44:29 Uhr
ich steige nicht.
Sie Lüger du
2010-03-20 20:53:45 Uhr
Da lügern Sie getz aber!
Dave from Sheffield
2010-03-20 11:03:21 Uhr
Die "Under The Radar Over The Top"-Tour ist mit Abstand die beste Scooter Tour aller Zeiten. Was die Gigantomanie der Bühnenkonstruktion und die Effekte betrifft spielen sie mittlerweile in einer Liga mit Rammstein oder Depeche Mode. Die Setlist war perfekt und der Sound unglaublich klar, differenziert und druckvoll. Vor allem das Finale mit einem Medley aus "Endless Summer", "Hyper Hyper" und "Move Your Ass"(in einem Hardstyle Mix!) der schiere Wahnsinn:

http://www.youtube.com/watch?v=RKCgEqaJtLU&feature=related

Es gibt derzeit kaum einen besseren Live Act als Scooter!
breit Eis
2010-03-19 18:11:41 Uhr
unerhört: 6/10
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