Air - Love 2

Air- Love 2

Labels / EMI
VÖ: 02.10.2009

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Leichtigkeit der Seine

Alles eine Frage des Stils: Elf Jahre nach ihrem Durchbruch kehren Air wieder auf "Start" zurück. Der liegt natürlich irgendwo in Paris, nicht in Monopoly, und wer ihn finden will, der hat es vom Bahnhof Gare du Nord vermutlich gar nicht mal so weit. Unweit der Seine, 15 Blocks vom Place de la Concorde und 30 Jahre zurück die Rue de Avignon runter, da irgendwo muss es stehen, das Luftschloss von Air. Gebaut aus Marzipan, mindestens haltbar bis Juni 1969 und erbaut nach einem ungefähren Plan von der Leichtigkeit des Seins. Dieses Luftschloss ist ihr neues Atlas-Studio, und hier führen Air nach Alben unter den Fittichen von Fremd-Produzenten zum ersten Mal seit Ewigkeiten selbst Regie für ihre Musik. Man kann nur erahnen, wie es aussieht im Atlas, dieser Schaumschläger-Kaschemme im Norden von Paris. Ein Meer aus Lampions und Girlanden leuchtet bis unter die Decke, dazu kleistern Air pastellgrüne Rauhfaser-Tapeten, und dort, wo zwischen Eier-Sesseln und Le Corbusiers, Modell LC2, noch ein Platz frei ist, fiepen, summen und brummen sie unentwegt, die Airschen Moogs. Wo man auch hingeht, müffelt es ein bisschen nach Zimt, Moschus ... und Bohnerwachs. "Love 2" entstand genau hier, konnte nur hier entstehen. Denn die Ideen für so ein Sequel erträumen wohl selbst die Traum-Prinzen von Air, Jean-Benoît Dunckel und Nicolas Godin, nur an Orten wie diesen. Ihrem neuen Zuhause.

Überhaupt, dieser Titel! Womöglich tun sich Air damit selbst keinen Gefallen. Denn "Love 2", das klingt nach einem Versprechen. "Love 2", das klingt nach Musik, die Air seit über zehn Jahren nur noch zwischendurch mal angedeutet haben. Selbst auf "Talkie Walkie", ihrer zartesten Versuchung seit Siewissenschon von 1998, waren Air nur sporadisch mal wieder so kitschsüß, wie sich das die Plattenfirma nach ihren größten Hits wohl wünschen würde - und alle Pärchen, die vor elf Jahren ihr erstes Mal zu Musik feierten, gleich mit. Gleich in den ersten Tracks auf "Love 2" wechseln Air alle Synthesizer-Flöten, Glöckchen und Lala-Mädchen ein, die sie im Umkreis ihres neuen Zuhauses schnorren konnten. Und man kann sich jetzt schon vorstellen, wie landauf, landab Männer und Frauen für ein paar Minuten wieder die Jungen und Mädchen von damals werden. Wie die Geburtenrate spätestens im Dezember 2010 die Staatsverschuldung übersteigt. Und wie "Love 2" so auf Umwegen seinem Titel tatsächlich gerecht wird.

Wer sich in der Lage sieht, sich länger als diese paar Heißlauf-Minuten ausschließlich mit dieser Platte zu beschäftigen, wird zudem feststellen, dass das eigentlich schon unverschämt ist: wie locker Air in "So light is her footfall" in ihre Klavier-Tasten greifen, nacheinander Gitarre und Soli hinzuschalten und auf ihrem ewigen Synthesizer-Teppich in noch so ein Mädchen reinschlurfen, das Lala singt, als hätte es ein Diplom im Lala-Singen. Wer es noch etwas länger aushält, sich ausschließlich auf "Love 2" zu konzentrieren, rennt irgendwann ein paar Tracks weiter die Platte runter schnurstracks in die Arme von "Tropical disease" - und könnte sich wundern, wie weich er hier aufprallt. Air wienern ihr Speckfilm-Saxophon, bis man an Betamax-Klassiker von damals denkt, und weben anschließend einen Traum aus Achtelbass und Flöten-Melodie, sieben Minuten lang. Musik wie ein Himmelbett, zum Reinlaufen und Aufprallen wie gemacht. Nur wer ab hier noch dabei ist, bei "Love 2" und sonst nichts anderem, der muss was falsch gemacht haben. Damals. Siewissenschon. Schlimmer noch, der tut genau das gerade wieder: Die Hälfte der Platte ist schon durch, Tendenz heiter bis süffig, da platzt die Seifenblase "Love 2". Ein wenig. Als ob man nicht schon vorher gewusst hätte, dass Träume Schäume sind.

Es ist nicht etwa so, dass die erste Hälfte von "Love 2" der zweiten so überlegen wäre, dass sie sie auseinandernehmen könnte wie der FC Barcelona den FC Bayern München. Es ist nur so, dass einem diese Platte bis zum Ende alle Muster und Blaupausen aufdeckt, nach denen sie funktioniert. Vergleichbar mit dem Gefühl, das man hat, wenn man nach Jahren eine dieser Fernseh-Serien aus der Kindheit wiedersieht - und enttäuscht feststellt, wie vorhersehbar etwas sein kann, für das man einst Schulnoten riskierte. Über fast jeden der zwölf Tracks auf "Love 2" kleistern Air ihre Büchsen-Streicher, als ob es die im Supermarkt neben dem Atlas im Dutzend billiger gegeben hätte. An den Easy-Listening-Popsong "Do the joy" hängen sie den Easy-Listening-Popsong "Love". Und spätestens zwei Songs nach der 60s-Leichtigkeit "Heaven's light" zwingen sie ein Mädchen dazu, auf "Sing, sang, sung" "Wing, wang, wung" zu reimen - und mischen Glöckchen unter. Erst spät auf dieser Platte braten Air mit "Eat my beat" so etwas wie einen Rocksong, komplett mit Brutzel-Gitarre und mehr Schlenkern als beim "Tatort"-Thema. Aber am Stück ist "Love 2" so seicht und süß, dass man am besten gleich einen Termin beim Zahnarzt mitnehmen sollte. Oder sich schnell noch etwas ausdenken, womit man sich beim Hören dieser Platte nebenbei beschäftigen kann. Es muss ja nicht gleich Liebe sein.

(Sven Cadario)

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Highlights

  • Do the joy
  • Tropical disease

Tracklist

  1. Do the joy
  2. Love
  3. So light is her footfall
  4. Be a bee
  5. Missing the light of the day
  6. Tropical disease
  7. Heaven's light
  8. Night hunter
  9. Sing sang sung
  10. Eat my beat
  11. You can tell it to everybody
  12. African velvet

Gesamtspielzeit: 45:57 min.

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2012-04-10 00:41:59 Uhr
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  • Air (18 Beiträge / Letzter am 28.10.2009 - 14:17 Uhr)

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