Charlie Winston - Hobo

Charlie Winston- Hobo

Warner
VÖ: 25.09.2009

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Unterwegs nach vorne

Normalerweise sind die Eltern ja meist dafür, dass der Nachwuchs Molekularbiologie studiert, statt sich mit Gitarre im Arm durchs Leben zu schlagen. Bei Charlie Winston liegt der Fall genau umgekehrt. Was soll man auch anderes machen als Musik, wenn Vater und Mutter selbst Musiker sind, auch Schwester Vashti Anna und Bruder Tom Baxter einige Alben veröffentlicht haben und man bereits in jungen Jahren Instrumente erlernt hat? Sich unter Geschwistern nicht die Köpfe einschlagen, nach London auf eine Musikschule gehen, Songs schreiben, Auftragsarbeiten für Theaterproduktionen annehmen - und schließlich Peter Gabriel kennenlernen, der einen dann unter Vertrag nimmt. Soweit ein kleiner Exkurs durch Winstons Vita, der die Behauptung widerlegen dürfte, er sei lediglich das Kunst- und Imageprodukt einer Plattenfirma.

Schließlich passt der grinsende Mann auf dem Cover mit seinem halb ins Gesicht gezogenen, leicht ramponierten Hut, Fünf-Sieben-Tage-Bart, Anzug und Krawatte perfekt zum Landstreicherleben, das Winston in "Like a hobo" besingt. Inklusive Wildwestgefühl, Mundharmonika und Pfeifen am Ende. Viel kantenloser kann man äußeres Erscheinungsbild und musikalische Darbietung kaum miteinander verknüpfen. Und das Album besänftigt Skeptiker umgehend und eindringlich. Mit Folk, Soul, Blues, Jazz und auch ein wenig Pop, hörbarer Leidenschaft, aber auch dem Hang zu einem Übermaß an Wehmut und Dramatik, wie etwa in "Calling me". Dennoch: Es ist der reale Winston, der in "Like a hobo" durch die Lande zieht und sich vielleicht weniger mit dem Lotterleben an sich als vielmehr mit der damit verbundenen Freiheit identifiziert.

"Hobo" startet mit dem Bass, den Winston bereits in der Band seines Bruders gespielt hat, bevor sich Piano und Bäser ins Arrangement von "In your hands" grooven. "I love your smile" scheint zunächst den Jazzpianisten in Winston zum Vorschein zu bringen, steigert sich dann aber zu einem der beeindruckendsten Songs des Albums. "Soundtrack to falling in love" tarnt sich zunächst als folkige Nummer mit Akustikgitarre, doch schon kurz darauf streichelt die Bürste über das Schlagzeug, Miranda Barbers Gesang steigt ein und schreitet mit Winston fast kanonisch von dannen, mit Rhythmusgruppe im Rücken und Geigen vor der Nase. Und in "Boxes" fragt er sich zusammen mit Schwester Anna Vashti, wie sinnvoll fremdbestimmte Kategorisierungen sind: "With these empty building blocks I could make a thousand me's."

"Tongue tied" erzählt von Winstons Erfahrungen in Frankreich, wo der Brite seinen Durchbruch feierte. Als kleine Hommage streut er französische und spanische Textzeilen ein und illustriert so Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten mit einer Einheimischen. "I gotta whole lotta lovin on the tip of my tongue / But the words won't come like I want them to come." Die Floskel "Voulez-vous coucher avec moi" entlarvt er natürlich sofort als solche - ein Leichtes für einen Vollblutmusiker, der als Landstreicher durchgehen würde. Denn wer so offenherzig über sein Leben als Ente schwadroniert ("For all my life I tried to hide the animal in me") und das Thema Tod in einen schmissigen Song wie "Kick the bucket" verpackt, könnte eine Fassade ohnehin nicht lange aufrecht erhalten. Oder wie Winston es formuliert: "Let me try to explain / I'm all tongue tied, but at least I tried / To build a little bridge to you." Versuch geglückt: Abstürzen wird man woanders.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • In your hands
  • Like a hobo
  • I love your smile
  • Generation spent

Tracklist

  1. In your hands
  2. Like a hobo
  3. Kick the bucket
  4. I love your smile
  5. My life as a duck
  6. Boxes
  7. Calling me
  8. Tongue tied
  9. I'm a man
  10. Soundtrack to falling in love
  11. Generation spent
  12. Every step
  13. My name

Gesamtspielzeit: 52:52 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Leatherface
2009-11-14 19:49:37 Uhr
Irgendwie ist der bisher an mir vorbei gegangen. Jetzt nicht mehr, zum Glück. Find ich super.
U.R.ban
2009-09-16 00:03:37 Uhr
Like A Hobo gefällt...
Thierry
2009-08-13 20:12:42 Uhr
Wirklich ein sehr interessanter Newcomer. Im letzten Frankreich Urlaub vor einigen Wochen liefen die fantastischen Singles im Radio den ganzen Tag rauf und runter. Das Album kommt hierzulande wohl im Herbst. Ich bin mal gespannt, wie es wird und wie es in Deutschland ankommt, könnte ein ähnlicher Überraschungserfolg werden wie Jason Mraz oder Milow.
Bagge
2009-08-05 21:10:18 Uhr
Wat is denn Huso?
Hobo ist ein amerikanischer Wanderarbeiter.
Kagge
2009-08-05 20:56:52 Uhr
Ist Hobo sowas wie Huso?
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