Jochen Distelmeyer - Heavy

Jochen Distelmeyer- Heavy

Columbia / Sony
VÖ: 25.09.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die große Blase

Das ging aber schnell: Der Zerfall von Blumfeld ist gerade einigermaßen verdaut, die Analyse zum reflexiven Manifest "Verbotene Früchte" just abgeschlossen, da schießt Distelmeyer auch schon sein erstes Solowerk aus der Hüfte. Er betitelt es "Heavy" und damit nach seinem Programm. Alte Narben reißen auf, die unverwechselbare Stimme bohrt tief ins Innere: "Ich geh' durch die Straßen / Ohne Gott und ohne Geld". Distelmeyer wird wieder konkret, klingt kraftvoll und motiviert. Muten manche der zehn neuen Songs auch wie Blumfeld-Klassiker an, heißt es dennoch: Alle Regler auf Start.

Es ist das urtümliche Gefühl des Stürmers und des Drängers: "Wohin mit dem Hass?" brüllt Distelmeyer da in seiner ersten Single und landet damit einen großen Coup. Lethargie ist das Thema, der Aufstand das Fazit. "Die Menschen in den Straßen benehmen sich wie Vieh / Laufen mit und fühlen nach Vorschrift." Oha, der Stachel sitzt tief. Ein stoisches Schlagzeug und die mächtigen Gitarren sorgen für den Protest, die hypnotisierende Melodie für das Aufbegehren. Ein großer Song. Distelmeyer macht auf "Heavy" keine halben Sachen: Die Produktion sitzt, die Studio-Band ist in bestechender Form.

Hat sich das Klavier im Intro von "Lass uns Liebe sein" eingepegelt, der Bass seinen Lauf gefunden, macht sich sogleich ein Song breit, der so federleicht ist, dass er mit beiden Händen festgehalten werden muss. Vergnügt und ausgelassen lässt er die bisherige Schwere des Albums zurück, fesselt durch seine Naivität, bis man erstaunt feststellt: Naiv war man hier höchtens selbst. So viele Ebenen, so viel zu entdecken. "Ich weiß jetzt warum ich hier bin / Stell mich in den Strom der Zeit / Auf meinem Weg durch all den Irrsinn zwischen Lust und Leid." Das wusste man zwar schon von Distelmeyer, aber wenn er es in solch fidele Musik verpackt, kniet man gerne ein weiteres Mal nieder.

Es ist erstaunlich, wie die Brüche zwischen den einzelnen Songs die Atmosphäre der Platte gestalten. Da trifft das flockige "Bleiben oder gehen" auf das ruppige "Hinter der Musik", bis "Hiob" beinahe im Industrial landet. Distelmeyer beherrscht sein Metier, weiß um die Kraft seiner Texte. Sicherlich wird man ihn irgendwann den deutschen Elvis Costello nennen. Doch bis hier Selbstgefälligkeit Einzug erhält, dürfen noch weitere Platten folgen. Und "Heavy" vielleicht auch irgendwann als Klassiker gelten. Ein beachtlicher Start für eine Solokarriere. "Ich reich dir meine Hand / Und geh' den ganzen Weg mit dir." Jochen - wir sind noch immer dabei.

(Christian Preußer)

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Highlights

  • Wohin mit dem Hass
  • Lass uns Liebe sein
  • Nur mir Dir

Tracklist

  1. Regen
  2. Wohin mit dem Hass?
  3. Er
  4. Lass uns Liebe sein
  5. Bleiben oder gehen
  6. Hinter der Musik
  7. Nur mit Dir
  8. Hiob
  9. Jenfeld Mädchen
  10. Murmel

Gesamtspielzeit: 40:52 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Das Podium
2019-06-13 09:19:48 Uhr
1: Bleiben Oder Gehen
2: Jenfeld Mädchen
3:Murmel

Kriterium war jetzt eher, ob es musikalisch " Klick" gemacht hat, die Texte hab ich jetzt nicht einzeln seziert.

The Hungry Ghost

Postings: 764

Registriert seit 15.06.2013

2017-03-18 13:08:54 Uhr
Where's The Revolution

https://www.youtube.com/watch?v=25sLe2ISKtg
Killer
2015-11-05 11:58:27 Uhr
ITunes-Bonus-Song "Einfach so"
wohin mit dem hass?
2015-11-05 11:55:57 Uhr
Jay-Dee
26.09.2009 - 11:17 Uhr
Fanboy-Addendum: Etwas bigott find ich dann doch, dass aus "Einfach so" die Zeilen "Manchmal denke ich, ich sollte mir 'ne Knarre kaufen - einfach so -, und damit durch die Innenstädte Amok laufen - einfach so." herausgenommen worden sind.


das ist richtig heftig (also die zensur).

der jochi-boy ist schon ein richtiger gangster...
IPs sind gesichert
2012-05-04 21:00:43 Uhr
Wohin mit dem Hass?

Siehst du die Reichen und Mächtigen? Lass ihre Wagen brennen...
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