Richard Hawley - Truelove's gutter

Richard Hawley- Truelove's gutter

Mute / EMI
VÖ: 18.09.2009

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Mond schien helle

Der Coolness-Faktor eines Richard Hawley ist nicht leicht zu bestimmen. Der Crooner aus dem nordenglischen Sheffield spielte zwar in den 1990ern in der Britpop-Band Longpigs und verdingte sich zwischendurch als Mitglied von Pulp. Ja, Hawley durfte sogar auf Elbows Meisterwerk "The seldom seen kid" mit Guy Garvey ein Duett singen. So viel zur Frage der Coolness. Wären da nicht weitere biographische und mitunter verräterische Eckdaten wie zum Beispiel die Produktion des Albums "Made in Sheffield" des Schlagerbarden Tony Christie in 2008. Aufschluss gibt auch das sechste Soloalbum von Hawley auf den ersten Blick nicht.

Folgende Szenerie ist auf der Grundlage des schaurig-schönen "Truelove's gutter" durchaus vorstellbar: Der Himmel ist klar, die Sterne sind zu sehen, und ein leichter Wind streicht um die Decks des Kreuzfahrtschiffes AIDA. Die Sitzreihen sind gefüllt mit Menschen, die ihre besten Jahre schon lange hinter sich gelassen haben. Vorne auf einer kleinen Bühne auf einem Schlagerhocker sitzt Richard Hawley, die Tolle gut geföhnt, der dunkle, lange Mantel passgenau geschneidert. Lächelnd schreitet Hawley durch die Reihen und sammelt die ersten Rosen aus der geratrischen Abteilung ein. Im Wohlklang schunkelnde Menschen bilden die Kulisse für dieses etwas seltsame Schauspiel.

Bis Hawley sich in "Soldier on" den Mantel von den Schultern und die Alexander-Marcus-artige Fratze aus dem Gesicht reißt und sich als Charon entpuppt, der die Toten nicht durch die Südsee, sondern über den Styx in den Hades schippert. "Soldier on" explodiert nach vier Minuten in fast elbowscher Wucht, und man bekommt einen ungefähren Eindruck davon, warum Hawley einer der meistgefeierten Sänger in Großbritannien ist. Hinweise gab es auf "Truelove's gutter" bereits zuvor. Die düster-melancholischen Songs laden auf den ersten Blick zwar ein, sie als Schlager im Stile eines Tony Christie mit einem Fünkchen mehr musikalischer Würde abzutun. Unter der manchmal etwas zu glatten Oberfläche der Liebeslieder verstecken sich aber zuhauf Anspielungen auf das Jenseits, Selbstmordgedanken und ähnliche Schlager-untypische Geschichten.

Auch die sehr reduzierte, ruhige, fast weihnachtliche Instrumentierung, die in erster Linie auf der Akustikgitarre basiert, und die Länge der Songs deuten an, dass Hawley mehr will als nur schwärmerische Liedchen zu schreiben. Prog-Schlager ist das Gebot der Stunde. Das über neun Minuten lange "Remorse code" wird getragen durch eine auf Hall gelegte Gitarre, die sich an den Sitzreihen vorbei in den Nachthimmel trägt und vom Flug der Möwen übers Meer getrieben wird. Und der romantische Abschlussschulterklopfer "Don't you cry" setzt "Truelove's gutter" mit fast elf Minuten Spielzeit die Krone auf. Seid nicht traurig, ihr Dahingeschiedenen, wünscht Hawley zum Abschied, lädt die Meute auf der anderen Seite ab und beginnt die Rückfahrt. Weiterhin gute Reise.

(Kai Wehmeier)

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Highlights

  • Remorse code
  • Soldier on
  • Don't you cry

Tracklist

  1. As the dawn breaks
  2. Open up your door
  3. Ashes on the fire
  4. Remorse code
  5. Don't get hung up in your soul
  6. Soldier on
  7. For your lover give some time
  8. Don't you cry

Gesamtspielzeit: 51:10 min.

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