Boxhamsters - Brut imperial

Boxhamsters- Brut imperial

Unter Schafen / Al!ve
VÖ: 18.09.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Zu reif für die Insel

Zeit ist auch wieder so ein Pflaster. Jedem sieht man es an jeder Geheimratsecke, jeder Furche und jedem Grübchen an, dass seine Geschichte so langsam auserzählt ist. Nur mit Boxhamsters-Platten ist das irgendwie anders. Die kommen zwar mittlerweile auch nicht mehr flotter als die meisten Regierungswechsel. Aber wenn sie da sind, sind sie gereift wie eine Pulle Wein. Und sie klingen altersweise, ohne sich wie die Eltern anzuhören, die man nie haben wollte. Ein kleines Wunder, weil die Boxhamsters eigentlich mittlerweile selbst zu alt für den Scheiß sein müssten: Die 80er haben sie überlebt, die 90er durchgemacht, die 00er mitgenommen und sind trotzdem noch am Leben - man müsste sie als die neuen Duracell-Männchen engagieren. Dabei könnten sie doch endlich mal was Richtiges machen: mit der Stretchlimo durch Gießen tingeln, sich am Legenden-Status berauschen und sich an Büchern über die alte Zeit dumm und dämlich verdienen. Doch wenn der letzte Akkord von "Brut imperial" verklungen ist, ist man dann doch ganz froh, dass die Boxhamsters diese Platte noch mal gemacht haben.

Bilder aus drei Jahrzehnten Leben klebt die Band hier in ein Album, das vier Musiker und zwei Kästen Bier so nahe bringt, als würden sie gerade live im Wohnzimmer spielen. Oder im Juze nebenan, klar. Eine echte Co-Produktion also, wie immer. Wie alle anderen Boxhamsters-Platten zuvor, ist auch "Brut imperial" mehr als bloß eine Sammlung von Songs, sondern auch ein Stück Chronik von vier Menschen, die ihre Geschichte(n) nicht in Tagebücher, sondern in Punkrock packen. Alleine deshalb schon hat sich "Brut imperial" verdient, gemacht zu werden. Die Welt von "Demut & Elite" von 2004 ist noch mal eine andere geworden, und Martin Coburger und der Rest der Boxhamsters sind als Menschen auch nicht stehen geblieben. Wenn dieser Coburger in "Lochfrass" die Schlagworte Hartz IV, Hoffenheim und Obama zu einem Statement verknüpft, ist das heute genau so bissig wie seinerzeit "Winnetou IV". Und wenn die Boxhamsters in "Der 3. Ton" nach all den Jahren mal über sich selbst reflektieren, dann natürlich ganz am Schluss von einem Alterswerk wie "Brut imperial": "Ein letzter Punkrocksong muss sein / Wir war'n lange genug dabei." Eine Band, ein Album, ein Überlebensmotto.

Zwischen diesen beiden Eckpfeilern Reflexion und Zeigefinger beschäftigt sich "Brut imperial" mit Zeug, das alte Säcke eben so beschäftigt. Die Erinnerung an die eigene Jugend etwa, die die Boxhamsters in "1982" in Bilder packen, die blumfeldeln, ohne dass man versucht ist, "Schlager!" zu schreien und "Skip" zu drücken - zur Nachahmung empfohlen. Und ihr Glück setzen sie in "Schluchtenflitzer" auf den Sattel einer Kreidler, stopfen Zickzack-Gitarren und Wipers-Bässe in den Gepäckträger, geben Gas und kommen dort an, wo sich vier Menschen finden, Jahrzehnte beerdigen und gemeinsam Lieder singen. Eine Platte wie zwanzig Jahre Freundschaft. Wen sie langweilt, den langweilt auch das Leben.

Ein Glücksfall zudem, dass "Brut imperial" so klingt, wie es klingt. So unaufgeregt, dass man es zwischendurch glatt auch Mutti vorspielen könnte. Und so selbstbewusst, dass Co "Flöz und Pökel" im Duett mit Eva Briegel von Juli schmettert, ohne sich irgendetwas dabei denken zu müssen. Möglich ist das vermutlich deshalb, weil schon vor dieser Platte klar war: Alles, was jetzt noch kommt, ist Bonus. Die Boxhamsters müssen ja eigentlich gar nicht mehr. Sie dürfen nur. Und wollten auf diesem "Brut imperial" eben auch noch mal. Sie haben ein paar Kumpels dazu eingeladen, die auf diesem Album auch mal ein Banjo mitsingen lassen. Sie haben Sitzkissen verteilt, Bier gesponsort und haben dann noch mal ein paar Songs aufgenommen, die sie aufgenommen haben wollten. Wenigstens einer geht aber noch. Oder?

(Sven Cadario)

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Highlights

  • 1982
  • Mogli
  • Flöz&Pökel

Tracklist

  1. 1982
  2. Herzigel
  3. Mogli
  4. Schluchtenflitzer
  5. Flöz&Pökel
  6. Daumenkino
  7. Lochfraß
  8. Gottmodus
  9. Der 3. Ton
  10. 1982 (Instrumental)

Gesamtspielzeit: 41:54 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Knut
2009-11-28 17:56:11 Uhr
Boxhamsters... spielen gleich in Köln. Zusammen mit Devil in Miss Jones (EA80-Projekt)
Yippieh !!!
Eurodance Commando
2009-10-22 00:07:54 Uhr
"Schluchtenflitzer" ist so ziemlich das schlechteste Lied, was ich zuletzt gehört habe...
Stephan
2009-10-21 23:16:17 Uhr
"Boxhamsters sind die Sonic Youth des Deutschpunk. Oder etwa: Die späte Antwort auf Buzzcocks?...die mit Abstand wichtigste Kapelle...als ob die Boxhamsters auf ihre alten Tage den jüngeren Tocotronic noch einmal die Grammatik des Rock´n´Roll beibringen könnten." Musikexpress 4/5
Kaki
2009-10-01 12:06:32 Uhr
hier ein weiteres Review:
Boxhamsters - Brut Imperial
Stephan
2009-09-21 21:03:51 Uhr

Vielleicht werde ich mit Ihnen älter, jedenfalls finde ich, daß Songs wie "Mogli" oder "1982" für die Ewigkeit sind... die Stimmung und der Sound von Boxhamsters ist einzigartig. Alle Daumen hoch für dieses Werk.
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