Jamie T - Kings & queens

Jamie T- Kings & queens

Virgin / EMI
VÖ: 04.09.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Katzensprung zum Quantensprung

Am Ende, kaputt, ein Wrack. Seelisch und körperlich. Vermutlich sogar kurz vor dem Burn-Out. Jamie T ging es richtig dreckig. Das Touren und Hausieren mit "Panic prevention" ging an die Substanz. "Die Leute: begeistert", würde Heinz Strunk sagen. Kritiker und Fans gleichermaßen lobten und liebten das Debütalbum des Engländers, der mit gerade mal Anfang 20 das Gesicht einer britischen Generation wurde, die angesichts mangelnder Perspektiven mit einem königlichen Besäufnis mehr anfangen konnte und wollte als mit einem Königshaus. Jamie T stand danach auf mehr Bühnen, als die Labour Party noch Befürworter hat. Dennoch hat sich T vergleichsweise schnell erholt, Kumpel Ben Coupland geschnappt und in einem alten Schuppen "Kings & queens" aufgenommen. Gut erholt, mit frischen Eindrücken aus der jetzigen und zurückliegenden Musikgeschichte und besser als zuvor.

Für Jamie Treays, wie T mit bürgerlichem Namen heißt, war es nur eine Frage der Zeit, bis ihm Bob Dylan begegnete: bekanntlich einer der erfolgreichsten und besten Singer-Songwriter, artikulatorisch jedoch gerne mal undeutlich, fast maulfaul - wie Treays, der auf "Kings & queens" in breitem britischem Akzent parliert und durch seine singrappende Art in lässiges Nuscheltum versinkt. Mit Dylan im Oberstübchen und Mike Skinner zwischen den Zähnen wirken "Emily's heart" und "Jilly Armeen" in ihrer wunderbar reduzierten Folk-Komposition keineswegs überraschend und noch weniger störend. Treays findet hier sogar seine Singstimme - und kann selbst Alex Turner noch helfen, die Puppen zu rühren.

Dessen ungeachtet bleibt das nackte Textkonstrukt stilsicher, frech und entwaffnend ehrlich. Über das Mädchen, das man besser nicht verletzen und schon gar nicht betrügen sollte, weil sie einem sonst das Leben zur Hölle macht. "Now I'm dying as a message to this town / This is what happens when you fuck around". Über Jungs, die in "Sticks 'n stones" nur auf Schlägereien aus sind: "If there's no one left to fight / Boys like him don't shine so bright / Soon as I see the dust settle / He's out on the town tryin' to find trouble." Und nicht zuletzt erklärt Treays 368 Milliliter Alkohol zu der Menge, die es braucht, um das Leben in der Großstadt erträglich zu machen. "It's the only way you're getting out", befindet Treays, während der Hörer das Klirren zweier Bierflaschen zu vernehmen vermeint.

"Panic prevention" war roher, wüster und aggressiver, "Kings & queens" ist hingegen harmonischer geworden, ohne seine Zitierfreudigkeit zu verlieren. Es steckt immer noch ein Joe Strummer in Jamie T, The Clash nach wie vor in "Sticks 'n stones" und vielen Fasern der Songs. In "Castro dies" breitet sich ein hiphopartiger Teppich auf einer unwiderstehlichen Bassline aus, "Spider's web" hält die Linie mit Americana-Folk auf einem Drum'n'Bass-Beat und "Chaka demus" lässt deutlich die Reggae-Zunge raushängen. "British intelligence" zitiert einmal mehr The Kinks und The Jam. "Earth, wind and fire" erlaubt es sich, Joan Baez' "Queen of hearts" in den ersten 30 Sekunden einzuspielen und eine unwiderstehliche, effektreiche Hook hinterherzuschieben. "The man's machine" ist bereits nach den ersten Lo-Fi-Gitarrenklängen und einzeln gedrückten Pianotasten ein Highlight und schüttet genau das Popherz aus, welches das Album immer wieder überstrahlt. Das ist es wohl: "Kings & queens" ist poppiger als sein Vorgänger. Für andere Künstler mit Jamie Ts Schnodderigkeit wäre das der Quantensprung in die Bedeutungslosigkeit. Hier aber hinterlassen selbst die kleinsten Schritte große Spuren.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • 368
  • Emily's heart
  • The man's machine
  • Spider's web
  • Earth, wind and fire

Tracklist

  1. 368
  2. Hocus pocus
  3. Sticks 'n' stones
  4. The man's machine
  5. Emily's heart
  6. Chaka demus
  7. Spider's web
  8. Castro dies
  9. Earth, wind and fire
  10. British intelligence
  11. Jilly Armeen

Gesamtspielzeit: 42:41 min.

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User Beitrag

Gordon Fraser

Postings: 1139

Registriert seit 14.06.2013

2016-11-26 11:15:17 Uhr
Friends stopped calling this time last summer.
I sit down sorrows and I start to sigh,
I gotta get there before Castro dies


digital
2010-02-22 15:11:47 Uhr
hat jemand die live-aufnahme aus der brixton academy gekauft? kann ich empfehlen, grossartiges konzert und sehr gute qualität für eine live-aufnahme! ein muss für jeden, der die beiden alben mag!

bestellbar unter http://jamie-t.sandbag.uk.com
Hubble
2009-11-19 15:42:30 Uhr
Wird heute in einem Artikel des FAZ-Feuilletons ziemlich abgefeiert.
Nicht ganz zu unrecht, finde ich. Super Platte!
Hotte
2009-10-08 14:22:09 Uhr
Oh nein! Shows fallen aus. Nix HH am 28. Schade!
Olpe
2009-09-20 18:16:30 Uhr
Hat den schon mal jemand Live gesehen ?

Ja. Er hat ne Band dabei (alles Kumpels von ihm, die ziemlich fertig aussehen, aber spielen können) und alle Songs werden deutlich schneller und rockiger gespielt.
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