Mein Mio - Irgendwo in dieser großen Stadt

Mein Mio- Irgendwo in dieser großen Stadt

Sound Guerilla / Deutsche Austrophon
VÖ: 28.08.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Fast wie im Märchen

"Nimm mich mit! Oh, nimm mich mit in das Land der Ferne. Dort ist jemand, der auf mich wartet." Wenn sich das Debüt-Album der Berliner Band Mein Mio in drei Sätzen zusammenfassen lässt, dann sind es diese - sie stammen überraschenderweise aus Astrid Lindgrens Kinderbuch "Mio, mein Mio". Die Sätze, nicht die Band. Obwohl mindestens Sänger Sebastian Block das Zeug zur Romanfigur hätte: ein lebenswacher Melancholiker mit dem Herz auf Augenhöhe und dem Blick auf Weitwinkel. Einer, der in Alltagsdramen himmlische Melodien entdeckt und das Versmaß der Ungereimtheiten kennt. Einer, der die Liebe als Souffleuse begreift, die entscheidenden Regieanweisungen aber seiner Intuition überlässt. "Wir müssten / Wenn wir wüssten, was wir wollten / Nicht länger das tun, was wir sollten", singt Block ganz am Anfang von "Irgendwo in dieser großen Stadt". In elf Liedern reisen Mein Mio durch Momentaufnahmen und Biographien, Tage und Nächte, und alles führt hin zu diesem einen, letzten Satz der Platte: "Mein Herz weiß ganz genau, wohin / Am Ende bekommt alles Sinn."

Dass Block mit dem ganzen Theater bestens vertraut ist, souverän die Kulissen hin- und herschiebt, von allen Seiten beleuchtet, und seine Stimme wie nebenbei in ein zartes Nachtblau taucht, könnte unter anderem daran liegen, dass er den Beruf des Bühnenmalers gelernt hat. Trotz ausgeprägter Detailverliebtheit hat er sich als Songschreiber jedoch eine fast kindliche Unkompliziertheit erhalten. Man spürt diesen naiven Charme, wenn Mein Mio Glockenspiel und Klavier umeinander tänzeln lassen - wie in "So wie Ihr" - oder wenn Simon Goldfains Schwebegitarre im epischen "Frag mich nochmal" daran erinnert, dass jeder dunkle Hain ein Märchenwald sein könnte. Rein theoretisch. Romantisiert wird hier aber rein gar nichts: Diese Lieder sind näher an der Realität als jedes RTL-Magazin. Der Abstandhalter am Gepäckträger wurde längst eingeklappt, und die ebenso entschlossen wie entspannt pulsierende Rhythmusgruppe ist genau das richtige Gegengewicht zu den Wirrungen des Lebens, insbesondere bei "Vorsicht an den Türen".

Auf "Irgendwo in dieser großen Stadt" geht es ums Verlorensein und Gefundenwerden, um die Unüberschaubarkeit der Möglichkeiten, den Konjunktiv als Komplizen und darum, wieviel zuckende Schultern tragen können. Manchmal ist alles ganz leicht, dann gelingt sogar ein klassisches Blur-Arrangement auf der Akustikgitarre. Man darf sich getrost auch mal ein bisschen Trotzigkeit gönnen, die kein Kind so lässig hinbekommen würde: "Ich hab heut' doch keine Lust auf morgen!" Dafür haben die Mios im Refrain drei Lieder später ziemlich viel Lust auf die Beatles, und finden nicht nur den richtigen Ton, sondern auch einen Anker für turbulente Zeiten: "Es gibt immer jemanden, auf den man wartet." Nicht nur im Land der Ferne. Es lohnt sich zum Beispiel, auf den "Freitag" zu warten, einen Ruhepol zwischen Geständnis und Verständnis, und auf die großartigen Streicher im sich nahtlos anschließenden Titeltrack. "Er ist auf dem Weg, er, den Du so lange gesucht hast. Er reist durch Tag und Nacht und hält in seiner Hand das Zeichen, den goldenen Apfel", heißt es in Lindgrens Märchen. Man wünscht Mein Mio dann doch lieber goldene Schallplatten in ihre Hände. Auf dem richtigen Weg sind sie schon.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Keine Lust auf morgen
  • Frag mich nochmal
  • Es gibt immer
  • Freitag

Tracklist

  1. Wenn wir wüssten
  2. Nichts was hilft
  3. So wie Ihr
  4. Keine Lust auf morgen
  5. Frag mich nochmal
  6. Sommer
  7. Es gibt immer
  8. Freitag
  9. Irgendwo in dieser großen Stadt
  10. Vorsicht an den Türen
  11. Am Ende

Gesamtspielzeit: 43:16 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Tufkaa
2009-08-28 21:19:18 Uhr
Gerade gehört und für gut befunden: fand nur Track 2 und die beiden letzten Titel etwas schwächer, aber immer noch anhörbar. Der Rest gefiel mir fast durchweg. Für mich das homogenste deutsprachige Album bisher in diesem Jahr, auch wenn die Texte nicht immer tiefgreifend sind. Trotzdem insgesamt auch von mir volle 7/10.
FFB
2009-08-28 15:27:09 Uhr
irgendwo in dieser grossen stadt stehn die XXX sich die füsse platt. skandal. skandal. skandal um rosi.
musie
2009-08-28 11:32:39 Uhr
ich mag das album und die rezi
musie
2009-08-28 11:32:03 Uhr
ich mag das album in die rezi
Ina Simone Mautz
2009-08-28 10:48:39 Uhr
@ rio

Bitte verwechsle Meinungsinkongruenz nicht mit Rezensenteninkompetenz :)
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