Komplizen Der Spielregeln - Es wird nur noch geatmet

Komplizen Der Spielregeln- Es wird nur noch geatmet

Sitzer / Broken Silence
VÖ: 14.08.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die erste Ebene

In Deckung, Kante! Aufgepasst, Kettcar! Freeze, Tocotronic! Und seid Ihr eigentlich noch wach, Tomte? Hier werden Backpfeifen verteilt. Stinkefinger gezeigt. Fingerspitzen gefühlt. Und drei Meter Pop an einer einzigen Nagelbettentzündung abgezählt. Man muss schon sagen: Das Revier des deutschsprachigen Indie-Rock nimmt das Debüt von Komplizen Der Spielregeln quasi im Handstreich. Musikalisch wie textlich: Spannender und zugleich manifester ging es hierzulande selten einmal.

"Pilotfilm" etwa springt kopfüber in ein verschleppt drückendes Klangbad. Ein Ausschwärmen von Lautstärke und Melodie, das sich durch mehrere Sechzehntelfiguren und chorales "Uuuhu" hymnisch unterstreicht. Bei den frühen Readymade brannte eine ähnlich energische Romantik zwischen den Verstärkern. Komplizen Der Spielregeln kontern sie durch Takte, Gitarrenläufe und Betonungen, die dem Mathrock entlehnt sind und wie filigrane Tintenstriche ineinandergesetzt werden. Zugleich bleiben sie aber harmonisch strikter bei der Sache. Sie ziehen, wie in "Rückkopplung" oder "Drei Meta Pop", Refrains und Beschleunigungsteile über alle Saiten durch. Sie bestehen auf schwelgerisch herausgeschossenen Noise-Pop. Und nutzen ihn als Löschpapier, in dessen Struktur noch die feinste Linienführung zu einem konsistenten Gemälde zerläuft.

Das macht "Es wurde uns etwas anderes versprochen" mit seinen dispergierenden Feedbacks zu einer reinen Herzensangelegenheit. Und wie eng Komplizen Der Spielregeln letztlich mit Indie-Wohlklang verbunden sind, zeigt auch die Art und Weise, wie aus der zerbrochenen Hektik von "Normalnull" ein gütig ausschunkelnder Schlussakt geboren wird. June Of 44 und Sonic Youth haben hier deutliche Spuren hinterlassen - abgeschritten wird der Kurs von "Es wird nur noch geatmet" jedoch in den Stiefeln von Seam oder From Monument To Masses. Sänger Tobias Ortmanns dehnt dazu die Vokale kompromisslos über mehrere Notensprünge, wählt die Betonungen teils sowohl gegen Texte und Musik, kürzt Zusammenhänge und Satzenden zu Steinbruchkanten, beschleunigt den Gesang, entschleunigt die Bedeutungen. Sein Vortrag bekommt so etwas Comedyhaftes. Das ist in etwa der frühe Vogel Rio Reiser, dem Rainald Grebe als Fang des Tages letzte Worte aus dem Hals skandiert. Lediglich bei "Kreissaalsafari" tappt Ortmanns in die Falle. Er zweifelt merklich an diesem ganz verzärtelt mit seinen Obertönen spielenden Melancholie-Brocken. Produziert leere Worthülsen wie die "verflossenen Entschlossenen" - und lädt sie in ein Repetiergewehr voll spürbarer Beiß- und Ladehemmung.

Ansonsten aber hat der Mann sowohl die Schnauze voll als auch nicht den Hauch einer Ahnung, wie er sich aus dem Murks heraushalten soll. Zuvorderst aus den ganzen "Hang in there, baby"-Lyrics der Sorte Kettcar oder Tomte, die ihren Mehrwert durch gefühlsduselige Verbrüderungen und ihr ewiges "Weiterweiterweiter" erzielen. Ortmanns Sprache hat anderes im Sinn. Sie ist analytisch, assoziativ, spielerisch und wenn direkt, dann bitte schön auch unverblümt. Sie bildet keine zweiten Ebenen, doppelten Böden oder Falltüren, befindet sich vielmehr im freien Fall durch ein M.C.-Escher-Treppenhaus. Im Ergebnis bekommen "doppelverdienende Wellness-Mütter" einen eigenen Refrain spendiert. Versucht "Weiß" mit einem Element-Of-Crime-Tango "das Gefühl nachzuzeichnen, wie es ist, wenn es wäre". Und auch Gangshouts werden selbstverständlich durch ein multireferentielles "Und jetzt alle!" eingefordert.

Humor funktioniert dabei als Waffe und Befreiungsversuch aus den eigenen Konsequenzen. "Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinken tut", "Wir müssen mit dem Fahrstuhl über den Berg" und "Sieht es eigentlich scheiße aus, wenn ich tanze?" sind solche Zeilen, die den freien Fall anhalten, durchladen und all die Cluster-Lyrics immer wieder aufbrechen. Den Vogel aber schießt die Selbstbegutachtung der Band-Perspektive ab: "Entweder gehen wir ein in die Analen / Oder wir sind ganz im Arsch." Hapuuh, ganz recht. Aber selbst das fasst die Entschlossenheit dieser Musik nahezu kongenial zusammen. Sie gibt sich nicht zufrieden mit halben oder ganzen Sachen. Eine größere Duftmarke muss erst einmal gesetzt werden.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Pilotfilm
  • Es wurde uns etwas anderes versprochen
  • Drei Meta Pop
  • Struktur um 4

Tracklist

  1. Position
  2. Lorem ipsum
  3. Pilotfilm
  4. Interconti
  5. Es wurde uns etwas anderes versprochen
  6. Normalnull
  7. Kreissaalsafari
  8. Drei Meta Pop
  9. Der Nächste, bitte!
  10. Oben lang
  11. Struktur um 4
  12. Weiß

Gesamtspielzeit: 48:00 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
hans peter messias
2010-03-15 19:09:09 Uhr
und hier jetzt dann das komplette album als stream:

http://soundcloud.com/komplizenderspielregeln/komplizen-der-spielregeln-album-es-wird-nur-noch-geatmet
LOLOL
2010-03-11 14:27:19 Uhr
Spacko
22.08.2009 - 13:31 Uhr
Der Sänger sollte bei nem Karussell auf der Kirmes arbeiten. "Und jetzt nochmal rückwääääääärts....."

Georg
22.08.2009 - 16:06 Uhr
Und der Drummer könnte die Fahrchips einsammeln, anstatt sich da weiter holprig an seinem Schlagzeug abkämpfen zu müssen.


ROLFCOPTER!!!11
Matteo
2009-11-29 22:09:59 Uhr
Die Stimme (Gesangsmelodie) am Anfang von Tod eines Handlungsreisenden Durch Becherovka erinnert mich stark an Efrim Menuck von A Silver Mt. Zion.

Wie ist der Rest im vergleich zu diesem Lied?
Georg
2009-11-01 18:09:13 Uhr
Solange sie sich als unantastbare Gewinner empfinden durch derartige Aktionen, sei ihnen dieses Gefühl gegönnt.
Steht Ihnen gut.

Schon ihr Statement "was ja bei uns selten ist" (bezgl. einer angemessenen Auseinandersetzung der Außenwelt mit ihrem ach so großen Schaffen) auf der Homepage ließ erahnen, wie eklig die drauf sind.

*schüttel*
Kugelfisch
2009-11-01 17:23:23 Uhr
"Ganz schlimme Ohrenwurst ist das!" :D
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