James Yorkston & The Big Eyes Family Players - Folk songs

James Yorkston & The Big Eyes Family Players- Folk songs

Domino / Indigo
VÖ: 07.08.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Zwei zurück, drei voran

James Yorkston schreitet im doppeltem Sinne zurück in Richtung Vergangenheit. Seine nun neu eingespielten und veröffentlichten "Folk songs" lagen schon seit geraumer Zeit in Yorkstons nicht selten wild rotierender Gedankenschublade. Noch bevor das vielschichtige und bunte Debüt "Moving up country" anno 2001 in den Läden stand, hatte der Schotte die Idee, nationalen Traditionals, die in seiner Gunst immer schon weit oben standen, den eigenen Anstrich zu verleihen. Doch bevor es zur Realisierung dieses ehrenwerten Projekts kommen sollte, stand Yorkston und seine Begleitband, The Athletes, mit einem Schlag bei Domino Recordings unter Vertrag, die ihm, bis zum letztjährigen Meisterstück "When the haar rolls in", vier Alben Eigenmaterial abverlangten. In der Zwischenzeit ist ihm der gleichermaßen virtuose Folk-Musiker und Landsmann Alasdair Roberts mit "The crook of my arm" und "No earthly man" zuvorgekommen, der ausgewählte, zum Teil mehr als fünfhundert Jahre gealterte Traditionals, aber auch Stücke aktuellerer Favoriten nicht nur neu aufzulegen wusste, sondern ihnen einerseits mit der Suche nach der minimalstischen, reduzierten Essenz und andererseits mit einigen zeitgenössischen Spitzen neuen Glanz einflößte.

Mit "Folk songs" geht Yorkston ein wenig oberflächlicher vor, ohne dass dies als Nachteil oder als negative Komponente verstanden werden soll. Im Gegensatz zu Roberts ist Yorkston nämlich kein Forscher, der neben seinem Songschaffen zusätzlich Hintergründe wie geschichtliche Fixpunkte mit aufdeckt. Stattdessen konzentriert sich Yorkston rein auf Melodie und Rhythmus sowie auf deren Ausformulierung und Ineinanderverwobensein. Auch entfernt er sich im Vergleich zum Kollegen weitaus öfter vom traditionsverneigenden Songwriting und lässt wesentlich mehr popmusikalische Bezüge zu, was vor allem sein drittes Album "The year of the leopard", in dem er dezente elektronische Verfremdungen zuließ, zeigte. Yorkston bezieht sich also nicht konkret auf die Traditionals und ihren Ursprung, sondern lässt sich von bereits veröffentlichten Interpretationen inspirieren. Anne Briggs, Shirley Collins, Christy Moore (ehemaliger Vorsteher von Planxty) und viele mehr - sie alle gehör(t)en zu den respektablen Speerspitzen des britischen Folk, die ihre Fühler subtil bis gar nicht nach rockistischen Strukturen ausstreckten. Und sie alle schenkten Yorkston und seiner zeitweiligen Begleitung von The Big Eyes Family Players die Grundlage für "Folk songs".

Mit dem beginnenden und fast auch schönsten Track dieses einnehmenden Albums, "Hills of Greenmoore", übernimmt Yorkston die Version von Anne Briggs und taucht sie tief in einen treibenden, repetitiven Rhythmus. Die Akustische hält sich mit beherztem Zupfen an jede Höhe, die Yorkston mit dem Ende jeder Strophe vorgibt. Autoritäre Fiddle und Flöte verweisen fast nicht wahrnehmbare Percussions und eine sich an jede Zeile anschmiegende Steel Guitar auf die hinteren Plätze, auf denen sie mit einem Höchstmaß an Subtilität zu brillieren wissen. "Hills of Greenmoore" ist ein zartes Monster an Einklang, in dem vor allem Yorkston selbst mit seiner stimmlichen Zurückhaltung, die ihm fälschlicherweise des Öfteren vorgeworfen wird, und seinem feingeistigen Vortrag der naturverbundenen Lyrics begeistert. "Just as the tide was flowing", inspiriert von Shirley Collins, gehört schon nach wenigen Rundläufen zum Lieblichsten, was der 38-jährige bisher auf Tonträger gebannt hat. Obwohl rein akustisch, suggeriert der auf einzelne Töne bedachte Beginn ein weitflächiges elektronisches Gerüst an hypnotisierender Gleichförmigkeit. Aber nur kurz, denn schon nach wenigen Sekunden leitet Yorkston mit einem Mehr an Akkorden in eine als Traditional erkennbare Ballade über. Die hohen weiblichen Backing Vocals verzücken schmerzlich schön. Und bevor der Refrain einsetzt, leiten Yorkston und seine intelligenten Begleiter, The Big Eyes Family Players, gekonnt zum minimalistischen Anfang über.

Wo The Atheletes mit eigenem Charme spielerisch und manchmal auch ungestüm vorgegangen sind (zumindest zu ihren Anfangszeiten), geben sich die Free Folker von The Big Eyes Family Players, deren eigene Alben sich durch einen sorgfältigen Wechsel zwischen den Attributen "traditionell, klassisch" und "sphärisch" auszeichnen, kontrolliert und letztlich auch versierter. Vor allem die Momente, in denen die hier schon mehrfach beschriebene ständige Wiederholung von Strukturelementen Einzug hält, zeigt sich ihr Talent, da sie niemals versuchen, aus diesem strengen aber nicht kühlen Gerüst auszubrechen. In "Low down in the broom", dem schwarzverhangenen Abschluss mit ungewöhnlich schnellem Rhythmus, ergeben sich Cembalo, Flöte und verschiedene Arten von kleinlauten und großwütenden Percussions dem zentralen Thema, variieren aber mit dezenten Untertönen. "Thorneymoor Woods", der traditionsreichste aller Tracks, macht widerstandslos mit einem anhaltenden Dröhnen und frei flotierenden, allzeit grandiosen Percussions. Ohne der melodiegebenden Fiddle und Yorkstons prächtigem Sangesorgan zu nahe zu kommen, so dienen sie doch eher als Stütze. Wenngleich "Folk songs" nicht die Größe von Alasdair Roberts "No earthly man" erreicht, reiht es sich doch ein in ein neues Selbstbewusstsein britischer Musiker wie Künstler, die behutsam nach hinten blicken und weit enfernt stehen von ärmlichen Kopisten und Retro-Revival-Schreihälsen. Yorkston darf sich nicht erst seit heute zu diesem illustren Kreis zählen, untermauert aber mit seinem fünften Album seinen Stand und Anspruch.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Hills of Greenmoor
  • Just as the tide was flowing
  • Thorneymoor Woods
  • Low down in the broom

Tracklist

  1. Hills of Greenmoor
  2. Just as the tide was flowing
  3. Martinmas time
  4. Mary Connaught & James O'Donnell
  5. Thorneymoor Woods
  6. I went to visit the roses
  7. Pandeirada de entrimo
  8. Little musgrave
  9. Rufford Park roachers
  10. Sovay
  11. Low down in the broom

Gesamtspielzeit: 48:28 min.

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modestmarc
2009-08-14 09:11:14 Uhr
Hab's mir auch angehört, sehr schönes Album, doch.
LostInACity
2009-08-13 23:08:21 Uhr
ich mag es auch.
Phaon
2009-08-13 21:33:48 Uhr
Ich finds auch echt gut! Das Album verdient definitiv mehr Beachtung.
gawain
2009-08-13 20:51:05 Uhr
so ein tolles album und so wenig einträge? allein martinmas time und thorneymoor woods sind wirklich kleinode. 2009 ist ein gutes folkjahr, alasdair roberts' spoils war ja auch schon fantastisch
georg
2009-08-07 18:19:38 Uhr
Wirklich ein tolles Album
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