Tortoise - Beacons of ancestorship

Tortoise- Beacons of ancestorship

Thrill Jockey / Rough Trade
VÖ: 19.06.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Gebärdensprache

Keine Instrumentalsongs sind auch keine Lösung. Das haben sich unsere lieben Postrock-Mitbegründer aus Chicago wohl gedacht, nachdem sie mit dem tugendhaften Alternative-Country-Songwriter Will Oldham aka Bonnie 'Prince' Billy vor drei Jahren das überaus gelungene Coveralbum "The brave and the bold" aufgenommen hatten. Vielleicht war es aber auch gerade die Güte dieses Projekts, die sie wieder zu ihren Wurzeln zurückführte. Dass sie eine musikalisch virtuose, spielfreudige Truppe sind, haben sie mit Alben, die inzwischen Musikgeschichte geschrieben haben, bewiesen. Dass sie auch im Kontext einer klassischen Band mit Gesang funktionieren ebenfalls. Aber warum überhaupt beweisen? Ihr sechstes reguläres Studioalbum "Beacons of Ancestorship" macht das Gegenteil deutlich: Diese Band steht mit ihrem individuellen Sound wie ein Wellenbrecher am Mekka - daneben, davor und dahinter kommt erst einmal ganz lange nichts. Die hier unter Referenzen genannten Acts sind also entweder Diebe, Nachahmer oder machen in Wirklichkeit ganz andere Musik.

"Beacons of ancestorhip" ist in erster Linie ein Album der Extreme. Von den frühen Soundbasteleien des 1994er Debüts bis zum manifestierten Wohlklang des letzten regulären Studioalbums "It's all around you" finden sich hier sämtliche Facetten der bisherigen Werke. Somit stellt es auch eine Reise durch die Diskographie dieser einzigartigen Gruppe dar. Bereits mit dem achtminütigen Opener "High class slim came floatin' in" wird deutlich: Das Quintett hat mehr Mut zu satten, vordergründigen Synthesizern entwickelt, ohne die typische Variation aus Rhythmen, kompositorischen Brüchen und Wendungen aufzugeben. "Prepare your coffin" erinnert in seinem hymnischen Wohlklang an das weltumarmende "It's all around you". Nach einem kurzen, rauhen Intermezzo im "Northern something" wendet sich "Gigantes" dem Minimal Progressive Rock zu und endet galant in einer Reprise des Openers. Apropos Minimal Progressive Rock: Falls es diese Musikrichtung bisher noch nicht gegeben hat, gibt es sie jetzt. Tortoise haben sie quasi im Vorbeigehen begründet.

Das schräge "Penumbra" lässt schon einmal die Alarmglocken schellen, dass im Anschluss etwas Unvorhersehbares passiert: "Yinxianghechengqi"! Das klingt, wie es sich spricht - dumpf und von Störgeräuschen durchsetzt -, rockt aber enorm. Augenzwinkernd, selbstredend. Eher zurückgelehnt wird man anschließend Zeuge des in Noten gegossenen Falls von zusammengerechnet acht funkelnden Diamanten. Lässig groovend geht es weiter mit "Minors" und der zerfaserten, von Electrobeats getragenen Freejazz-Nummer "Monument six one thousand". Nach einem weiteren Zwischenspiel darf im Showdown ausnahmsweise die E-Gitarre durchgehend Hostess spielen: "Charteroak foundation" beendet die Audiosafari nicht besonders spektakulär und doch im typischen Schildkrötensoundgewand.

Tortoise haben sich die Neugierde bewahrt, die sie zu immer neuen Experimenten mit Sounds und Strukturen antreibt und das Ungewisse, Flüchtige zu erhaschen sucht. Dass dies mittlerweile innerhalb eines eigenen Soundkosmos vonstattengeht, davon erzählt "Beacons of ancestorship" - denn Erzählung funktioniert im tortoiseschen Sinne eben auch ohne Songtexte.

(Christoph Behrends)

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Highlights

  • High class slim came floatin' in
  • Gigantes
  • Yinxianghechengqi

Tracklist

  1. High class slim came floatin' in
  2. Prepare your coffin
  3. Northern something
  4. Gigantes
  5. Penumbra
  6. Yinxianghechengqi
  7. The fall of seven diamonds plus one
  8. Minors
  9. Monument six one thousand
  10. De Chelly
  11. Charteroak foundation

Gesamtspielzeit: 43:39 min.

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User Beitrag
ummagumma
2009-06-28 21:20:01 Uhr
@mendigo:
die Einzelwertungen machen schon auch Sinn,weil es durchaus hin und wieder interessant ist,in wie weit sich die Highlights decken bzw. was die anderen besser finden.Da gibt es ja manchmal erstaunliche Unterschiede.Außerdem ist das der Versuch, detaillierter und anschaulicher zu erklären,wie man zu seiner Gesamtwertung kommt.Es sagt zumindest mehr aus, als einfach nur eine Gesamtnote hinzuschreiben.Man kann natürlich auch einen ganzen Aufsatz dazu schreiben,aber das liegt wahrlich nicht jedem,und auch da würde auf einzelne Stücke eingegangen werden.Bei den Plattentest.de - Wertungen werden ja auch Highlights dazu geschrieben und auf einzelne Stücke eingegangen.

Allerdings kommt halt bei den track-by-track-bewertungen der Gesamteindruck und das Gesamtgefühl zu kurz.Vielleicht sollte man ja 50 % track und 50 % gefühl trennen und dann daraus ne Gesamtnote machen...
Paul Paul
2009-06-28 20:39:16 Uhr
Großes Kino - wie fast immer.
Mendigo
2009-06-28 20:36:17 Uhr
man müsste mal generell unterscheiden zwischen den Einzelwertungen für die Stücke und der Gesamtwertung des Albums,weil da noch die Gesamtatmosphäre einfliessen muss bzw. das Hörgefühl,finde ich


ja und unter anderem deswegen versteh ich überhaupt nicht wieso hier ständig alle track by track wertungen durchkauen. macht mir weder spaß noch sagt es wirklich viel aus.
album wird gleich nachher gehört, die alten Tortoise Sachen die ich habe sind auf jeden fall groß.
ummagumma
2009-06-28 20:20:39 Uhr
Warum wird hier ein so grandioses Album eigentlich nicht vernünftig abgefeiert?
Neben den vielen Blagen hier gibt es doch auch noch Leute,die über Musik reden bzw. schreiben wollen,oder nicht....?

1)High Class Slim... 8,5/10
2)prepare your coffin 9/10
3)northern something 5/10
4)gigantes 9,5/10
5)penumbra 7,5/10
6)Yinxianghechengqi 6,5/10(ich komm mir vor wie bei lost in translation,sowohl vom Songtitel als auch vom Stück her,das klingt irgendwie so wie in dieser "Spielhalle" wo die Johansson irgendwann mal rumläuft,hat aber trotzdem was )
7)the fall of seven Diamonds plus one 9,5/10
8)minors 9/10
9)monument six one thousand 9/10 (hätte gerne was länger sein dürfen,find den Beat echt klasse)
10)de chelly 9,5/10
11)charteroak foundation 10/10

ne knappe 8,5
ich würd dem Album aber lieber ne 9 geben

man müsste mal generell unterscheiden zwischen den Einzelwertungen für die Stücke und der Gesamtwertung des Albums,weil da noch die Gesamtatmosphäre einfliessen muss bzw. das Hörgefühl,finde ich
napoleon dynamite
2009-06-28 12:30:17 Uhr
vielleicht haben sie sich auch nur gedacht, dass der name auf papier cool aussieht.
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