The Drones - Havilah

The Drones- Havilah

All Tomorrow's Parties / Indigo
VÖ: 15.05.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ton, Steine, Scherben

Wo es Trümmerliteratur gibt, muss es auch Raum für Trümmermusik geben. Den deutschen Literaten wie Heinrich Böll, Wolfgang Borchert oder Erich Kästner diente die persönliche Urkatastrophe des moralisch enthemmten Zweiten Weltkriegs hierfür als Bezugspunkt. Ein solcher Wimpernschlag der Geschichte (und mag er für unser Empfinden noch so maßgeblich gewesen sein) hätte jedoch nicht ausgereicht, um die Seelen von The Drones entsprechend zu vernarben: Ein tief empfundenes, ganzheitliches Unbehagen gegenüber der menschlichen Spezies thront über dem fünften Album des Quartetts. "Havilah" - der Name sowohl eines biblischen Utopias als auch einer Gegend im heimatlichen Australien - zeugt von einem schwer erschütterten Zivilisationsglauben, von verlorenem Urvertrauen gegenüber der eigenen Art. Der Mensch als des Menschen einsamer Wolf, verdammt zum Leben in sozialer und schließlich auch geografischer Ödnis.

Wo die Wüste metaphorisch zum Leitmotiv wird, staubt und knirscht es auch musikalisch: Ausgedörrter Indierock knurrt gegen die Songwriter-Tradition einsamer Whiskey-Trinker wie Tom Waits, spröde und rissig wie die Steppe des australischen Outback. Kein Wunder, dass beim Mainstream-Publikum mit so einem Sound bisher kein Durchbruch zu machen war, vom Blinddarm vielleicht abgesehen. Zumal der Eindruck entsteht, dass der umfassende Abgesang auf das Leben jenseits jeder Pose steht: Sänger Gareth Liddiard spuckt und krächzt im einen Moment widerspenstig, nur um in der nächsten Sekunde die Gitarren herunterzubremsen und Iod auf die Wunden zu schütten, wenn er sanft croont. Seine Texte wirken teils kryptisch, das Drama und verkündete Unheil dahinter bleibt dennoch leicht auszumachen. So klingt einer, der nicht nur die letzte Nacht mit Two Gallants im Gefängnis von Las Cruces verbracht hat.

Die Songs: Schlachtfelder psychischer Auseinandersetzungen, manche noch glutrot wie der Ayers Rock in der Abendsonne. "Nail it down" präsentiert sich zu Beginn noch annähernd geschmeidig, strauchelt aber nach 90 Sekunden in ein unkontrolliert mäanderndes Break und gibt damit einen ersten Eindruck von der unberechenbaren Natur der Songs. Mit "The minotaur" hält das Triebhafte Einzug: Markerschütternd kreischt die Gitarre sich Richtung Zusammenbruch, während Liddiard wie der mythische Stiermensch animalisch seinen Gesang herausbricht. Die leise Akustik von "The drifting housewife" könnte heilsam sein, aber: "I'd right the wrongs if I could / But some things can't be exchanged / So don't go getting married / You can only change her name." Regelrecht hasserfüllt prangert "Oh my" dann die menschliche Hybris im Umgang mit Erde und Mitmensch an, "people are a waste of food" ist als erste Zeile noch nicht die härteste. Das ist nicht bitter oder zynisch gemeint - eher als Tatsachenbehauptung.

"Havilah" ist ein einziger Brocken, schwer verdaulich, zu groß, um in einem Bissen geschluckt zu werden. Dissonanz und Atonalität dominieren, dazu Blicke in den psychischen Abyss wie der fast neunminütige Nick-Cave/The-Birthday-Party-Kniefall "Luck in odd numbers", die dem Hörer einiges an Zähigkeit abverlangen. Lediglich das Ende verheißt ein Streiflicht der Erleichterung: Beinahe fröhlich und beschwingt kommt "Your acting's like the end of the world" daher. Womöglich blitzt im Titel gar ein wenig selbstreflexiver Galgenhumor auf? Erst gegen Ende wird dem Hörer klar, dass ihm dieser Kraftakt von einem Album, den er gerade erst mühsam durchgestanden hat, entgegen aller Wahrscheinlichkeiten Spaß gemacht hat. Die Misanthropie wird leicht erträglich, sobald so viel musikalische Substanz dahinter steckt. Paradox, welch enorme schöpferische Kraft destruktive Musik in sich tragen kann. Mit dem Kopf im Sand lässt sich scheinbar trotzdem ordentlich Staub aufwirbeln.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Nail it down
  • The minotaur
  • The drifting housewife
  • Oh my

Tracklist

  1. Nail it down
  2. The minotaur
  3. The drifting housewife
  4. I am the supercargo
  5. Careful as you go
  6. Oh my
  7. Cold and sober
  8. Luck in odd numbers
  9. Penumbra
  10. Your acting's like the end of the world

Gesamtspielzeit: 53:19 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Ihhh
2019-08-11 21:18:40 Uhr
Ist das rechte Musik??
Castorp
2010-03-03 11:16:33 Uhr
Hoch damit!
Mendigo
2009-06-27 16:55:27 Uhr
ja, gute rezension, auch wenn ich das album scheinbar als nicht annähernd so niederdrückend empfunden habe (teilweise schon, aber nicht durchgehend).

leider hab ich sie live verpasst weil ich in der woche schon auf zwei anderen konzerten war und viel zu viel dringende sachen um die ohren hatte, was mich wirklich wirklich ärgert. immerhin ist das album nach wie vor für mich eines der besten des letzen (oder von mir aus auch diesen) jahres. zum "übersong" hat sich mittlerweile I Am the Supercargo gemausert (They take pain and superstition, And then they call it something else, And they build airfields in the jungle, That no plane can land on...).

und textlich eines der besten alben der letzten 10 jahre...
logan
2009-06-26 14:38:37 Uhr
Schön, dass "Havilah" nun noch die Aufmerksamkeit der Plattentests.de-Redaktion gefunden hat. Das ist wahrlich keine schlechte Rezension.

Wer selbst erfahren möchte, wie es klingt, wenn Songwriter-Folk, Postpunk und Alternative Rock miteinander freudlose bis unnachgiebige Urstände feiern, der möge sich auf MySpace die Titel 'Cold And Sober', 'The Miller's Daughter' und 'I Don't Ever Want To Change' von THE DRONES anhören.

'Work For Me' erinnert entfernt an eine noch kargere Version des rauesten Sounds, den die COWBOY JUNKIES je fuhren (auf ihrem außergewöhnlichen Americana Gothic/Folk/Blues Drone-Album "Open"). Andere Stücke erinnern an NICK CAVE zu unterschiedlichen Punkten seiner musikalischen Karriere. Und 'Oh My' klingt wie wohl nur THE DRONES klingen: >>I'm stuck here with you wookies and fortune cookies
sattgrün
2009-05-28 16:45:05 Uhr
Ich habe sie vorgestern zum ersten Mal gesehen (2007 leider verpasst) und kann die Begeisterung von Seb nur teilen. Die machten echt Laune! Zumindest die drei Männer.
Die Bassistin hätten sie aber auch zu Hause lassen und ihren Part vom Band einspielen können. Gefühlte 99% der Zeit stand sie mit dem Rücken zum Publikum und spielte lustlos vor sich hin. Glücklicherweise stand sie weit weg und ließ sich prima ignorieren.
Was den Zusammenhang zwischen Konzert und Platte angeht: Auf den Platten höre ich immer so einen leicht bis mittelschweren melancholischen Unterton heraus. Der fehlte live komplett, also eher Garage als Blues.
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