Tom Liwa - Eine Liebe ausschließlich

Tom Liwa- Eine Liebe ausschließlich

Ludwig / Indigo
VÖ: 22.05.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die drei Worte

Es klingelt, und Du öffnest die Tür. So, wie man das tut, wenn man eigentlich mit niemandem rechnet - sachte und skeptisch. Kein Staubsaugervertreter, kein Zeitschriftenverkäufer, kein Stromableser. Weil sich all Deine Erwartungen sowieso längst aus dem Staub gemacht haben, Du nicht mehr lesen, sondern nur noch fühlen willst, und eine Akustikgitarre keinen Strom braucht. "Hey, ich bin Tom, Tom Liwa", hörst Du eine Stimme sagen, die so vertraut klingt, dass Du Dir weder einen Ausweis zeigen lässt noch nach dem Anlass des Besuches fragst. Du lässt ihn einfach rein, obwohl es gar nicht Deine Art ist, einfach jemanden rein zu lassen. Er geht schnurstracks in Dein Schlafzimmer, als hätten Deine ganzen unerfüllten Träume einen roten Faden gesponnen, der ihm den Weg weist, von der Wohnungstür aus. Er setzt sich auf Dein Bett, das so aussieht, als hätten in den Tagen zuvor bereits zwanzig Tom Liwas dort Platz genommen. Dann beginnt er Gitarre zu spielen. Du kennst das Lied, kommst aber zunächst nicht darauf, was es ist, weil es so pathosbefreit und fragil klingt. Du schließt die Jalousien, an den Fenstern und an Deinen Augen.

"If I lay here / If I just lay here / Would you lie with me / And just forget the world?" singt Liwa, und endlich fällt es Dir ein: Das ist "Chasing cars" von Snow Patrol. Gerade als Du Dich fragst, was einen so hervorragenden Songwriter wie ihn wohl dazu bewegen mag, sein neues Album mit einem Lied zu eröffnen, das vor gar nicht allzu langer Zeit noch durch alle Radiosender, Supermärkte und Casting-Shows getingelt ist, hörst Du diese Zeile: "I need your grace / To remind me / To find my own." Du verstehst augenblicklich, warum "Eine Liebe ausschließlich" so und nicht anders beginnen muss; warum dies der ideale Prolog zu jenen Liedern ist, die zu den persönlichsten gehören, die Liwa je geschrieben hat. Und es geht darin immer nur um eines - die Erlösung durch die Symbiose mit anderen Menschen, mit der Welt und schließlich mit sich selbst. Du denkst an den Song "Eng in meinem Leben" von Liwas Band Flowerpornoes, damals 1996 auf dem Album "Ich & ich". Darin hieß es: "Ich will jemand / Der immer da ist / Jemand, der mich braucht und ich ihn auch / Eine Liebe, die ausschließlich und klar ist." Du öffnest die Jalousien wieder, an den Fenstern, aber nicht an Deinen Augen.

Liwa steht auf, geht ins Badezimmer und positioniert sich vor dem Waschbecken. "Alles, was ich sehe / Spiegelt mich / In diesem Muster, das uns hält", singt er, und der Wasserhahn tropft, wie eine immer präsente Erinnerung. Die Akustikgitarre klingt nach Nick Drake, nach dieser federleichten Schwere, und nach dem schönsten Liebeslied, das Liwa seit sehr langer Zeit geschrieben hat. "Gründe" schmiegt sich in jede Fliesenfuge, ins Ohr sowieso. Aber die Geschichte geht noch weiter und Liwa auf den Balkon: Von dort oben aus sieht man Menschen in Busse steigen, mit schweren Tüten und Taschen in Händen, die frei sein sollten. Die Gitarre ist in seltsamer Stimmung, zugleich zerzaust und gefasst, in jedem Fall aber bereit zum Exzess. "Du läufst immer noch vor mir weg", ruft Liwa nach unten, einem Bus hinterher, ohne auch nur ansatzweise anklagend zu klingen.

Du bittest ihn wieder herein und er bleibt im Wohnzimmer stehen, vor dem Regal mit den Reiseführern. "Manche von uns reisen, um zu vergessen / Andere, um sich selbst zu finden", singt er und Du nickst zustimmend. Der Refrain lautet "Wovor hat die Welt am meisten Angst?", und Du gehst erst einmal in die Küche, um darüber nachzudenken und zu den Klängen seiner Storyteller-Klampfe einen Tee zu machen. Während Du langsam die Teebeutel aus dem heißen Wasser nimmst, erzählt Liwa die Geschichte von zwei Menschen, die sich abhanden gekommen sind. "Daran, wie alles still steht / Kann ich sehen / Wie wir uns verändern", lautet die essentielle Erkenntnis und Du weißt plötzlich, dass Du heute keinen Zucker im Tee trinken wirst. "Moi non plus", schallt es aus dem Wohnzimmer und hat etwas Chansonhaftes. Das Telefon klingelt, Dein bester Freund ist dran, und es ist dringend. Während Du telefonierst, spielt Liwa im Hintergrund "Sanguinisch Moll", "Idiot wind" von Bob Dylan und ein Lied, das wie eine Autobahn heißt - "A2". Allesamt angenehm unprätentiös, sie lenken Dich nicht von Deinem Gespräch ab.

Du erzählst von den Sorgen Deines besten Freundes, dessen inneres Kind von den Zwängen und Pflichten der Gesellschaft entführt wurde. Liwa besteht darauf, dass Du ihn sofort noch einmal zurückrufst. Er spricht kurz mit ihm, verrät, dass er den Song "Traumjunge" für seinen kleinen Sohn geschrieben hat - es ist das einzige Lied auf "Eine Liebe ausschließlich", auf dem neben Akustikgitarre auch ganz dezente Percussion zu hören ist. "Lass los" singt Liwa immer wieder ins Telefon und folgt Dir schließlich in die Küche. Auf dem Tisch steht eine Schale mit Russisch Brot, er greift gezielt hinein und legt dieses eine Wort: "Gnade". Du willst die Tüte mit dem Altpapier vom Stuhl nehmen, sie kracht unten auf, die alten Zeitungen verteilen sich auf dem Boden. Und plötzlich verstehst Du, was Liwa damit meint, wenn er sagt, dass es in dem Lied um den Moment geht, in dem plötzlich alles wieder leicht wird. Du nimmst das G vom Tisch, isst es auf, arrangierst die Buchstaben ein wenig um, suchst in der Schale ein K und platzierst es in dem neu formierten Wort: Danke. Du holst nun doch Zucker für den Tee, aber als Du Dich wieder umdrehst, hörst Du nur noch die Tür ins Schloss fallen. Du gehst auf den Balkon und siehst, wie Liwa mit seiner Gitarre auf dem Rücken in einen Bus steigt. Seine Hände sind frei.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Gründe
  • Du läufst immer noch vor mir weg
  • Wovor hat die Welt am meisten Angst
  • Moi non plus

Tracklist

  1. Chasing cars
  2. Gründe
  3. Du läufst immer noch vor mir weg
  4. Wovor hat die Welt am meisten Angst
  5. Moi non plus
  6. Sanguinisch Moll
  7. Idiot wind
  8. A2
  9. Traumjunge
  10. Gnade

Gesamtspielzeit: 50:45 min.

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