Dirty Projectors - Bitte orca

Dirty Projectors- Bitte orca

Domino / Indigo
VÖ: 05.06.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kopf an Kopf

Menschen wie Dave Longstreth sind schuld daran, dass man sich als antriebsloser Langzeitstudent schlecht fühlen muss. Der Nietzsche-, Joyce- und Wagner-Fan aus Brooklyn hat bereits in Yale Musik fertig studiert und danach Art- und Kaffeehaus-Projekte mit Björk oder David Byrne am Laufen gehabt. Er hat sich selbst beigebracht, wie man ein Orchester arrangiert, und, nebenbei sozusagen, eine Diskographie mit seinen Dirty Projectors angehäuft, in der es nur so wimmelt vor Konzeptalben und anderen Ideen, die weit über den üblichen Rockmusikansatz hinausgehen, alle zwei Jahre mal ein paar Lieder zu einer Platte zusammenzuschmeißen. Zuletzt war da "Rise above", eine Track-by-Track-Cover-LP der Black-Flag-Wuchtbrumme "Damaged", die vom Original nicht mal die qualmenden Ruinen übrig ließ. Jetzt ist Longstreth 27, und er fängt auch noch an, Hits zu schreiben.

"Bitte orca" ist je nach bevorzugter Zählung das vierte, fünfte oder sechste Album der Dirty Projectors, und es hat mindestens "das Zeug" zur dritten 2009er-Konsensplatte des US-Indierocks nach Animal Collectives "Merriweather Post Pavilion" und "Veckatimest" von Grizzly Bear. "Das Zeug" ist in diesem Fall: Eine quer über das Album verteilte Ansammlung von komplizierten, vertrackten und streckenweise kaum mehr nachvollziehbaren Gesangsharmonien, die Longstreth unter sanfter Gewaltanwendung aus seinen Bandmitgliedern Amber Coffman, Angel Deradoorian und Haley Dekle herausgekitzelt hat. Eine Liebe zur abgefuckten E-Gitarre, mit der sich "Bitte orca" an auseinandermontierten Afrobeats und Soli abarbeitet, die rüberreichen bis zum "Run run run"-Gemetzel von The Velvet Underground. Aber eben auch: "Stillness is the move" - der Song, nach dem alles einen Sinn ergibt.

Schwer vorstellbar, wie ein Song noch mehr leisten oder unternehmen soll, ohne seinen Popmusik-Status jemals aufs Spiel zu setzen: Der Drumcomputer massiert einem hier die Fußsohlen, während er gleichzeitig Platz findet für all die melodischen Sticheleien, die ihn irgendwo zwischen den Einsen und Nullen jucken müssen. Coffman haucht und seufzt wie ein R'n'B-Starlett frisch nach der Herztransplantation, immer umgarnt und unterstützt von Background-Vocals, die sich in bemerkenswerter Freiheit durch das Stück bewegen dürfen. Die Gitarre kreiselt um ein marodes Melodiefragment, von dem die Einzelteile im Sekundentakt abbrechen. Und das Kammerorchester, das irgendwann unter so viel Gleichzeitigkeit aus dem Boden herauswächst, kommt schließlich als erstes auf dem Gipfel an, dem all das von vornherein entgegengestürmt war. Fünf Minuten 14, fertig eingerahmt zum an die Wand hängen.

Sogar textlich steht "Stillness is the move" neben sich und dem sonst sehr gerne abstrakten, rätselhaften Longstreth-Ansatz. Es ist ein erstaunlich (selbst)zufriedener Beziehungssong über Fortschritt durch Sesshaftigkeit - und deckt damit im Vorbeisingen auch noch das größte Erfolgsgeheimnis von "Bitte orca" auf. Als erstes Dirty-Projectors-Album ohne grundlegende Konzepte oder übergeordnete Themen will es nicht mehr die ganze Rockmusik gleichzeitig erneuern, unterwandern oder von hinten abstechen. Es akzeptiert Grenzen und Limits für sich selbst, aber auch für seine Zuhörer, und konzentriert sich stattdessen darauf, in neun formvollendeten Songs jeden Stein umzudrehen, der innerhalb seiner Reichweite liegenbleibt. Für Longstreth ein großer Rückschritt nach vorne. Bisher wollte er alles und hat das meiste davon auch gekriegt. Jetzt braucht er sich da keine Einschränkungen mehr gefallen zu lassen.

Was natürlich nicht heißt, dass es auf "Bitte orca" abseits der Killersingle nichts zu entdecken gäbe. "Fluorescent half-dome" stößt zwischen Walzerschlagzeug und Fingerschnipsen mit kullernder Orgel, quer treibender Bassmelodie, wortlosen Soulvocals und noblen Schlechtwettergeigen zusammen. Erschütternd ist daran aber weniger die schiere Bandbreite des Songs, sondern wie all das nacheinander durch- und zusammengeführt wird, als gelte es bloß, die Checkliste auf irgendeinem Klemmbrett abzuhaken. Der schlichtweg grandiose Tür-ins-Haus-Refrain, der aus dem sechsmintütigen Glamrock-/Kammerfolk-Kostümwechsler "Useful chamber" herausplatzt, kann einen da gar nicht mehr überraschen - wenn man schon einen beknackten Albumtitel wie "Bitte orca" hat, muss er den Leuten eben auch so prominent wie möglich unter die Nase gerieben werden. Wie gesagt also: Man sieht schlecht aus neben Longstreth und seiner Musik. Man ist da aber längst nicht alleine - und hat sich in seiner Nutzlosigkeit auch schon lange nicht mehr so gut gefühlt.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Stillness is the move
  • Useful chamber
  • Fluorescent half-dome

Tracklist

  1. Cannibal resource
  2. Temecula sunrise
  3. The bride
  4. Stillness is the move
  5. Two doves
  6. Useful chamber
  7. No intention
  8. Remade horizon
  9. Fluorescent half-dome

Gesamtspielzeit: 41:08 min.

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User Beitrag
IFart
2012-03-19 21:59:17 Uhr
weiß jemand schon was neues? will haben
Kamm
2012-02-05 01:14:03 Uhr
Hab gerade die Rise above gehört und bin ziemlich begeistert (und außerdem überrascht, nachdem ich mitbekommen habe, dass es sich um eine Neuinterpretation eines Black Flag-Klassikers handelt. Chaotisch, exzentrisch, aber auch immer wieder sehr schön!

Und der Nachfolger soll noch besser sein? Da kommt ja was auf mich zu. :)
basddsa
2011-10-19 21:13:42 Uhr
Fuck Yeah!

http://www.pitchfork.com/news/44352-dirty-projectors-respond-to-the-strokes-on-new-album-due-next-year/
Einzelkind
2010-11-04 21:10:15 Uhr
Ich muss das gesamte Jahr 2009 verschlafen haben. Erst St. Vincent und jetzt das. Naja, dann ist Useful Chamber eben mein Song 2010.
Einzelkind
2010-11-04 21:10:15 Uhr
Ich muss das gesamte Jahr 2009 verschlafen haben. Erst St. Vincent und jetzt das. Naja, dann ist Useful Chamber eben mein Song 2010.
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