Patrick Wolf - The bachelor

Patrick Wolf- The bachelor

Bloody Chamber Music / Ada / Warner
VÖ: 05.06.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Alle Register

Die Rockmusik hat noch einen gut bei Tilda Swinton. Nichts natürlich gegen ihre Rolle in "Michael Clayton" als Margaret Thatcher unter den Haifisch-Anwälten, die ihr 2008 einen Nebendarsteller-Oscar bescherte. Dass Cate Blanchetts Bob-Dylan-Werdung aus "I'm not there" in der gleichen Kategorie übergangen wurde, durfte man aber auch dann für Hollywoods größtes Missverständnis seit "Waterworld" halten, wenn man sich nicht jeden Abend in seine teuer eingekaufte Motörhead-Bettwäsche kuschelt. Swinton sieht das möglicherweise genauso - oder hat zumindest soweit ein schlechtes Gewissen, dass sie nun plötzlich als Erzählerin und so eine Art Duettpartnerin auf Patrick Wolfs vierter Platte "The bachelor" auftaucht. Natürlich hat auch dieses Album des Londoner Wundergeigers, Electro-Folk-Werwolfs und Glam-Posterboys wieder nur am Rande mit Rockmusik zu tun. Man will da aber nicht so sein wie Swinton in "Michael Clayton" selbst und im Zweifel für die Angeklagte stimmen.

Wolf jedenfalls hat einiges hinter sich seit seiner Entertainer-Platte "The magic position": Nach Labelquerelen und kleineren Skandal-Auftritten in Status-Quo-Videos und Madonnas VIP-Area erscheint "The bachelor" nun bei seiner eigenen, von den Fans mitfinanzierten Plattenfirma und nimmt sich alle Freiheiten heraus, die eine solche Ausgangsposition mit sich bringt. Es ist der erste Teil eines Zwei-Alben-Konzepts, das später dieses Jahr mit "The conqueror" abgeschlossen werden soll, und blickt zurück auf eine Zeit des ständigen Unterwegs- und Singleseins, die Wolf derart zermürbte, dass er sogar mehr oder weniger ernsthaft darüber nachdachte, in Zukunft keine Platten mehr zu veröffentlichen. Wer den 25-Jährigen, mittlerweile fest Vergebenen zuletzt aber auf einer Bühne erlebt hat, weiß natürlich, dass er sich nicht nur als Headseat tragendener Präzisionstänzer und Paradiesvogel im wahrsten Wortsinn wiedergefunden hat - sondern auch weiterhin einen Schritt weiter ist als alle, die ihm folgen wollen.

Menschen, die die Grundidee hinter "The bachelor" und "The conqueror" (die sich 2010 zum Doppelalbum "Battle" zusammensetzen sollen) schon hochtrabend finden, brauchen sich die Musik dazu gar nicht mehr anzuhören: Wolf beweist einmal mehr, dass der Begriff "alle Register" durchaus dehnbar ist und tobt sich in seinen bisher aufwändigsten, abwechslungsreichsten und detailverliebtesten Liedern aus. Schon die erste Mobilmachung "Hard times" spielt zwischen offensivfreudiger Leadgeige und ebenso angriffslustiger Elektronik auf mehreren Ebenen, von denen natürlich keine die Weltwirtschaftskrise ist. Durch die verwinkelten Kulissen aus "Oblivion" schrubben von Wolf bisher weitgehend verpönte E-Gitarren. Mit dem breit aufgestellten Refrain-Gedöns von "Damaris" holt er Drama-School- und -Queen-Diplom gleichzeitig nach. In "Theseus" wird Swinton von Ukulele und Sitar gepiesackt. "Who will?" zeigt seiner Kirchenorgel, was eine Breakbeat-Harke ist. Und von Kinderchören, Trance und Industrial wird bis dahin noch nicht mal angefangen.

All das kommt später noch, in der sexuell befreiten Vorabsingle "Vulture" etwa, deren "D-d-d-d-d-d-dead meat"-Chorus sich prächtig mitstöhnen lässt, oder im allem übergeordneten Titeltrack, der sich mit Wut im Bauch und Matthew Bellamy im Sinn in die dreckigeren Ecken der nächstbesten Kellerdisco wirft. Nirgendwo werden Kampfgeist und Stoßrichtung von "The bachelor" deutlicher als hier: Wolf schöpft Selbstbewusstsein und -sicherheit aus seinen düsteren Themen um Rastlosigkeit und Vereinsamung, die sich zweifelsohne auch in seine Musik übersetzt haben - und zu einem sehr guten, aber letztlich nicht zum besten Album seiner Karriere zusammenaddieren lassen. Der blanke Horror auf "Lycanthropy", die düstere Resignation von "Wind in the wires" und die farbenfrohe Wiederauferstehung mit "The magic position" gehen "The bachelor" ab. Die Platte funktioniert vor allem wegen ihrer überragenden Kunstfertigkeit, sucht aber noch nach einer unverwechselbaren Identität, die sich wohl erst nach Fertigstellung des Gesamtprojekts ergeben kann. Deshalb nur sicher bis jetzt: Diesmal ist das Albumcover wirklich scheiße.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Hard times
  • Who will?
  • Vulture

Tracklist

  1. Kriegsspiel
  2. Hard times
  3. Oblivion
  4. The bachelor
  5. Damaris
  6. Thickets
  7. Count of casualty
  8. Who will
  9. Vulture
  10. Blackdown
  11. The sun is often out
  12. Thesues
  13. Battle
  14. The messenger

Gesamtspielzeit: 52:46 min.

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