Cursive - Mama, I'm swollen

Cursive- Mama, I'm swollen

Saddle Creek / Indigo
VÖ: 05.06.2009

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ungutes Gefühl

Isaac Brock von Modest Mouse hat mal gesagt, es gehe im Rock'n'Roll darum, sich zu verfahren und jeden Meter des Umwegs zu genießen. Wahrscheinlich gibt es keinen Satz, der besser zutreffen würde auf das organisierte Chaos der letzten beiden Cursive-Platten. Kaum eine Band legt die Irrungen und Verirrungen des Musikmachens uneitler offen als Tim Kashers Ventil fürs Grobe: Was es überhaupt heißt, einen Song zu schreiben, wie das funktioniert und wie es einen auffressen kann, hat immer schon mitgeschwungen in seinen ebenso aggressiven wie verletzlichen und deshalb oft reichlich zerschrammten Liedern. Wie "Mama, I'm swollen", das mittlerweile sechste Album von Cursive, losgeht, kann man deshalb schon bemerkenswert finden - zumal "In the now" in all seiner Zweckmäßigkeit und Zielstrebigkeit kein Ausreißer bleibt, sondern auch den Ton der folgenden 40 Minuten vorwegnimmt.

Man weiß nach diesem Song, dass "Mama, I'm swollen" keinen Rückwärtsgang hat - und wie Mission Of Burma ohne das letzte bisschen Cleverness klingen würden; so eindimensional sich Cursive hier durch ihr Gitarrendickicht schlagen, so pflichtbewusst erledigt das Stück letztlich doch seinen Job. Danach sollte jedenfalls jeder drin sein in der Platte, die auch für "From the hips" nur kurz Luft holt, dann sehr effizient beschleunigt, aber auch dieses Lied mit einem abgegriffenen Sex-als-Problemlöser-Text verschenkt, der weit hinter Kashers lyrischen Möglichkeiten zurückbleibt. Die Bläser am Ende des Songs würgen ihm immerhin einen netten letzten Twist rein - sie spielen auf "Mama, I'm swollen" aber nie so prominent und zerfahren auf wie vor gut drei Jahren auf "Happy hollow". Keine Schnörkel hier, keine Überbleibsel und auch sonst nichts, was irgendwie durch die Decke gehen könnte.

Immerhin löst sich "Caveman" mit Schnellfinger-Orgel und merkwürdig blubberndem Kasher-Gesang in einem ausgesprochen zügigen Finale auf, während "I couldn't love you" gemeinerweise offenlässt, ob das angehängte "anymore" aus seinem Refrain nun mit oder ohne Leerzeichen zu verstehen ist. Kashers enthusiastisch herausgebrüllter Vortrag spricht für "any more", aber natürlich haben Cursive schon immer mit solchen Zweideutigkeiten und Ungewissheiten gespielt, sich vor allem textlich nie festnageln lassen und trotz ihrer klar abgesteckten Spielplätze - Zynismus, Religion, Schuld, art is hard - allzu Konkretes vermieden. Auch deshalb ist "Mama, I'm swollen" zumindest an den Erwartungen gemessen eine Enttäuschung: Kasher denkt wieder in Konzepten, singt von der Hölle und der Unmöglichkeit des Erwachsenwerdens, aber er findet diesmal keinen wirklichen Zugang zu seinen Themen - und hat am Ende nichts zu sagen, was man nicht selbst schon wüsste.

Folglich ist gut und wichtig für "Mama, I'm swollen", dass es sich zumindest musikalisch kaum eine Blöße gibt. Obwohl diesmal vieles im Autopilot abläuft, sind es eben immer noch Cursive, die da metertiefe Refrainlöcher in ihre Songs reißen, auch vor Böswilligkeiten wie der Planierraupe, mit der sie über die letzten zwei Minuten von "Mama, I'm Satan" rollen, nicht zurückschrecken und sich letztlich im großen Reinsteigerer-Finale von "What have I done?" wiederfinden, das die Gretchenfrage zur Platte gleich mitliefert. Kasher wiederholt sie, bis man es und ihn buchstäblich nicht mehr hören kann - er scheucht einen regelrecht raus aus der ersten Cursive-Platte, die sich nicht nur deshalb ungut anfühlt, weil sich Cursive-Platten nun mal ungut anfühlen müssen. Er weiß vielleicht sogar, warum.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • I couldn't love you
  • What have I done?

Tracklist

  1. In the now
  2. From the hips
  3. I couldn't love you
  4. Donkeys
  5. Caveman
  6. We're going to hell
  7. Mama, I'm Satan
  8. Let me up
  9. Mama, I'm swollen
  10. What have I done?

Gesamtspielzeit: 42:45 min.

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