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Sonic Youth - The eternal

Sonic Youth- The eternal

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 05.06.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Das bisschen Unabhängigkeit

Von Kunstausstellungen über Pop-Journalismus bis Sammelband-Herausgeber. Von Thurston Moore über Kim Gordon bis Lee Ranaldo: Sonic Youth haben es geschafft, als eine Band mit Mehrwert wahrgenommen zu werden. Seit über 25 Jahren machen sie Dampf in allen Gassen - eine Geschäftigkeit, die irgendwann auch auf die Band selbst übersprang. So scheint auch heute mehr im Spiel zu sein, obwohl Gordon mit Mitte 50 eigentlich nur mal wieder Zeilen singt wie: "What's it like to be a girl in a band? / I don't quite understand." Und dazu gemeinsam mit Moore/Ranaldo die Akkorde an sich selbst zerbrechen lässt. Man kann durchaus behaupten, dass Sonic Youth aktiv an diesem Selbstbild arbeiteten: Eine Gitarre, speziell gestimmt pro Song - wie divenhaft ist das bitte schön? Und was für eine "Nachricht", als all dieses Equipment einst ausgerechnet an einem 4. Juli fiesen Langfingern anheimfiel? Einfach nur eine Band - das waren und sind jedenfalls eher alle anderen.

Sprich: Wo bei Band XY zwischen erster Single und Debütalbum mindestens drei schwarze Löcher mit ordentlich Kreativitätsschub durchflogen werden müssen, damit die Aufmerksamkeit gewahrt bleibt, gelten für Sonic Youth andere Gesetze. "The eternal" ist gerade deshalb herausragend. Es ist weder ein Album des Abschweifens noch eines der Konzentration. Es findet in beidem seine Spannung und präsentiert Sonic Youth "to the max", ist essentiell und bezeichnend für ihr weniger grenzen-, aber beispielloses Schaffen. Und: Es funktioniert, ohne das wirklich Kreischende und Ultra-Aufgeheizte aus dem Giftschrank der Geschichte zu ruckeln. Die Essenz dieser Band, sie steckt nicht ausschließlich im Tinnituskanal fest.

Nur selten einmal wurden die Noise-Sperenzchen derart tight in Songgerüst und vor allem Rhythmik verbaut wie auf "Anti-orgasm" oder "Antenna". In vollstem Verzerrer-Modus über die Obertöne schlingernde Gitarrenhalsvermessungen treffen auf heraufbollernde Beats. Ein Akkord reicht für die Strophe, zwei für den Refrain. Dazu: melancholisch haargenau aufgehende Arrangements, die mal die unruhige, aber präzise Varianz von June Of 44 streifen, mal die zugedröhnte Flächigkeit der Drone-Post-Rocker Kinski so lange durchkitzeln, bis aus glatten Flächen überall Gänsehaut geworden ist. Auf "Poison arrow" klingt Moores Gesang dazu wie zwischen Richard Butler (The Psychedelic Furs) und Scott McCloud (Girls Against Boys) in die Daumenquetsche genommen. Schon klar: Gerade bei Sonic Youth verbietet sich der Vergleich mit allem, was nach oder vor ihnen Tango wurde. Dennoch ist das hier eindeutig Power-Pop mit trippigem Ausglühen, postpunkiger Eleganz und genau den Noise-Versätzen, die Post- und Math-Rock von ihnen gelernt haben. Zudem: zwei saugute Songs, wie sie von anderen kaum zu erwarten wären.

Dank geht auch an Urgestein John Agnello. Dessen Produktion stellt Riffs, Effekte und die gute alte halbverzerrte Indie-Klampfe zwar hart gegeneinander, fängt sie aber auch in einer schier massiven Dichte wieder auf. In der Folge lassen sich selbst die gewohnt beschwipst aufs Griffbrett gestimmten "Malibu gas station" und "Calming the snake" von Bass (Tour- und Ex-Pavement-Bassist Mark Ibold ist vorerst fest an Bord) und Schlagzeug in Kraut-Miniaturen spurgenau heraustakten. Auch "Leaky lifeboat (for Gregory Corso)" lenkt sich zwar kurz mit "Lalalas" ab, verschiebt seine Wah-Wah-Riffs aber trotzdem in eine trockene, punkige Präsenz. Und bietet als Sahnestück wieder eine Oberton-Figur an, die Anfang und Ende ganz für sich vereinnahmt, ohne dem Song selbst die Show zu stehlen.

So hängt und hing bei Sonic Youth vielleicht schon immer vieles und mehr an einer taktmäßigen Abgeklärtheit sowie an dem Potential, wirklich großartige Melodien zu finden - und weniger an der "Bereitschaft", dies oder das "zuzulassen", das oder jenes "zu tun". Sie sind eine Band wie alle anderen. Bloß besser, ertrag- und fantasiereicher, wenn sie denn in der "richtigen Stimmung" sind. Diesen, ihren eigenen Mythos haben sie längst überlebt. Das Beste, was ihnen passieren konnte, war wohl in der Tat der Instrumentenklau vor knapp zehn Jahren. "The eternal" feiert ein kleines bisschen Unabhängigkeit - laut und andächtig zugleich. Wie sich das gehört.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Anti-orgasm
  • Antenna
  • Calming the snake
  • Walking blue

Tracklist

  1. Sacred trickster
  2. Anti-orgasm
  3. Leaky lifeboat (for Gregory Corso)
  4. Antenna
  5. What we know
  6. Calming the snake
  7. Poison arrow
  8. Malibu gas station
  9. Thunderclap (for Bobby Pyn)
  10. No way
  11. Walking blue
  12. Massage the history

Gesamtspielzeit: 57:19 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

fakeboy

Postings: 1709

Registriert seit 21.08.2019

2021-12-22 00:12:41 Uhr
Wieder mal late to the party... Kann mich nur anschliessen, ein toller Karriereabschlus. Hab die Band dann auf der Tour zum Album zum ersten und letzten Mal live gesehen. War nicht ganz so toll wie erwartet, weiss aber nicht mehr warum ich nicht so begeistert war. Laut Setlist.fm wurden folgende Songs gespielt (ich erinner mich ganz sicher, dass sie mit She Is Not Alone begannen, was ich als Einstieg nicht so gelungen fand...), also an der Setlist kann's eigentlich nicht gelegen haben:

She Is Not Alone
The World Looks Red
Hey Joni
Sacred Trickster
No Way
Calming the Snake
The Sprawl
'Cross the Breeze
Antenna
Anti-Orgasm
Leaky Lifeboat (for Gregory Corso)
What We Know
Jams Run Free

Encore:
Pink Steam

Encore 2:
Shaking Hell

dieDorit

Postings: 2036

Registriert seit 30.11.2015

2021-12-21 22:14:56 Uhr
Stimmt, ich hatte inzwischen schon ganz vergessen, dass ich Sonic Youth vorher noch gar nicht kannte :D

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17988

Registriert seit 10.09.2013

2021-12-21 22:13:06 Uhr
Das Fazit zum Album habe ich während der Session ja schon vorweggenommen, in Zahlen auf jeden Fall 9/10 für mich. Nichts für die Top 5 der Band, aber nah dran.

Die Solo-Outputs finde ich auf hohem Niveau leider auch etwas enttäuschend, wobei ich zumindest den von Thurston schon echt gerne mag, das Album vom letzten Jahr war auch wieder toll.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17988

Registriert seit 10.09.2013

2021-12-21 22:10:37 Uhr
Erstmal bedanke ich mich bei euch allen. Auch wenn wir oft nur sehr kleine Runden waren und deswegen öfter mal pausieren mussten, hat es wirklich großen Spaß gemacht, sich gemeinsam durch diese besondere Band zu hören. Und wenn man damit zumindest eine Person (ich blicke in deine Richtung, Dorit :)) neu für die Band gewinnen konnte, hat es sich nochmal extra gelohnt.

Wann wir genau mit Radiohead anfangen, ist mir persönlich egal. Bin aber auch dafür, dass im allgemeinen Thread zu besprechen, da die potenziellen Teilnehmer*innen dafür nicht unbedingt hier mitlesen.

Old Nobody

User und News-Scout

Postings: 2617

Registriert seit 14.03.2017

2021-12-21 22:08:06 Uhr
Hatte das Album gar nicht so flott und teils sehr energiegeladen in Erinnerung. Hatte es aber auch stärker in Erinnerung. Ich hab da früher mal ne 9/10 gegeben. Da sehe ich es heute wegen ein paar Durchhängern nicht. Bin eher bei ner guten 8 bis ganz ganz knappen und wohlwollenden 8,5/10 dank der beiden großartigen Schluss-Tracks.

Die Band fehlt auf jeden Fall.Vom Solo Output gefiel mir am besten das Demolished thoughts von Moore. Finde aber auch, dass der gesamte Solo Output von allen qualitativ nicht an SY rankommt
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