Hell - Teufelswerk

Hell- Teufelswerk

International Deejay Gigolo / Rough Trade
VÖ: 02.05.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Totmachers Renaissance

Manche Dinge meidet man wie der Teufel das Weihwasser. Dazu zählten in den letzten Jahren auch die Releases von DJ Hells Label International Deejay Gigolo Records. Dabei waren es ausgerechnet die Damen und Herren rund um Gigolo, die um die Jahrtausendwende mit Veröffentlichungen von Miss Kittin & The Hacker, Tiga & Zyntherius, Dopplereffekt und Fischerspooner ein Genre namens Electroclash aus der Taufe hoben. Mittlerweile allerdings haben der flächig-trancige Klang des Kölner Kompakt-Labels oder der raumfüllende Industriesound der sagenumwobenen Berliner Technokathedrale Berghain samt anhängender Labels und Produzenten Gigolo eindeutig den Rang abgelaufen. Und da auch sein letztes Album "NY muscle" mau geraten war, entlockte einem die Nachricht einer neuen Platte von Hell verständlicherweise nur ein müdes Schulterzucken. Visionen wurden längst woanders entworfen. Umso größer die Überraschung angesichts der Klänge auf "Teufelswerk", Hells drittem Album. Das ist zwar einerseits die Aufarbeitung von nahezu 40 Jahren elektronischer Musik und somit eher zurück als nach vorne blickend, andererseits aber ist es eine Platte, deren Qualitätslevel man Hell auf seine alten Tage schon nicht mehr zugetraut hätte.

Das liegt vor allem an der herausragenden, "Day" betitelten zweiten CD des Doppelalbums, für die Hell unterstützt von Peter Kruder, Christian Prommer und Roberto Di Gioia Krautrock und Kosmische Musik von Bands wie Neu! und Can wieder aufleben lässt. Am besten gelingt das mit dem epischen Doppeltrack "The Angst" und "The Angst pt. 2". Beginnend mit einer Figur auf der Akustischen, einer pulsierenden Bassline, warmen Moog-Synthesizer-Klängen und wie direkt aus dem Himmel herabgleitenden Vocals steigert sich der Track im Verlauf seiner immerhin 15 Minuten mehr und mehr in eine elektronische Jam-Session. Dem voraus geht mit "Germania" ein schwereloser Track, der gänzlich ohne Beat auskommend über einen tuckernden Synthesizer eine Art elektronisches Spinett und ornamentale Synthiemodulationen setzt. Auf "I prefer women to men anyway" zitiert Hell die spielerischen Elemente von Yello und Art Of Noise, denen die atemlose Hitze, die in "Hell’s kitchen" herrscht, langsam die Kehle zuschnürt. Das nicht minder großartige "Silver machine" macht zum Abschluss des Albums aus dem Spacerock des Hawkwind-Originals eine im Tempo deutlich reduzierte, von allem Bombast befreite und selbstsicher auf ihrem entspannten Groove reitende Nummer.

Gegenüber diesen teils ambienten Klängen bietet die erste, "Night" getaufte CD die teutonisch-dunklen, kühl vor sich hin pumpenden Dancefloortracks, die man von Hell erwarten durfte. Von DJ zu DJ sozusagen. Da Hell Kooperationen liebt, hat er auch die Tracks auf "Night" zusammen mit Kruder, Anthony Rother und einigen anderen produziert und zudem mit Bryan Ferry und P. Diddy gleich zwei Schwergewichte des Popbusiness ans Mikrofon geholt. "U can dance" ist die housige Ausarbeitung eines ursprünglich von Ferry und Dave Stewart (Eurythmics) geschriebenen Stückes, auf dem Ferry das macht, was er am besten kann: den stets tadellos gekleideten, unwiderstehlichen Crooner geben, der immer ein bisschen posh um die Nasenspitze wirkt. Diddy hingegen schimpft im Chicagoesken "The DJ" auf die Radioedits von Technotracks, während Hell dazu im Spukschloss auf der Synthesizer-Orgel spielt: "This one goes out to all the motherfuckers that like 15, 20 minute versions of a motherfuckin record."

Dazwischen verheiratet "Electronic Germany" bleependen Oldschool-Electro mit den Vocoder-Stimmen Kraftwerks, die eine roboternde Geschichtsstunde in Sachen deutscher elektronischer Musik abhalten. Vocoder benutzt auch das von Anthony Rother mitproduzierte "Bodyfarm2", durch dessen mechanische Düsternis Hells EBM-Einflüsse am stärksten durchscheinen. "Wonderland" schließlich bewegt sich durch ein Spinnennetz minimalerer Sounds, lässt aber wie der Rest des Albums auch immer wieder typische Detroit-Flächen hören. Wenn man sich zudem die Mühe macht, jedes Acid-Zwitschern und sonstige hier versteckten Spurenelemente zu zählen, hat man schon einiges zu tun. Was eben daran liegt, dass Urgestein Hell und Kollegen nach all den Jahren wissen, wie es geht. Schon erstaunlich, wie lebendig "Teufelswerk" klingt. Zumindest für einen ehemaligen Totmacher.

(Harald Jakobs)

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Highlights

  • The Angst
  • The Angst pt. 2
  • Silver machine
  • U can dance
  • The DJ
  • Bodyfarm2

Tracklist

  • CD 1
    1. U can dance (feat. Bryan Ferry)
    2. Electronic Germany
    3. The DJ (feat. P. Diddy)
    4. The disaster
    5. Bodyfarm2
    6. Hellracer
    7. Wonderland
    8. Friday, Saturday, Sunday
  • CD 2
    1. Germania
    2. The Angst
    3. The Angst pt. 2
    4. Carte blanche
    5. Nightclubbing
    6. I prefer women to men anyway
    7. Action (Interlude)
    8. Hell's kitchen
    9. Silver machine

Gesamtspielzeit: 114:08 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
dabert
2009-05-28 19:24:39 Uhr
bodyfarm2 ist auch ziemlich geil!
Tufkalüdge
2009-05-28 19:16:56 Uhr
Wirklich ein geschmeidiges Album. Hab aber bislang nur die erste CD gehört. Highlight darauf: "Electronic Germany". Das macht wirklich Spaß!
peppey paloma
2009-05-28 15:06:44 Uhr
Touché ;)
Harald
2009-05-28 15:04:23 Uhr
@icarus line: die hat the field eingesackt.
peppey paloma
2009-05-28 14:45:55 Uhr
gute rezi! deckt sich größtenteils auch mit meiner meinung zu dem album.
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