Benjamin Diamond - Cruise control

Benjamin Diamond- Cruise control

Diamond Traxxx / Rough Trade
VÖ: 22.05.2009

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die unbekannte Größe

Es stimmt tatsächlich: Im glamourösen Jet-Set-Leben des Rezensions-Biz, das sich meist zwischen den Weltmetropolen Grillparzerstraße, München und gut 20 Briefkästen abspielt, kann man sich einiges erlauben. So reißt einem niemand gleich den Kopf ab, wenn man interne Rundmails heimlich in den Spamverdacht-Ordner steckt, Abgabetermine mit einer Kiste Bitburger durchfeiert, anschließend mit Armin über Duschgelsorten philosophiert, mit Ina schick Spaghettiessen geht und sich zum Abschluss mit Dani über Olis Fury-Phase lustig macht. Eine goldene Regel darf man jedoch nie und unter keinen Umständen brechen, wenn man nicht noch vor dem nächsten Update auf Hartz IV angewiesen sein möchte: Künstler, deren Bekanntheitsgrad knapp unter Bohlen, Ede Geyer und Schnappi anzusiedeln ist, müssen unbedingt erst mal vorgestellt werden.

Also: Benjamin Diamond war in einem früheren Leben auch schon mal Produktionsassistent von Jean-Pierre Jeunet ("... Amélie"), besitzt Daft-Punk-Connections und ist die Stimme des Stardust-Tanzflächenfegers "Music sounds better with you". Außer House-Fans und Vollzeit-Cineasten, die in ihrer Freizeit komplette Filmcredits auf imdb.com einschließlich aller Statisten in alphabetischer Reihenfolge auswendig pauken, kennt ihn trotzdem niemand. Wie Benjamin Diamond das bei dieser Vita geschafft hat, ist sein Geheimnis. Aber zumindest kann nun niemand mehr behaupten, noch nie was von Benjamin Diamond gehört zu haben.

"Cruise control" ist nicht Benjamin Diamonds erste Platte, aber die erste, die er in Quasi-Eigenregie fertig gestellt hat. Ohne großen Plattenfirmenmob im Rücken, ohne Deadlines, die über seinem Kopf kreisen wie die Klinge einer Guillotine. Aber mit viel Zeit und Muße für seine Arrangements und Songs. Die haben ihre Wurzeln im modernen Popsong-Schreibertum mit allem drum und dran – und seine Vorlieben für House, Elektronika, Dance und Wave kann Benjamin Diamond in ihnen auch nicht immer verbergen. Sie sind so vielseitig wie zeit- und schwerelos: Zu ihnen kann man mal tanzen, mal schmusen, mal die Füße hochlegen, aber auch mal zwei Scheiben Toast beidseitig mit Brombeermarmelade bekleckern. Vor allem natürlich tanzen.

Es ist auch gar nicht schwer, Benjamin Diamond sympathisch zu finden. Er ist ein Franzose, der all seine Songs in Englisch singt, und das hört man zum Glück auch ein wenig. Seine ohnehin schon gefühlige Stimme behandelt Vokale wie Muttis bestes Sonntags-Porzellanservice. Sie streicht über die Konsonanten auf seiner Platte, als seien sie ein besonders teurer Schmelzkäse mit besonders leckeren Kräutern aus der Provence. Zudem beweist der Mann meist auch darüber hinaus einiges an Stil. Von seinen launigen Casio-Keyboards bis zu den warmen Bässen, die seine Songs erhitzen wie Junisonne den Rücken von Bikinimädchen: Alles klingt handgemacht, analog, wohlüberlegt, ist schön anzusehen und unaufgeregt. Aufgeregeter als die eine oder andere Funk-Gitarre, die Gastauftritte auf seiner Platte hat, wird es nicht. Die garstigen Vocoder-Effkte in "Same all things" können nur ein Streich des Studiopraktikanten gewesen sein. Ist doch so, Monsieur Diamond, oder?

Es kommt nicht ungelegen, dass auch seine Musikstücke auf "Cruise control" ziemlich gut in weiterem Sinne sind. In "1000 lives" zelebriert er mit aufgeknüpftem Hemd die Lässigkeit des klassischen Popsongs, fängt unter Stroboskoplicht und Discobeats von "Baby's on fire" Feuer und hat mit "This is it" auch ein Lied für all jene gemacht, die Samstags morgens nach dem Aufwachen mit Musik im Bett eine Stunde liegen bleiben möchten. Gut möglich, dass seine Musik unter all den Kuscheldecken-Sounds eigentlich gar nicht mal so wahnsinnig aufsehenerregend gestaltet ist. Auch möglich, dass man auch nach "Cruise control" den Menschen noch erklären müssen wird, wer zum Teufel denn eigentlich dieser Benjamin Diamond ist. Aber man wir ihm kaum vorwerfen können, nicht zumindest einiges versucht zu haben.

(Sven Cadario)

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Highlights

  • Baby's on fire
  • This is it

Tracklist

  1. 1000 lives
  2. Still
  3. Baby's on fire
  4. The letter
  5. The other side
  6. Deep inside
  7. Same all things
  8. Don't stop
  9. Looking 4 a sign
  10. This is it
  11. Miss u

Gesamtspielzeit: 44:10 min.

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