Iron & Wine - Around the well

Iron & Wine- Around the well

Sub Pop / Cargo
VÖ: 22.05.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Great lake walker

Wenn Sam Beam in einer Kirche auftritt, ist das natürlich von vornherein und aus Gründen, die ihm ins Gesicht geschrieben stehen, brenzlig. Letztes Jahr hat er es trotzdem mehrmals getan, und während hinter ihm der Messwein zu köcheln begann, offenbarte er sich tatsächlich als Messias des Folksongs, der auch noch Afrobeat, Hanflatschen-Funk und Rock'n'Roll im besten, weil unmännlichsten aller Sinne, fertig bringen konnte. Wer also irgendwas lernen wollte vom 2007er Iron-&-Wine-Album "The shepherd's dog" und dem Jahr, das Beam hintendran hängte, dann hoffentlich, dass ihm der Platz in Amerikas erster Songwriter-Reihe zusteht, den Conor Oberst offenbar nicht mehr haben will. "Around the well" ist da in zweierlei Hinsicht ein gutes Zeichen: erstens, weil nur die wirklich Großen ihre Archive so vollständig ausräumen dürfen, wie das hier passiert. Und zweitens, weil auch diese Iron-&-Wine-Platte wieder untermauert, welchen Status als eigenständige, Ton angebende Stimme sich Beam mittlerweile erspielt hat.

"Around the well" unterteilt 23 bisher unveröffentlichte oder wenigstens rare Iron-&-Wine-Lieder in Homerecordings (CD1) und vollständig ausgestaltete Bandversionen (CD2) - das Schöne dabei ist, dass die ausgefeilteren Disc-2-Songs in der Tat voller und vielseitiger klingen als ihre Gegenstücke auf dem ersten Tonträger, obwohl Beam und seine Leute gar nicht so wahnsinnig viel mehr Aufwand um sie betreiben. Beam ist eben ein Weltmeister der Ökonomie: Er kann Lieder aufnehmen wie "God made the automobile", die sein Background-Chor weitgehend alleine trägt, ohne ein richtiges Wort singen zu müssen, weil sein Songwriting immer präzise ist und klare Ziele verfolgt, die andere schon beim ersten Streicherarrangement aus den Augen verlieren würden. Hier aber hat nichts Übergewicht und alles eine Funktion - weshalb letztlich nicht mal die Homerecording-Seite von "Around the well" nach LoFi klingt.

Stattdessen umgibt diese elf Stücke nicht nur wegen des sehr präsenten Banjos ein intimes "Seven swans"-Gefühl - untermauert durch das runtergehungerte Flaming-Lips-Cover "Waiting for a superman", mit dem sich Beam im Kampf gegen die Eierköpfigkeit von DC Comics neben den Seelenverwandten Sufjan Stevens stellt. Ähnlich wie beim Staatensammler aus Michigan sind Religiosität und Spiritualität auch für Iron & Wine tragende Themen. In "Dearest forsaken" ist Beam zerrissen zwischen Vertrauen und Verzweiflung, er singt immer wieder vom Vergessen und Erwischtwerden und wandert als Sünder, der es besser weiß, durch seine karg umrissenen Naturbilder. Die Lückenhaftigkeit seiner Texte steht dabei quer zur Greifbarkeit der Lieder und am Herzen von "Around the well" - funktionieren kann das nur, weil weiterhin nichts in Sichtweite ist, das Beam aus der Ruhe bringen könnte.

Auf der zweiten CD mischen sich Dub und Funk, Krautrock und westafrikanische Spurenelemente ein, ohne die Ausgeglichenheit der durchaus als Album funktionierenden Platte in Gefahr zu bringen. Was sich das abgeklärt abgeklopfte New-Order-Cover "Love vigilantes" noch verkneift - das genau wie "Waiting for a superman" von Beams bis auf die Knochen runter gehender "Such great heights"-Version überboten wird -, läutet schließlich das organisierte Chaos aus "Serpent charmer" ein. Scheinbar mühelos findet "Around the well" einen sechsten Gang für seine letzten fünf Lieder, verzockt "Kingdom of the animals" mit glorreichem Barmann-Piano und löst die außerkörperlichen Erfahrungen von "Carried home" in einem Fieberwahn-Outro auf, wie sie vor 40 Jahren aus Kölner Kellerräumen an die Erdoberfläche gedrungen sind. Keine Miene bei Beam - er sägt schon am nächsten Thron.

"The trapeze swinger" macht sich mit der sturen Unbeirrbarkeit eines Bob-Dylan-Albumclosers auf zehn Minuten und acht Strophen breit; kaltschnäuzig wird der Song über ein unvergessliches Mädchen Level für Level um Tapemanipulationen, kreiselndes Klavier und Freiform-Geflöte erweitert, während Beam einfach immer weiter singt, weil das eben sein Weg ist, mit den Dingen fertig zu werden. Dass dieses Stück nie auf einem Iron-&-Wine-Album untergekommen ist, ist genauso unglaublich wie einleuchtend - als Einzelteil wäre es stets zu unhandlich geblieben, sein Schatten zu lang und sein Versprechen zu groß. Am Ende von "Around the well" nun kann es aufgehen wie die Sonne - und Beam am Eingang in eine neue Dimension abfangen. Dass es und er so weit kommen würden? Hätte man sich eigentlich ja denken können, wenn schon mal ein Songwriter auftaucht, der aussieht wie Jesus an der Kasse eines Dritte-Welt-Ladens.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Dearest forsaken
  • Such great heights
  • Carried home
  • Kingdom of the animals
  • Arms of a thief
  • The trapeze swinger

Tracklist

  • CD 1
    1. Dearest forsaken
    2. Morning
    3. Loud as hope
    4. Peng!
    5. Sacred vision
    6. Friends they are jewels
    7. Hickory
    8. Waitin' for a superman
    9. Swans and the swimming
    10. Call your boys
    11. Such great heights
  • CD 2
    1. Communion cups and someone's coat
    2. Belated promise ring
    3. God made the automobile
    4. Homeward, these stories
    5. Love vigilantes
    6. Sinning hands
    7. No moon
    8. Serpent charmer
    9. Carried home
    10. Kingdom of the animals
    11. Arms of a thief
    12. The trapeze swinger

Gesamtspielzeit: 91:41 min.

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User Beitrag
Konsum
2010-02-27 19:29:03 Uhr
So scheissengut!!!
bee
2009-11-23 19:13:05 Uhr
Arms of a Thief ist ganz gross! und auch die Cover Versionen sind überzeugend - insgesamt gute Platte!
muh
2009-05-28 11:43:11 Uhr
bin ich der einzige, der findet, dass die akkorde von "sacred vision" und "such great heights" stark ähneln ?
ich
2009-05-25 16:47:20 Uhr
achtung: off topic
nee, "ich" will ich nicht heißen! dann lieber someone ... erinnert mich sonst zu sehr an ich&ich (brech)
ich
2009-05-25 16:38:47 Uhr
soll das eine compilation älter alben sein, dann von mir aus ...
aber den track den ich auf myspace angehört habe fand ich zum gähnen müde ...
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