Tori Amos - Abnormally attracted to sin

Tori Amos- Abnormally attracted to sin

Universal Republic / Universal
VÖ: 15.05.2009

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ran, Tasten

Sie hat gekeucht und gestöhnt, geseufzt und geächzt, gejauchzt und geflötet. Das war gestern. Eifersucht ist für Mark Hawley, der mit Tori Amos und einem Harem von Tasteninstrumenten in Cornwall wohnt, nicht mehr angebracht. Es knistert kaum mehr zwischen Amos und ihrem Klavier, es sprühen keine Funken mehr. Amos hat Distanz aufgebaut zu ihren Instrumenten und ihrer Musik. Und es vielleicht nicht einmal gemerkt.

Kaum eine Erwähnung wert: "Abnormally attracted to sin" ist ein Konzeptalbum geworden, darunter macht es Amos schon lange nicht mehr. Diesmal auf dem Lehrplan: Sünde und was die Religionen und die Männer oder gleich die religiösen Männer daraus machen, nämlich eine Form der Unterdrückung. Das Missverständnis von weiblicher Erotik, die laut Künstlerin im obersten Regal des Zeitschriftenregals versteckt werde. Dagegen wolle Amos ankämpfen und für die "spirituell und sexuell integrierte Frau" einstehen. Diese Mission war ihr 17 Songs wert und stolze 72 Minuten.

Als sie neu im Geschäft war, hat Amos noch vieles der Phantasie überlassen, die Kunst des Weglassens beherrscht. Heute bremst sie nicht nur das Gehirn des Hörers, sie denkt gleich für ihn mit. Leichtigkeit? Fehlanzeige. Viele Songs wirken herausgepresst statt herausgepurzelt, erarbeitet statt erspielt. "Not dying today" ist derart überfrachtet mit Percussion und einer mäandernden Melodie, dass man kurz vorm Herzkasper steht. Beim schwülstigen "That guy" wünscht man sich alles, nur nicht der besungene Typ zu sein. Und das siebenminütige "Lady in blue", das am Ende von fiesen Gitarren malträtiert wird, ist sicherlich auch gut gemeint. Amos hat offenbar schon zu viel erreicht, um sich mit unterambitionierten Songs zufrieden zu geben. Sie kämpft mit ganzem Einsatz gegen halbe Sachen. Hier noch ein Loop, da noch ein Synthie, das geliebte Klavier muss ja weich liegen, wenn schon das Licht dunkel ist. Dabei vergisst sie aber, dass viele sie nicht als Dozentin lieben gelernt haben, sondern als Erzählerin an 88 Tasten.

Es wirkt beinahe wie ein Versehen, dass "Abnormally attracted to sin" auch einfache Songs enthält, die das Album in den Durchschnitt retten: das autobiograpische "Welcome to England", in dem sie verarbeitet, wie sie ihrem Mann zuliebe das halbe Herz in den USA gelassen hat und dem anderen halben nach England gefolgt ist. "Maybe California", das einem Streicheroktett dringend nötiges Vertrauen schenkt. "Mary Jane" ist gar der einzige Song ohne Ballast, nur Amos und ihr Piano. Und wenn sie in "Curtain call" mit ihrem zweiten Ich duettiert, dann ist sie endlich wieder die Alte, die Junge. Von der man aber auch 2009 lieber keine Interviews lesen sollte. "Die Songs kennen einander auch, sie stehen miteinander in Verbindung wie in einem unglaublich großen, emotionalen und spirituellen Orbit, der multidimensional immer in Bewegung ist", sagt sie. Aha.

Man könnte dem biemotionalen und multispirituellen Orbit natürlich einen Urknall wünschen. Man könnte Mulder und Scully rufen, die alles erforschen und nur als Hokuspokus enttarnen. Man könnte verzweifelt das Ventil dieses aufgeblasenen Etwas suchen. Oder man tut Amos einen Gefallen und sieht ihr gegenwärtiges Oeuvre als Gesamtkunstwerk, das auch mal einen schlechten Song oder zwei oder drei duldet. Es ist doch für einen guten Zweck.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Welcome to England
  • Maybe California
  • Curtain call

Tracklist

  1. Give
  2. Welcome to England
  3. Strong black vine
  4. Flavor
  5. Not dying today
  6. Maybe California
  7. Curtain call
  8. Fire to your plain
  9. Police me
  10. That guy
  11. Abnormally attracted to sin
  12. 500 miles
  13. Mary Jane
  14. Starling
  15. Fast horse
  16. Ophelia
  17. Lady in blue

Gesamtspielzeit: 72:03 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Greylight
2011-04-22 14:13:39 Uhr
Der Refrain hier z. B., einfach ein Genuss.
Greylight
2011-04-22 14:10:14 Uhr
Warum habe ich "Abnormally Attracted To Sin" eigentlich immer noch nicht gehört? Es wird anscheinend höchste Zeit dafür!

Als Fan sollte man es schon gehört haben. Knapp die Hälfte der Songs darauf sind schon sehr gelungen! Würde man es mit den guten Songs der "ADP" kombinieren, würde eine saubere 8/10 dabei herauskommen.
LG
2011-03-21 08:50:02 Uhr
Ich habe wieder Meerrettich an der Rosette.
logan
2011-03-21 00:04:12 Uhr

@ Leatherface:
"Was mich allerdings stört ist die Uneinheitlichkeit. Bisher hatten alle Tori-Alben auch soundtechnisch einen roten Faden und waren dadurch so wunderbar rund (insbesondere Scarlet's Walk), aber hier ist alles queerbeet"

Das ist es, was mich davon abhält, "American Doll Posse" als Album insgesamt wirklich kennen zu lernen, auch wenn ich's gelegentlich immer mal wieder (wenn auch recht selten) auflege. Ich komme ins Gesamtwerk einfach nicht so gut rein, es sind eher einzelne Songs, die mich aufhören lassen.
Bei "Scarlet's Walk" finde ich allerdings diese gegenläufige Einheitlichkeit auf die volle Spielzeit auch etwas ermattend. Da wirkt "The Beekeeper" erfrischender, obwohl es ihre poppigste Scheibe ist.

Warum habe ich "Abnormally Attracted To Sin" eigentlich immer noch nicht gehört? Es wird anscheinend höchste Zeit dafür!



@ Kim:
"Aber was Tori mit ihrem Aussehen gemacht hat, ist schlimm. Welch unnütze OPs!"

Ja, sie war so eine schöne Frau, warum musste sie sich da zerschneiden lassen, oder subkutan vergiften gegen Krähenfüßchen? Ihr hätten auch Falten gestanden, da bin ich mir sicher.


2011-03-20 01:27:32 Uhr
Nach dem Choirgirl Hotel
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