The Paper Chase - Some day this could all be yours (Part 1)

The Paper Chase- Some day this could all be yours (Part 1)

Kill Rock Stars / Southern / Soulfood
VÖ: 15.05.2009

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die rote Liste

Horrorfilme machen niemandem mehr Angst. Es sind viel eher die Launen der Natur, die den Menschen längst nicht nur ihren Schlaf rauben, sondern bereits ganz real ihre nackte Existenz bedrohen. Da ist es kein Wunder, dass der große Bedrohungsforscher John Congleton Naturkatastrophen für sich entdeckt hat. Die passen schließlich nachgerade perfekt zu den schroffen Landschaften der Musik, mit denen uns The Paper Chase Alpträume in Dur und (vorwiegend) Moll bescheren.

In diesen Zeiten globaler Untergangsstimmung erscheint es sogar möglich, dass "Some day this could all be yours (Part 1)" endlich der große Wurf der Texaner wird. Die Unterstellung von gewachsener Songdienlichkeit entpuppt sich auf diesem fünften Album nämlich keineswegs als so infam wie angenommen, denn tatsächlich gibt es noch mehr Ohrwürmer als auf der so schändlich ignorierten Großtat "Now you are one of us". Noch majestätischere Harmonien sorgen für Aufmerksamkeit, und selbst die Melodien dürfen sich länger als gewohnt entfalten. Diese entwickeln beim munteren Exorzismus von "The laying of hands the speaking in tongues (The mass hysteria)" sogar eine Art Unbekümmertheit. Umso konsequenter schlägt die wagnerianische Wucht des Lärms zurück.

Das Adrenalin fließt in Strömen. Die Musik von The Paper Chase ernährt sich von Hysterie, Dissoziation und Panik. Es herrscht wohlige Verstörung. Dissonanzen zernarben die Arrangements. Hier werden Streicher gequält und Klaviere zertrümmert. Regelmäßig nehmen Orchestermitglieder Reißaus, weil ihnen tollwütige Gitarren nachstellen. Congletons Produktionsgenie sorgt dafür, dass man dabei jede Bewegung hört. So klingen die Songs angemessen entstellt, wenn Kometen einschlagen und Wirbelstürme wüten.

Derlei Urgewalt angemessen entwickelt Neu-Drummer Jason Garner bei seinem Debüt fast schon Bonhamschen Wumms. Bereits der Opener "If nobody moves nobody will get hurt (The extinction)" lässt mit seinem stoischen Schlagzeug-Crescendo keinen Raum für Zweifel. So kann auch Garners verschleppter Beat den orientalischen Streichern von "I'm going to Heaven with or without you (The forest fire)" kräftig den Arsch versengen, und "The common cold (The epidemic)" verpasst er einen infektiösen Dancebeat, zu dem nicht nur Zähne, sondern auch verknotete Skelette munter im Takt klappern könnten.

Natürlich purzeln auch wieder jede Menge entleibte Zitate aus Congletons Hirn: "The small of your back the nape of your neck (The blizzard)" gibt nicht nur dem Begriff Gottesfurcht Substanz, sondern droht mit dem pervertierten Gospel "He's got the whole world in his hands". In "This is only a test (The tornado)" wracken delirierende Streicher und verstimmte Brian-May-Gitarren "Fairytale of New York" von den Pogues ab. Das wunderbare "This is a rape (The flood)" lässt nicht nur die Welt absaufen, sondern wirft ihr auch noch einen Kinderreim aus "Alice im Wunderland" hinterher. Und vor dem hymnischen Abschluss "We have ways to make you talk (The human condition)" lauert einer von Congletons berüchtigten Sprachfetzen: "Sometimes people have enough energy to say or do something meaningful right before they die, and that's nice. But that isn't common, usually people just die."

Die Menschen auf "Some day this could all be yours (Part 1)" wollen derlei abgeklärte Lebensmüdigkeit natürlich nicht wahrhaben. Sie greifen nach Hufeisen, Kreuzen und Knoblauch. Sie bemühen Exorzismen und Gebete. Doch letztlich sind die Mittel gegen das Ende hilflos, und The Paper Chase verweigern die Errettung. Vorerst. "We've all come to save you / But first we want to hear how loud you scream." Schon in Jahresfrist soll nämlich der zweite Teil des als Doppel konzipierten Werks erscheinen. Man darf jetzt schon gespannt sein, welche Katastrophen noch in Congletons Hirn lauern. In einer gerechten Welt wären dann endlich alle Menschen Fans seiner großartigen Band. Und wir alle könnten gemeinsam aussterben.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • I'm going to Heaven with or without you (The forest fire)
  • The laying of hands the speaking in tongues (The mass hysteria)
  • What should we do with your body? (The lightning)
  • This is a rape (The flood)

Tracklist

  1. If nobody moves nobody will get hurt (The extinction)
  2. I'm going to Heaven with or without you (The forest fire)
  3. The common cold (The epidemic)
  4. The laying of hands the speaking in tongues (The mass hysteria)
  5. Your money or your life (The comet)
  6. What should we do with your body? (The lightning)
  7. This is a rape (The flood)
  8. The small of your back the nape of your neck (The blizzard)
  9. This is only a test (The tornado)
  10. We have ways to make you talk (The human condition)

Gesamtspielzeit: 46:35 min.

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