Papercuts - You can have what you want

Papercuts- You can have what you want

Memphis Industries / PIAS / Rough Trade
VÖ: 24.04.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Wünsch Dir was

Betretenes Schweigen. Im Wohnzimmer und Aufnahmezentrum von Jason Quevers, alleinigem Kopf der Papercuts, schaut man sich überrascht und auch ein wenig ängstlich um. Wie ein leuchtend heller Blitzschlag ist vor wenigen Sekunden eine Gestalt im Raumesinneren erschienen, die sich selbst fremd vorkommt in den umliegenden vier Wänden. Der beisitzende Recording-Assistent nimmt seine Kopfhörer ab, gestikuliert wild mit Armen und Beinen: "Wer zum Teufel bist Du? Und wie um alles in der Welt bist Du hier reingekommen?" Der Fremdling scheint der englischen Sprache mächtig zu sein und antwortet verlegen: "Ähm, keine Ahnung. Also... ähm... ich weiß schon, wer ich bin. Aber was ich hier mache ... hm ... ich hab keinen blassen Schimmer. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist ... wow ... ist, dass eine Fee in meinem Zimmer erschien. Und dann? Moment, ich muss nachdenken."

Langsam fügen sich die Puzzleteile zusammen. "Die Fee, sie war da, um mir einen Wunsch zu erfüllen, den ich Sekunden vorher unbedarft in den leeren Raum gesprochen hatte. Ich erinnere mich: Ich wollte nach San Francisco, ein paar Wochen in Richtung Vergangenheit, um die Konzeption des aktuelles Papercuts-Album 'You can have what you want' direkt vor Ort ein wenig durcheinander zu bringen." Der Fremde erschrickt: "Also stimmt es tatsächlich, ich bin in San Francisco! Und Du, Du musst Jason Quevers sein!" Doch bevor der überrascht dreinblickende Mann mit bubenhaftem Charme, hinter einem Keyboard stehend, zu einer Antwort kommt, mischt sich der Recording-Assistent ein. "Okay, okay. Nehmen wir mal an, rein theoretisch, es stimmt, was Du hier verzapfst, was gibt's über unsere Konzeption zu meckern?" - "Na ja, ich will mich nicht beschweren, aber die letzten drei Tracks sind etwas mau geraten." - "Bitte?" - "Versteht mich nicht falsch, ich wäre sicherlich nicht hier, wenn der Rest der Platte mir am Arsch vorbei gehen würde."

Die Blicke des Fremden schweifen in die Ferne, und er beginnt zu lächeln: "Allein der erste Song 'Once we walked in the sunlight' haut mich immer wieder um. Ich weiß nicht, wie Ihr das hier in eurem Heimstudio hinbekommen habt, diesen epischen Charakter, den verschleppten Rhythmus. Ich könnte immer wieder aus der Haut fahren, wenn die bewusst monotone Strophe ihr Ende findet, die weitschweifenden Keyboards langsam jede Bodenhaftung verlieren und eine unbändige, psychedelische Hypnose eintritt. Grandaddy war mein erster Gedanke, Yo La Tengo mein zweiter. Aber jetzt denke ich nur noch: Papercuts. Und dann diese Drums, die im kompletten Gegensatz zum verträumten, nebulösen Rest stehen und mit ihren festen, prägnanten Stößen am Boden verwurzelt sind. That kills me every time. 'A peculiar hallelujah' ist gleichermaßen grandios, nur hymnischer, femininer. Deine Stimme erscheint ja immer irgendwie lieblich androgyn, Jason, aber spätestens im Refrain, den man schlichtweg mitsingen muss, schießt Du jede Geschlechtszugehörigkeit in den Wind. Was sich im anschließenden 'Jet plane' ja gleichermaßen hymnisch fortsetzt. Ich will nicht übertreiben, aber 'Jet plane' erscheint wie der zärtlichstes Shoegazing-Track in diesem Jahrhundert."

Die Lobhudeleien des Fremdlings lassen sich kaum stoppen. "Und dann 'Dead love'. Der beständige Marschrhythmus, Deine Stimme agierend im Zeitlupentempo, dann der hochemotionale Refrain mit der allein auf weiter Flur stehenden Elektrischen. Schöner geht's ...". Wüst unterbricht ihn der ungehaltene Recording-Assistent: "Wir kennen die Songs. Was ist nun verdammt mit den letzten drei Stücken los?" - "Schon gut, schon gut. Sie sind schlichtweg grottenlangweilig. Blutleer. Saftlos. Kraftlos. Nach dem vorangegangenen Flow, der sich durch die ersten, allesamt fantastischen sieben Tracks zieht - diese unglaublich großartige Songsammlung - kann ich mir diese Talfahrt kaum erklären. Ich will euch die Songs ja nicht nehmen, aber habt ihr mal überlegt, das Tracklisting ein wenig über den Haufen zu werfen? Wie wäre es... " Doch bevor der unbescheidene Gast seine sicher sehr guten Vorschläge unterbreiten kann, ist er mit einem Mal verschwunden. Quevers und Assistent haben sich von dieser Begegnung nie wirklich erholen können und die zurecht kritisierten Tracks ganz bewusst ans Ende gesetzt. Es bleibt zu vermuten, dass der Fremdling das Raum-Zeit-Kontinuum so durcheinander gebracht hat, dass er letztlich selbst für das sonderbare Tracklisting verantwortlich war und ist. So, da wär ich wieder!

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Once we walked in the sunlight
  • A peculiar hallelujah
  • Jet plane
  • Dead love

Tracklist

  1. Once we walked in the sunlight
  2. Dictator's lament
  3. The machine will tell us so
  4. A peculiar hallelujah
  5. Jet plane
  6. Dead love
  7. Future primitive
  8. You can have what you want
  9. The void
  10. The wolf

Gesamtspielzeit: 41:23 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
marcus
2010-01-02 11:24:40 Uhr
Nachdem mich "Future Primitives", "A Peculiar Hallelujah" und "Jet Plane" sofort weggetragen haben, hält mich "Dead Love" immer noch ganz weit draussen/oben und ich mag garnicht mehr runter kommen. Großarrtiger Sound und wundervolle Songs.
yadias
2009-05-07 16:43:05 Uhr
Aha, wurde die Platte also dennoch (und zwar zu recht) rezensiert. Die Bewertung geht auf jeden Fall in Ordnung, auch wenn es für mich gar 'ne 8 ist.

Aber die Rezi selbst bzw. die Art, wie sie verfasst ist, gefällt mir leider nicht.
Auch finde ich die drei letzten Songs klasse, dafür wurde imho der schwächste Song "Dead Love" in die Highlights aufgenommen... Na ja, Geschmäcker halt.
dominik
2009-04-30 10:42:01 Uhr
gestern erst wieder gehört und für sehr toll befunden! schönes album. hätte mehr aufmerksamkeit verdient!
yadias
2009-04-29 19:06:03 Uhr
Habe das Album heute mehr oder weniger blind gekauft. Mich sprach sofort die Covergestaltung an, dann flugs reingehört und schließlich mitgenommen.

Wer sich für Dreampop und Shoegaze interessiert, sollte unbedingt mal hineinhören, aber auch Fans der Zombies (wie ich einer bin ^^) dürfen sich angesprochen fühlen, denn 60s Barock-Pop Referenzen gibt es eben auch.

Anspieltipp: "The Machine Will Tell Us So". Der sphärische Refrain ist einfach zum Dahinschweben.
Rondark
2009-04-24 16:23:05 Uhr
Sehr schönes Album. In letzter Zeit vermisse ich solche Geheimtipps auf PT.
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