Lawn - Silver

Lawn- Silver

Make My Day Rec / Al!ve
VÖ: 02.05.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Gras beim Wachsen

"Was zur Hölle ist denn das?" Beim Aufräumen gefunden: so ein rechteckiges Plastikteil mit zwei Löchern drin. Eine alte, verstaubte Audiokassette. Für die Jüngeren unter uns: Kassetten sind Relikte der Analog-Ära, in der MusikkonsumentInnen noch Stunden vorm Radio verbracht haben, um genau den einen Song aufzunehmen, den sie schon immer besitzen wollten. Das Zusammenstellen eines Samplers war mit allerhand CD-/MC-/LP-Jongliererei und Warten verbunden, bis die Aufnahme auf "Pause" gesetzt werden konnte, um dann die nächste CD/MC/LP auflegen zu können. So eine Aufnahmesession nahm schon mal mehrere Stunden in Anspruch. Und erzeugte eine Menge Aggressionen, wenn wieder ein sich unheimlich witzig findender Radiomoderator in die Aufnahme faselte.

Gerade kürzlich begegnete dem Verfasser dieses Texts auf ebenso einer abgeschraddelten Kassette, die jedem Hifi-Fan das Fürchten lehren würde, zwischen Motorpsychos epischem "Taifun", das hier sträflicherweise aus dem Kontext des kongenialen Albums "Trust us" gerissen wurde, und dem Deftones-Song "Teenager" vom ebenfalls grandiosen "White pony" der Lawn-Song "Divided". Was sagt uns das?

1. Wenn ein Song den oben skizzierten arbeitsintensiven Irrsinn überstanden hat, sagt das durchaus etwas über seine Qualität aus.
2. Wenn ein Song im Umfeld von Motorpsycho und den Deftones zu finden ist, kann er eigentlich nur gut sein.
3. Besagte Kassette datiert grob gerechnet auf das Jahr 2000, Lawn sind also bereits eine ganze Weile im Geschäft.

Pünktlich zu Beginn der Rasenmähsaison kommen Lawn nun mit ihrem dritten offiziellen Album "Silver" um die Ecke, um allen Gänseblümchen das Fürchten zu lehren. Die Rechnung "alle drei Jahre ein Album" geht jedoch nicht auf, der holländische Vierer hat bereits zahlreiche Demos und EPs veröffentlicht, bis es mit einem Plattenvertrag geklappt hat. "Silver" zeigt, wie abwechslungsreich eine Gitarrenplatte sein kann: Nach dem gemächlich rockigen "Downstream" stecken Lawn auch mit dem folgenden, Dredg-artigen "Yesteryear" und dem kontemplativ-zurückgelehnten, von wunderschönem zweistimmigen Gesang getragenen "Sanctuary" ihr Spektrum ab. Dass sie auch etwas fixer losrocken können, zeigen Titel wie "Rear view" und "Peace".

Ihre wahre Größe entfalten Lawn bei langsameren, rhythmisch pfiffigen Postrock-Nummern wie "Silver lining" und "The sea". Was nicht heißen soll, dass Lawn den Pop aus den Ohren verloren haben: die Gitarren perlen so melodiös vor sich hin, dass sie mitunter sogar Mogwai neidisch machen würden. Die Laut-Leise-Dynamik erweckt wiederum Erinnerungen an Postrock-Pioniere wie Slint. Dank der angenehm zurückhaltenden Produktion von Phil Vinall und Peter Kloos, die sich mit Bands wie dEUS, Placebo, Radiohead, Motorpsycho und 35007 einen Namen gemacht haben, hat "Silver" einen angenehm rauen und mitreißenden Sound bekommen. "Silver" ist eine so gute Platte, dass sogar Boris Becker sie hören würde - der fühlt sich ja bekanntlich auf Gras am wohlsten. Wir schließen uns an.

(Christoph Behrends)

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Highlights

  • Downstream
  • Sanctuary
  • The sea

Tracklist

  1. Downstream
  2. Yesteryear
  3. Sanctuary
  4. Rear view
  5. Silver lining
  6. Peace
  7. The sea
  8. A random night

Gesamtspielzeit: 41:57 min.

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