Capillary Action - So embarrassing

Capillary Action- So embarrassing

Discorporate / Soulfood
VÖ: 02.05.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Das königliche Ich

Jonathan Pfeffer gibt sich in Interviews nicht eben bescheiden. Eine Eröffnung des gerade mal 22-jährigen Naseweises aus Pennsylvania lautet schon mal: "My name is Jon and I am Capillary Action." Obwohl die gemeinte Band nun schon seit ein paar Jährchen um denselben Kern von Musikern zirkuliert: Böse mag man Pfeffer da nicht sein. Denn es stimmt ja - auch auf "So embarrassing", ihrem/seinem Zweitwerk aus 2008, das erst jetzt den heimischen Markt erreicht. Was hier gespielt wird, das ist nicht die Musik einer Band. Das sind weitläufige, genre- und weltumspannende Kompositionen, die sich doch im Zeitmaß des Pop-Songs bewegen. Pfeffer gibt Orchesterleiter, Bandleader und Musiker gleichermaßen. Ambitioniert ist das allemal. Übertrieben jedoch zu keiner Sekunde. Denn auch der Mann, der Capillary Action ist, weiß: Gerade im Jazz mutiert der Pfeffer im Hintern ratzifatzi zum unkontrollierbaren Hummelschwarm. Abhilfe schaffen Teamgeist, Ausflippbereitschaft und klare Arrangements. "So embarrassing" hat davon mehr als genug.

So produziert "Pocket protection is essential" ein echtes Schleudertrauma. Zwischen noisigem Radau, Latin-Percussions, Hammond-Geflippe und Gitarrensechszehnteln finden sich aber auch unfassbar melodiöse Ruhekissen. Marimba und Standbass spielen Hase und Igel auf Amphetaminen, die Akkorde schlingern dazu beinahe melancholisch, bevor sich der Song im tighten Abschlussgebrüll wieder zu einem einzigen Knoten verdichtet. Sprich: Pfeffers Kompositionen schlagen zwar binnen Sekunden in verschiedensten Genres wild um sich - gehen dabei aber harmonisch doch nicht allzu weit. Vielmehr finden sie den Soul im Noise-Rock, den Salsa im Free-Jazz, die Math-Tappings im Mambo-Takt. "So embarrassing" zeigt sich in all seinem Wohlklang und strukturellen Irrsinn vollkommen befreit. Es entsteht ein klares, logisches Bild, ganz ohne Genre-Rücktrittsversicherung.

Auch "Elevator fuck" schwelgt zunächst in sanftmütigen Streicher- und Bläsersektionen, bis die Gitarren ihre Betonungen anschrägen, die Strophe zum Bossa mutiert und überhaupt alles merklich anzieht - synchron, übrigens, zu den Denkfalten des Hörers. Der bekommt ein einschmeichelndes Streichermotiv, ein gerade mal zwei Takte andauerndes Kirchengeorgel, eine multiinstrumentale Improvisation und ein Prog-Solo durch die Synapsen geworfen. Anschließend liegt der Kopf wie festgenagelt auf der Tischplatte. Und nickt doch immer weiter zur Anlage herüber: "Ja komm, nur zu, gib's mir!"

Um das richtig zu verstehen, muss die Freundlichkeit hervorgehoben werden, mit der "Gambit" zum Schlussakt in ein absolut erhaben glitzerndes Streicherthema desertiert. Es muss hervorgehoben werden, dass ein paar Takte John-Carpenter-Score einen Latin-Jazz-Zappelphilipp noch lange nicht aus dem Gleichgewicht bringen - ebenso wenig wie Kastagnetten, spooky mitgehauchte Tribal-Rhythmen oder ein Mariachi, dem die Brüllaffen-Narrenkappe aufgesetzt wird. Es muss betont werden, dass Pfeffers Stimme seine Dischord-Gangshouts absolut beherrscht, ansonsten aber soulig elegant an den Akkorden entlangsurft. Und es darf von Rezensentenseite zugegeben werden, dass das beileibe noch nicht alles ist, was auf "So embarrassing" passiert. Aber mehr eben nicht gesagt werden kann. Zu viele juckende Stellen auf einmal. Zu viel Genie und Wahnsinn bei viel zu guter Musik.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Gambit
  • Bloody nose
  • Paperweights

Tracklist

  1. Gambit
  2. Pocket protection is essential
  3. Elevator fuck
  4. Placebo or panacea
  5. Bloody nose
  6. Badlands
  7. Paperweights
  8. Father of mine
  9. The chaperone
  10. Sexy Koala
  11. Self-released

Gesamtspielzeit: 31:25 min.

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