Crippled Black Phoenix - 200 tons of bad luck

Crippled Black Phoenix- 200 tons of bad luck

Invada / Cargo
VÖ: 24.04.2009

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Auch das noch

Wer heute noch eine 80-Minuten-Platte macht, sollte eigentlich mit Billy Corgans Bowlingkugel über den Haufen gekegelt werden oder wenigstens einen guten Grund haben. Crippled Black Phoenix haben 200 Tonnen davon. Ihre Musik, das stellte schon "A love of shared disasters" vor zwei Jahren klar, braucht alle Zeit der Welt. Sie muss sich ausbreiten wie irgendeine schlimme Krankheit, die den Köper von innen auffrisst, und wenn dann alles vorbei ist, muss es gleich wieder von vorne losgehen, bis niemand mehr kann, bis alles zu spät ist. So. Wie sich ein ordentlicher Sinn für Humor mit alldem verträgt, versucht zumindest der Songtitel von "Burnt Reynolds" herauszufinden - die Musik dazu ist allerdings wieder so lustig wie ein halb erzählter Witz zu dem keinem mehr die Pointe einfällt.

Nach drei Minuten Vorglühen entwickelt der Opener von "200 tons of bad luck" eine seltsame Eigendynamik: Was anfängt wie ein gescheitertes Kitschrock-Solo, päppelt sich zur elegischen Leadgitarre auf, das Klavier ist und wird dazu schwer ergriffen, und irgendwann geht ein ausgemergelter Männerchor mit sehr leeren Augen los, der dem Stück auch noch die letzte Lebensfreude austreibt. Natürlich kommt es noch mal zurück fürs letzte große Aufbäumen - alles auf Crippled-Black-Phoenix-Platten kommt mindestens einmal zurück -, aber am Ende rettet auch die Jahrmarktsmusik nichts mehr, die von Gott weiß woher in diesen ebenso großspurigen wie -artigen Abgesang hineingesamplet wird. Selbstbewusstsein, Haltung, Standfestigkeit - "200 tons of bad luck" würde davon leben, wenn es nicht längst tot wäre.

Dass "Rise up and fight" danach ein verhältnismäßig zügiger und geradliniger Song ist, für den man sich nicht mal Anführungszeichen um das Wort "Song" herum denken muss, ist natürlich ein Trick: Es geht dabei höchstens ums Warmup für den 19-minütigen Dreireiher "Time of ye life/Born for nothing/Paranoid arm of narcoleptic empire", der weniger das Herzstück als ein Geschwür am Herzen von "200 tons of bad luck" ist. Erst nach einem länglichen Spoken-Word-Intro, circa "Blaise Bailey Finnegan III", nimmt der Track fahrt auf - über ausdauernde Trommelwirbel und aufgewühlte Streicher kommt er zu einem synthetischen Schlussakt, der sich auch von theatralischen Bläserfanfaren nicht zum letzten Ausbruch hinreißen lassen will. Man hat schließlich noch ein ganzes Album vor sich.

Auch wenn der Ton diesmal wegführt von den Endtime Ballads des Debütalbums zu klassischerem Postrock, bleibt es also wichtig für Crippled Black Phoenix, nicht in den Klischees und überstrapazierten Stilmitteln des Genres zu versumpfen. Eine Riffwalze wie "444" schwingt deshalb zu mittelöstlichem Hintergrundflackern die Brechstange, "A hymn for a lost soul" begleitet seine scheinfeierliche Singkreismusik nur am Klavier, und "A real Bronx cheer" stellt ein Zwischenstück ins Album, das trotz seines Titels eher auf dem Oktoberfest als volkstümlich durchginge. Was diesmal fehlt, ist aber die absolute Endgültigkeit, das Gefühl des Debütalbums, den letzten Menschen der Welt bei der letzten Platte der Welt zuzuhören. Diese tollkühn erdachte und perfekt orchestrierte Musik sollte einen schlicht nicht so kalt lassen dürfen - schon gar nicht, wenn sie einem als selbsterklärter Schwertransporter des Unglücks über die Füße fährt.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Burnt Reynolds

Tracklist

  1. Burnt Reynolds
  2. Rise up and fight
  3. Time of ye life/Born for nothing/Paranoid arm of narcoleptic empire
  4. Wendigo
  5. Littlestep
  6. Crossing the bar
  7. Whissendine
  8. A real Bronx cheer
  9. 444
  10. A hymn for a lost soul
  11. A lack of common sense
  12. I am free, today I perished

Gesamtspielzeit: 77:02 min.

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