Art Brut - Art Brut vs. Satan

Art Brut- Art Brut vs. Satan

Cooking Vinyl / Indigo
VÖ: 17.04.2009

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Trinker helfen Trinkern

Auch ohne Eddie Argos wäre es einem vor zwei Jahren wohl schwerlich entgangen, dass Punkrock nicht tot ist. Und doch war es eine Angelegenheit mit ganz eigenem Charme, wie der Frontmann von Art Brut auf dem Song "St. Pauli" diese Feststellung traf und dafür sogar seine rudimentären Deutschkenntnisse bemühte. Die grob durchgerüttelten, übersteuerten Drei-Akkorde-Bömbchen seiner Band waren dabei nicht immer die stärkste Seite der Veranstaltung. "It's a bit complicated"? Keineswegs. Eher frenetisch überdreht, simpel, aber effektiv. Und da selbst Produzent Frank Black, seines Zeichens langjähriger Art-Brut-Fan, aus einem Nachttopf keine Sammeltasse machen kann, auch weiterhin von überschaubarem musikalischem Nährwert. Um vom sittlichen erst gar nicht zu reden.

Wer wie Argos über Erektionsprobleme referiert und "Hennessy" auf "Morrissey" reimt, für den haben Peinlichkeit und Fettnäpfchen schon vor langer Zeit aufgehört, Argumente zu sein. Auch auf "Art Brut vs. Satan". Dass es nicht nur ein Problem sein kann, sich zuweilen gewaltig einen hinter die Binde zu kippen, sondern auch, irgendwann wieder nüchtern zu werden - darüber erzählt er bereitwillig unter verzweifeltem "Bring me tea, bring me coffee"-Flehen. Konstatiert weiterhin, dass er sich am nächsten Morgen gerne anziehen und nach Hause gehen würde - wenn er nur seine Klamotten finden könnte. Und auch die blauen Flecken am ganzen Körper zeugen von alkoholinduzierten Tanzschlachten, die letzte Nacht kein manierliches Ende genommen haben können. Muss ein "Good weekend" gewesen sein. Mit Bier, Krach und jeder Menge Beulen.

Doch es geht natürlich auch anders. Etwa wenn die post-infantile Liebe zu "DC Comics and chocolate milkshake" erklärt und bei "Am I normal?" sogar die eigene Beziehungsunfähigkeit reflektiert wird. Am lustigsten sind Art Brut aber immer noch, wenn sie das Musikbusiness zerlegen und ihr Spiel mit Rezeptionsästhetik und Erwartungshaltungen treiben. Fast überflüssig zu erwähnen, dass es sich bei "The passenger" und "Twist and shout" erneut nicht um Coverversionen, sondern um Eigenkompositionen handelt. Diesmal über die Segnungen des öffentlichen Nahverkehrs und zwanghafte Verrenkungen als Folge akustischer Reize. Bekenntnisse eines hyperaktiven Wahrheitsfanatikers, der nicht zuletzt für musikalische Aufrichtigkeit plädiert: "So many bands are just putting you on / Why can't they be the same as their songs?" Können Art Brut ja schließlich auch.

Und so stolpert das Quintett äußerst hibbelig und vergnüglich durch sein drittes Album. Sammelt hier ein paar grölige Backgroundchöre ein. Schnuppert da an der Karikatur eines Popsongs auf Speed mit knorriger Bass-Heizung. Und drosselt zum Schluss für das stampfende "Mysterious bruises" die Geschwindigkeit auf halbe Kraft, bis das Stück schließlich in einen katergeplagten Talking Blues umkippt. Und so nebenbei bemerkt als Hinweis darauf dient, dass Art Brut beim nächsten Mal womöglich auch etwas subtiler vorgehen könnten, wenn sie denn wollen. Vorläufig aber punken sie noch genau so hemmungslos, wie Argos sein gebeuteltes Inneres nach außen trägt. "I can't help it, I'm so naive / Another record with my heart on the sleeve." Und am rechten Fleck sowieso.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Alcoholics unanimous
  • DC comics and chocolate milkshake
  • Mysterious bruises

Tracklist

  1. Alcoholics unanimous
  2. DC comics and chocolate milkshake
  3. The passenger
  4. Am I normal?
  5. What a rush
  6. Demons out!
  7. Slap dash for no cash
  8. The Replacements
  9. Twist and shout
  10. Summer job
  11. Mysterious bruises

Gesamtspielzeit: 40:54 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Kristian
2009-05-16 12:00:49 Uhr
Ich finde zwar auch, dass ART BRUT VS SATAN nicht an ihr Debüt-Album rankommen. Aber dem hiesigen Bewertungssystem nach -- in dem 7/10 Punkte normalerweise von der Qualität her ein "Es-geht-so-Album" kennzeichnen, und alles darunter nur verschiedene Abstufungen von "schlecht" bedeuten -- hätte das Album schon die 7/10 verdient.

And now bring me Tea.
seppo
2009-04-13 14:39:58 Uhr
dank eines uk imports habe ich das album schon in den händen:
sicher, an den erstling reicht es nicht ran, da liegt die latte zu hoch, keine frage.
ABER ist das storytelling mitlerweile zu großartigen geschichten gereift unterlegt mit 'schönen' melodien. seid dem zweiten hören hat sich die platte in mein herz gespielt.
(ok, ich gebs zu. das zweite album fand ich auch nice..^^)
seppo
2009-04-13 14:39:49 Uhr
dank eines uk imports habe ich das album schon in den händen:
sicher, an den erstling reicht es nicht ran, da liegt die latte zu hoch, keine frage.
ABER ist das storytelling mitlerweile zu großartigen geschichten gereift unterlegt mit 'schönen' melodien. seid dem zweiten hören hat sich die platte in mein herz gespielt.
(ok, ich gebs zu. das zweite album fand ich auch nice..^^)
Petr
2009-04-11 16:05:59 Uhr
ich finde die letzte Platte weiterhin grossartig (kommt vielleicht auch daher, dass ich sie quasi gleichzeitig mit dem Erstling richtig kennen- und schätzenlernte), auch wenn die Halbwertszeit durchaus hätte höher sein können...

der stream ist aber eher ernüchternd (DC Comics gefällt mir als einziges auf Anhieb), aber ich warte mal auf das Album und die Texte schwarz auf weiss...
Mixtape
2009-04-11 14:08:25 Uhr
Ich höre sie mir auch lieber gar nicht erst an, der Link war nur für die Interessierten.
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