DM Stith - Heavy ghost

DM Stith- Heavy ghost

Asthmatic Kitty / Soulfood
VÖ: 03.04.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Geister, die er rief

Angezogen von den ersten schiefen Tönen tropfen die Gespenter durch das Holz. In vollkommener Trance verharrt DM Stith in der Mitte seiner kleinen Blockhütte, tief in den Wäldern. Kein Telefon, kein Internet, kein Strom. Nur sich, wirre Gedanken, undefinierbare Stimmen im Kopf und das alte Klavier in der Ecke. Mehr braucht David Stith nicht, um sein beklemmendes Schauspiel zu zelebrieren. Stith, gesegnet mit einem Organ irgendwo zwischen Antony Hegarty, Tom Petty und Thom Yorke, wundert sich über den Erfolg seines Sirenengesangs im Opener "Isaac's song". Weniger als 160 durchweg konfuse Sekunden reichen, um die heulenden Geister der Nacht anzulocken und mit ihnen in den folgenden vierzig Minuten ein kleines Katz- und Mausspiel aufzuführen.

Gleich auf dem zweiten Stück "Pity dance" klimpern Stiths Finger beschwörend auf der Klaviatur des Grauens rauf und runter, an den dicken Holzwänden rattert und klopft es. Oder sind es doch nur die Jalousien, die sich vor den gekippten Fenstern im Wind wiegen? Fast weihnachtlich, gar märchenhaft muten dagegen die von Engelsstimmen getragenen "Spirit parade" und "Thanksgiving moon" an. Letzteres geleitet "Heavy ghost" hinaus aus der dunklen Nacht. Kurz bevor die Morgensonne sich vollkommen über dem Horizont erhoben hat, stimmt Stith das sakrale "Fire of birds" an. Nach und nach erlangt der Mann aus Indiana die Kontrolle über die Geister, die er rief, und führt mit ihnen ein kleines Tänzchen auf. Wie von Sinnen gehorchen die Spukenden, erschrocken über die eigene Schwäche, und pressen sich auf der Flucht erneut durch das Holz auf Nimmerwiedersehen. Die restlichen Kunststücke auf "Heavy ghost" sind eine vergleichsweise entspannte Aufarbeitung der Geisterstunde. Für "GMS" presst Stith noch einmal die dunkelsten, dennoch schönsten Töne aus dem Klavier und leitet über in die hellsten Vocals des Albums in "Braid of voices". Abschließend erklingt das in Song gemeißelte Nichts "Wig" und lässt "Heavy ghost" endgültig in den Morgen entschwinden.

Alles ist und bleibt mysteriös auf "Heavy ghost". Nicht nur die Instrumentierung, sondern auch die Texte. Im bereits erwähnten "Fire of birds" singt Stith über Nachbarn, die mit dem Feuer sprechen. Über Erinnerungen an die Kindheit, in der der Erzähler sich an einem Feuerwerk die Finger verbrennt. Über eine diffuse, nächtliche Verfolgung eines guten Freundes durch einen dunklen Wald. Wie ein Flickenteppich sollen diese Geschichten miteinander verbunden werden, bleiben jedoch letztendlich lose Muster, die ernsthafte Fragen nach dem Geisteszustand des Künstlers aufwerfen. Apropos verrückt: Bei "Pigs" hat sich Stith den wunderschönen "Motion picture soundtrack" von Radiohead zum Vorbild genommen, klingt dabei aber noch jenseitiger als Thom Yorke. Das muss erstmal jemand schaffen.

Gerade diese Ungreifbarkeit, dieses seltsame Schweben im Alles und Nichts, diese große Schönheit im Kleinen gepaart mit einer grundsätzlichen Labilität, all dies macht "Heavy ghost" bereits jetzt zu einem Anwärter der oberen Plätze für die Polls 2009. Letztes Jahr war es Bon Iver, dieses Jahr ist es DM Stith, der die persönliche Fragilität bis auf das Schmerzhafteste zelebriert, ohne daran zu zerbrechen. Anders als Bon Iver flüchtet sich Stith jedoch nicht nur in die stille Einkehr. Stattdessen bereitet er dem Bösen dort draußen einen mitunter lauten Empfang aus Streichern, Chören, Klavier und scheppernder Perkussion. Das Eingeständnis der eigenen Unvollkommenheit hat den Lebenswillen nicht gebrochen, sondern nur noch stärker gemacht. Körper, Seele und Geist befinden sich im Zustand des vollkommenen Einklangs. Gespenstisch berührend.

(Kai Wehmeier)

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Highlights

  • Pity dance
  • Pigs
  • Thanksgiving moon
  • Fire of birds

Tracklist

  1. Isaac's song
  2. Pity dance
  3. Creekmouth
  4. Pigs
  5. Spirit parade
  6. BMB
  7. Thanksgiving moon
  8. Fire of birds
  9. Morning glory cloud
  10. GMS
  11. Braid of voices
  12. Wig

Gesamtspielzeit: 43:46 min.

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User Beitrag
dionisio
2009-05-04 11:49:12 Uhr
Übermorgen in Berlin!
peppey paloma
2009-04-20 20:31:50 Uhr
wow, diese platte war das geld eindeutig wert!

schwierig find ich "heavy ghost" auch nicht sonderlich. bei mir hats jedenfalls sofort gezündet. bei aller experimentierfreudigkeit und verspultheit strotzt das album nur so vor harmonien und melodien! wunderschön!
peppey paloma
2009-04-13 10:08:21 Uhr
meine bestellung konnte nicht durchgeführt werden.

habe kürzlich von amazon.de ne mail erhalten, dass filme-und-musik nicht mehr über amazon.de verkaufen. keine ahnung, ob man das glauben kann oder nicht. na ja, mir ist nichts abgebucht worden.

das positive feedback hier hat mich das album aber gleich nochmal bestellen lassen. diesmal aber für 13 € inkl. versand...
crashkid (p.b.d.)
2009-04-12 20:21:25 Uhr
"Creeksong" ist unglaublich.
B@n@n@ Co.
2009-04-08 18:04:39 Uhr
@peppy
gibts für 3,59 € am amazon market place bei filme-und-musik. ist das seriös? filme-und-musik verkaufen derzeit reihenweise brandneue alben zu irrwitzigen kampfpreisen.

Die Marketplace Sachen sind meist immer billiger als direkt bei amazon.de. Du musst nur immer für jede CD 3 € Versand mitrechnen. Deswegen sind Großbestellungen über Marketplace auch gar nicht so viel billiger als amazon.de Direktbestellungen. Filme-und-Musik ist ein größerer Shop (so wie hts-scottland, cd-marche ect.) und durchaus seriös.
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