Neil Young - Fork in the road

Neil Young- Fork in the road

Reprise / Warner
VÖ: 03.04.2009

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Bitte auftanken!

Erschrocken blickt man auf den Bildschirm, auf dem gerade das Video zu "Cough up the bucks" auf und ab läuft. Mehrmals zur Überprüfung, ob diese Abfolge an gruseligen Bildern denn nun ernst gemeint ist. Es ist nicht die bloße videographische Interpretation dieses Tracks von Neil Youngs neuem Album "Fork in the road", nein, es ist mehr der Gesamteindruck, der den Zuschauer ohne Umschweife in einen bitterbösen Sarkasmus treibt. Ein Young im piekfeinen Anzug in einer Luxuslimousine, den gnadenlosen Yuppie spielend. Und man weiß sofort: Young prangert wieder an. Ein neues Spielzeug für den Herrn. Egal, die Musik zählt. Augen zu und durch. Sägende, verzerrte Gitarren geben sich gleichermaßen gefühlskalt und schließen zumindest künstlerisch einen Kreis zu dem tüchtigen Geschäftsmann auf der Rückbank, der sich wie bestellt die neuste Ausgabe des Wall Street Journals vor die Augen hält. Dann, man fasst es kaum, folgt eine einleitende Rap-Einlage von Young himself, der den Titel mehrere Male vor sich herträgt.

"Cough up the bucks" steht wie kein zweiter Track für die Widersprüchlichkeit Neil Youngs, dessen in mehrere diffuse Richtungen abschweifender politischer Eifer ihn eine große Portion an Glaubwürdigkeit gekostet hat. Auch musikalisch ist man zwiegespalten, denn auf den schlicht furchtbaren Rap-Part folgt sein typisch eindrucksvolles Gitarrenspiel. Langsamkeit und Härte paaren sich, verlangen nach Aufmerksamkeit, schenken Hypnose und Tiefenwirkung. Was danach kommt, Youngs Anlehnung an Bob Dylans "Where have all the flowers gone", ist auf Grund von hohem Kitsch- und Nervenbelastungsfaktor nicht mehr der Rede wert.

Young hat ein neues Projekt, eine neue Aufgabe, die er mit gleich großem Antrieb vertritt. Die Natur ist es, die beherzt und öffentlichkeitsnah geschützt und verteidigt werden soll - vor Abgasen und weiterem Smog. Durch die Vereinigten Staaten reiste Young auf Werbetour mit seinem geliebten Lincoln Continental, den er im Vorhinein zu einer Öko-Karre umfunktionierte. "Fork in the road" ist das Ergebnis dieses Trips. Und da dort drüben, über dem großen Teich, neben unendlichen Freiheiten auch eine gewisse Kratzbürstigkeit vorherrscht, hat der Kanadier Young seinen Sound den Eigenarten der Amerikaner angepasst. Rotzig, blechern, konturlos gibt er sich in "Fuel line" mit bissigem Gitarrenspiel, bis der Frauenchor einsetzt, der ganz im Gegensatz zu Young perfektes Entertainment bietet. Eine Mischung, die sich nicht wirklich zusammenfügt. Auch "Johnny Magic", durchzogen mit ungewohnten, aber annehmbaren Power-Pop-Einflüssen, der straighte Blues-Track "Get behind the wheel" und der mit jeder andauernden Minute an Qualität einbüßende Titeltrack folgen diesem Prinzip von rauer Schale mit weichem Kern.

Nach dem 1995er Album "Mirror Ball" versucht sich Young ein weiteres Mal an authentizitätsnahem Songwriting, ohne große Vorüberlegung und Produktionsphasen. Transportierte "Mirror Ball" damals noch den Charme des Unfertigen und Direkten, wirkt "Fork in the road" in seiner schroffen Herangehensweise unüberlegt und auf Dauer einfallslos. Das Grundprinzip wird zu schnell zu offensichtlich und überlebt sich zügig. Auch lyrisch streckt Young den Hörer mit Plattitüden und seltsamen Reimen nieder. Einzig "Off in the road", ein erhoffter Moment der Stille mit unruhiger elektrischer Gitarre im Hintergrund, und der schwarz-weiße Troubadour-Countryfolk von "Light a candle" brillieren in Gänze in ihrer subtilen Reduktion. "Fork in the road" führt trotz der vielen Einbußen nicht in die tiefen Täler, die der 63-jährige Mitte der Achziger durchschritten hat. Doch erscheint dieses unausgegorene Werk wie ein tiefer Absturz, nachdem er sich mit dem überzeugenden "Chrome dreams II" wieder reingewaschen hatte. Die Frage, was man in Zukunft noch von Young erwarten kann, verliert sich ein weiteres Mal in frustriertem Schweigen.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • Off the road
  • Light a candle

Tracklist

  1. When worlds collide
  2. Fuel line
  3. Just singing a song
  4. Johnny Magic
  5. Cough up the buck
  6. Behind the wheelOff the road
  7. Hit the road
  8. Light a candle
  9. Fork in the road

Gesamtspielzeit: 43:01 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Konsum
2011-11-11 00:42:50 Uhr
Yupp.
Wolffather
2011-11-07 15:28:43 Uhr
Ragged Glory unbedingt anschaffen - eines seiner besten Alben
humber humbert
2011-11-07 14:31:28 Uhr
Heute mal wieder seit längerer Zeit angehört. Dieses schnell dahingerotzte mag ich einfach, obwohl zugegebenermaßen viele Lieder recht ähnlich klingen. Highlights für mich: 'Cough up the Buck', 'Off the Road' & 'Light A Candle'.
Sollte mir vll. mal 'Ragged Glory' anschaffen, soll ja genaus roh produziert & aufgenommen sein.
brny
2009-07-11 11:57:00 Uhr
und wie war das mit "behind the cow"?

die vergleiche young - waits hinken äußerst stark.
Marianne
2009-07-11 11:05:35 Uhr
...womit gemeint war, dass er aufhören soll, in der Gegend herumzusitzen und Gitarre zu spielen, sondern etwas aus seinem Leben machen soll.

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