Motorpsycho - Phanerothyme

Motorpsycho- Phanerothyme

Stickman / Indigo
VÖ: 03.09.2001

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Tanz der Sinne

Ein Knistern. Ein Rascheln. Ein Hauch von Nichts. Und plötzlich sind sie da und scheinen die ganze Welt zu umspannen. Pupillen, die hell wie die Sonne erstrahlen, blau wie der Ozean schimmern und weit wie das Universum scheinen. Ein verhuschtes Zwinkern bringt die unzähligen zarten Wimpern zum Tanzen. Sie umspielen die "Bedroom eyes" - Schlafzimmeraugen, die sich nicht mit dem einen zufrieden geben, sondern zu sagen scheinen: "Tauch in uns ein, und wir werden Dich ein Leben lang begleiten."

Keine Motorpsycho-Veröffentlichung mehr seit dem ansonsten eher kühlen Meisterwerk "Timothy's monster" von 1995, das mit dem intimen Kammerstück "Feel" eröffnet wurde, hat einen derart romantischen, ja geradezu kitischigen, Auftakt gefunden. Dabei sind inzwischen vier Alben (zählt man das jüngste Mini-Album "Barracuda" hinzu), zwei Live-Mitschnitte und etliche EPs ins Land gegangen. Nicht einmal das von Armeen von Streichern vorangetriebene "The other fool", das "Let them eat cake" (2000) eröffnete, kann dem verhuschten Feuer der "Bedroom eyes" das Kühlwasser reichen. Ob bei den norwegischen Workaholics nicht nur die Sonne, sondern auch das Herz aufgegangen ist?

Der Albumtitel indes gibt weitere Rätsel auf. Der Begriff "Phanerothyme" nämlich bezeichnet bewußtseinserweiternde Rauschmittel, und wurde 1956 von Drogen-Visionär und "Brave new world"-Autor Aldous Huxley eingeführt, der mit "To make this trivial world sublime, take half a gramme of phanerothyme" auch noch den passenden Reim parat hatte. Nach Huxleys Ansicht sollte der Begriff jedoch vor allem die positiven Seiten jener Rauschmittel umschreiben, die Seele, Geist und Körper für intensive Emotionen zugänglicher gestalten.

Der wahren Bedeutung wäre man damit gefährlich nahe gekommen. Denn auch wenn es Motorpsychos "Phanerothyme" nicht gelingt, das Bewußtsein des Konsumenten - hier: des Hörers - zu öffnen oder gar zu erweitern, so bringt es der Stoff doch fertig, ihn anzuregen, zum Schwingen zu bringen und schließlich in ihn einzudringen. "Blindfolded" lautet gewissermaßen die Fortsetzung des Openers, und blindlings läßt man die ätherische Romantik von "Phanerothyme" auf sich wirken, bis man ihr heillos verfallen ist.

Vertraut ist die Stimmung, die dieses "Phanerothyme" verbreitet allemal, denn Motorpsycho verwenden zu seiner Herstellung dieselben Zutaten wie auf "Let them eat cake": Bent Sæthers schmeichelnde Stimme, sanft gezupfte Gitarren, eine nicht zu knapp bemessene Menge von Streichern und Bläsern. Mitunter kommt gar eine Behäbigkeit hinzu, die eher schon an opulente Folk-Leisetreter wie Lambchop erinnert als an die Band, die noch vor drei Jahren grollende Hymnen wie "Psychonaut" vorlegte und auf "Barracuda" erst vor wenigen Monaten mit doppeltem Nachdruck wieder aufleben ließ. Doch auch euphorische, zum fröhlichen Mitschnippen einladende Up-Tempo-Hymnen kommen reichlich zum Zuge: "For free", "B.S." oder die himmelhochjauchzende Single "The slow phaseout" drehen nicht nur klanglich das Rad der Zeit in die 60er zurück, sondern versprühen genau so lange gute Laune, bis der Kalender statt dem kühlen Herbst auf wundersame Weise wieder Frühling anzeigt.

"I would shine if you give me a chance" verspricht Sæthers in "B.S.". Und auch wenn sich etliche Fans den früheren Sound der Norweger herbeisehnen mögen, wird die Sehnsucht tatsächlich um so kleiner, je mehr das Rauschmittel "Phanerothyme" mit Verspätung, dann aber um so nachhaltiger, seine Wirkung verströmt. Es erscheint beinahe bezeichnend, daß ausgerechnet "Go to California", das mit knapp acht Minuten Länge wenigstens annähernd an alte Breitwand-Eskapaden anknüpft, zu den schwächeren Momenten auf "Phanerothyme" zählt. Viertelstündige, atemberaubende Epen scheinen für Motorpsycho endgültig der Vergangenheit anzugehören. Zurück bleiben zwei "Bedroom eyes", die bis tief in die Seele reichen und in ein lachendes und ein weinendes Auge gespalten sind.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Bedroom eyes
  • For free
  • The slow phaseout
  • Blindfolded

Tracklist

  1. Bedroom eyes
  2. For free
  3. B.S.
  4. Landslide
  5. Go to California
  6. Painting the night unreal
  7. The slow phaseout
  8. Blindfolded
  9. When you're dead

Gesamtspielzeit: 42:23 min.

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