Kristofer Åström - Sinkadus

Kristofer Åström- Sinkadus

Startracks / Tapete / Indigo
VÖ: 10.04.2009

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

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Man muss schon Verständnis dafür haben, dass so ein Naturbursche wie Kristofer Åström eine Weile brauchte, bis er realisiert hatte, nicht mehr in der schwedischen Einöde zu leben. Falls sich jemand diese wichtigen Details seiner Künstler-Biografie nicht gemerkt haben sollte: Nachdem Åström 2005 seiner Heimatstadt Stockholm den Rücken gekehrt hatte, um sich einer Existenz als musizierender Waldschrat zu widmen, zog es ihn überraschenderweise doch wieder zurück in die Zivilisation - nach Göteborg. Die Entwöhnung vom Landleben fand allerdings nur sehr langsam statt: Sein erster Arbeitsnachweis im neuen Zuhause trug zwar den stadtlichen Titel "Rainaway town", war jedoch ein zünftiges Country-Album. Es vergingen weitere zwei Jahre, bis Åström endlich feststellte, dass diese zwei kleinen Löcher in seiner Wand nicht das Werk eines feinmotorisch begabten Spechtes waren. Sondern eine Steckdose.

Eigentlich war Åström ja immer ein Gegen-den-Strom-Typ. Ein introvertierter Einzelgänger, der leise sein Lied klagte und ein glückliches Händchen für traurige Melodien hatte. Seine wilde musikalische Vergangenheit mit der Band Fireside - man hatte sie fast schon vergessen. Er hingegen konnte sich daran, wie das mit dem Verstärker anschließen geht, offenbar sehr genau erinnern, denn so viele E-Gitarren wie auf "Sinkadus", hat man von Åström schon sehr lange nicht mehr gehört. Na gut, sie klingen nicht unbedingt nach AC/DC, aber auch nicht 08/15, und manchmal - zum Beispiel bei "The party" - so ungehobelt, wie eine frisch gefällte Rotbuche. Auch das düstere Albumcover und so auffällig aggressive Songtitel wie "Blind motherfucker" oder "Big lie, idiot die" legen die Vermutung nahe, dass es im Oberstübchen des Schweden eventuell einen kleinen Kurzschluss gegeben haben könnte. Aber keine Sorge: Er hat bloß seine bislang energiereichste Platte aufgenommen. Und war natürlich so umweltfreundlich, auch an die eine oder andere Akustiknummer zu denken.

Am Anfang war das Wort: Åström lässt sich im Intro "Presentación" von einem echten Spanier ansagen, und bevor einem dieser Einstieg in sein siebtes Album auch noch spanisch vorkommt, legt er bereits mit dem ersten Lied los. Eine Minute dauert es, bis aus den Einzelteilen von "Come out", genauer gesagt aus psychedelisch vor sich hintrudelnden Instrumenten, ein Ganzes wird. Aber dann: Dämme brechen, wohlige Schauer jagen Rücken hinunter und Grenzen sind nur noch als Pointen existent. Es ist ein herrliches Aus-dem-Vollen-Schöpfen, das in der folgenden Dreiviertelstunde nicht noch einmal so eindrucksvoll gelingt - obwohl der kolossale Befreiungsschlag im eindringlich pulsierenden "Twentyseven" auch nicht zu verachten ist. "Blind motherfucker" klingt dann doch zahmer als vermutet und hätte mit seinen Pedal-Steel-Ornamenten auch auf "Rainaway town" gepasst, während "When her eyes turn blue" kokett in Richtung Sixties schielt.

Kristofer Åström hat mit "Sinkadus" also nicht nur sein bislang energiereichstes, sondern auch sein vielseitigstes Album aufgenommen. Dass es trotzdem nicht sein bestes geworden ist, liegt weder an der überaus gelungenen Coverversion von Thin Lizzys "A song for while I'm away", noch an so liebreizenden Grazien wie Britta Persson oder Nina Kinert, die hier und da im Hintergrund tirilieren dürfen. Es liegt auch nicht am hervorragenden Bassgezupfe von Loghs Mattias Friberg oder am wunderbaren Akustik-Finale "Old man's car", das lässig "Driving not fast / But far" verkündet und schunkelnd die Mundharmonika aus dem Handschuhfach holt. Es liegt vielmehr an einer gewissen Monotonie innerhalb einzelner Lieder: "Me & the snakes" windet sich siebeneinhalb Minuten lang, ohne vom Fleck zu kommen, "Hard to live" und "Oh, man" sind zwar kürzer, aber auch nicht kurzweiliger. Trotzdem hinterlassen diese elf Stücke deutlich mehr Licht, als Schatten. Und das ist nicht nur einer Stromquelle zu verdanken.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Come out
  • Twentyseven
  • A song for while I'm away
  • Old man's car

Tracklist

  1. Presentación
  2. Come out
  3. The party
  4. Blind motherfucker
  5. Twentyseven
  6. When her eyes turn blue
  7. Big lie, idiot die
  8. Hard to live
  9. A song for while I'm away
  10. Me & the snakes
  11. Oh, man
  12. Old man's ca

Gesamtspielzeit: 48:36 min.

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User Beitrag
revilo
2009-12-08 17:08:33 Uhr
Einspruch zu der Behauptung mit So much for staying alive ging es bergab. Ich finde die ganz grosses Kino.
Konsum
2009-12-08 17:04:01 Uhr
In (fast) jeder Künstlerkarriere gibt es einen Punkt, ab dem es unweigerlich bergab geht. Bei nicht wenigen ist das schon nach dem Debut-Album der Fall. Viele steigern sich, bringen 3, 4 oder gar noch mehr gute Alben heraus, einigen ganz wenigen ist es vergönnt, über Jahrzehnte hinaus ein Top-Niveau zu halten. Doch irgendwann kommt unweigerlich die erste schlechte Scheibe, und dann gibt es meist kein Zurück – auch wenn die Presse sogenannte „Comeback-Alben“ gerne mal als Rückkehr zu alter Stärke verkaufen will.

Kristofer Åström behielt sehr lange ein erschreckend hohes Niveau bei. U.a. mit seinem grandiosen Debut „Go, went, gone“, seinem außerirdischen Meisterwerk „Northern Blues“ und der gnadenlos unterschätzten „Loupita“. Doch mit der sperrigen „So Much For Staying Alive“ schien auch bei dem schwedischen songwriter der point of no return gekommen. Trotz durchaus guter songs mochte die Platte nicht so recht mitreissen. Woran auch die „Thorskogs Sessions“ nichts ändern konnten. „Rainaway Town“ setzte diesen Trend fort. Wiedermal waren es die ruhigen songs, die den Höhepunkt bildeten. Der band-arrangierte Country-Pop der ansonsten da geboten wurde, war nett, aber die herzzerreissenden Åström-Momente gab es einfach nicht mehr.

„Sinkadus“ bietet sie auch nicht, soviel gleich vorweg. Und so ist die Scheibe auch keine Rückkehr zu den ganz ganz großen Tagen. Die sind wohl endgültig vorbei. Doch Åström findet nach den sperrigen letzten Platten zu einer neuen Leichtigkeit und zieht sich so am eigenen Schopf aus dem Schlamassel.

Puristischer Akustik-Sound oder Band-Arrangement – das war oftmals die Frage, die sich der gemeine Åström-Fan stellte. Noch mehr E-Gitarren ist die überraschende Antwort des Künstlers. Und es ist – so weit die große Überraschung – der richtige Weg. Wie gesagt, dies ist kein „Northern Blues“ mehr, aber das neue Album macht einfach richtig Spaß.

Symbolhaft für die neue Lockerheit ist das witzige Intro. Danach der eigentliche Opener „Come out“, ein Groove-Monster mit starken Gitarren Neil Young’scher Prägung (wie übrigens große Teile des Albums unter dem Einfluss des Kanadiers zu stehen scheinen). Ebenso symptomatisch „The party“. Keine Frage, es gab sicher schon anspruchsvollere songs in der Musikgeschichte, aber dieses Stück macht ganz einfach Spaß. Nicht mehr, nicht weniger. Mit „Blind Motherfucker“ folgt ein kurzes, sehr entspanntes Stück, auf dem ein weiterer positiver Trend deutlich wird: Åström singt endlich wieder etwas tiefer und damit nicht mehr so angestrengt wie auf „So much...“ und v.a. auf „Rainaway town“. Sehr schön.

Der erste große Höhepunkt folgt mit „Twentyseven“, das mit treibendem Beat auf seinen Klimax zusteuert, den Britta Persson mit ihrer Stimme veredelt. Sehr schöner Text hier übrigens, der sich wie viel auf dem Album um das Thema „Altern“ dreht.

Mit „When her eyes turn blue“ und v.a. „Big lie, idiot die” wird es noch rockiger, bevor sich dann in letzterem urplötzlich aus einem krachigen Gitarrensolo ein wunderschönes Akustik-Motiv herausschält. Eine Art Mobile-Sound leitet über zum zweiten ganz großen Höhepunkt der Scheibe „Hard to live“. Ein song, den man schnell übersehen, bzw. –hören könnte, der aber gerade in seiner subtilen Art seine große Stärke besitzt. Wieder mal überzeugt Åström also, wenn er ganz auf leisen Sohlen daherkommt.

An dieser Stelle besitzt das Album eine starke Zäsur. Fast fühlt es sich an, als ob das Album eigentlich zu Ende wäre. Sicher liegt das mit daran, dass nun mit dem Thin Lizzy-Cover „A song for while I’m away“ der einzige Ausfall des Albums folgt. Fünf Minuten Langeweile muss man sich nicht geben, weshalb sich hier der Finger unweigerlich zur Skip-Taste bewegt.

Die drei folgenden Songs fühlen sich aufgrund dieser Zäsur, aber auch aufgrund ihrer gelösten Atmosphäre wie eine Art Zugabe an. Die man nicht verachten sollte. „Me & the snakes“ kommt wunderbar entspannt und fast positiv daher, „Oh, man“ dreht die Melancholie-Schraube dagegen schon wieder wesentlich fester, bevor „Old man’s car“ gar zum Mitsingen verleitet und das Album auf diese Weise wunderbar abschließt.

Fazit:
Kristofer Åström schafft mit „Sinkadus“ eine Art Befreiungsschlag. Das verkrampfte Feeling der letzten Alben (Die „Black Valley-EP“ mal ausgenommen) weicht einer neuen Lockerheit. Die lauten Gitarren stehen dem Schweden dabei überraschend gut. Auch wenn es – zum Glück – immer noch sehr melancholische Töne gibt, muss man dem Album doch einen relativ großen „Spaßfaktor“ zuschreiben. Was ja auch nicht unbedingt schlecht ist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Åström in dieser Richtung weitermacht. Ich würde mich auf jeden Fall freuen.

Konsum
2009-04-28 13:01:41 Uhr
Das sehr Neil Youngische "Come out" finde ich ziemlich klasse.
Boston
2009-04-27 14:53:22 Uhr
Blind Motherfucker gefällt mir auch. Die Akustischen brettern gut.
Konsum
2009-04-27 13:44:35 Uhr
Hier findet man etwas, das daran erinnert.
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