The Glam - Escapism

The Glam- Escapism

PIAS / Rough Trade
VÖ: 03.04.2009

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Erben Spätlese

Viele Vergnügungen scheitern an zu viel Wissen. Im Informationszeitalter droht die totale Reizüberflutung, wenn man Nachrichten und Details nicht vorselektiert. Mit dem Rotstift in der Hand kann man sich aber vielem nähern: der Hamburger Band The Glam, zum Beispiel. Gleich als erstes streicht man die Bill-Kaulitz-Gedächtnisfrisur von Sänger Frederic aus dem Speicher, und die Info, dass der Dreier mal Vorgruppe der Kinder-Gotiker von Cinema Bizarre war, ist nur für die Zahnspangen tragende Fan-Schnittmenge relevant. Die parallel laufende Vorauswahl des stolzen Labels geht sogar so weit, dass von den drei leibhaftigen Musikern wenig mehr als Haarschnitt und Vornamen übrig bleibt. Das käme einer Selbstübereignung an die Generation Klingelton gleich, die The Glam eigentlich gar nicht nötig haben. Die Musik steht eher für Rotweingenuss als für Brauseschlürfen und Alkopopkippen.

Die Stärke der Hamburger liegt bei jenem aufgeputzten Sehnsuchts-Rock, der beidseits des Atlantiks stabil für Umsätze sorgt. In Zeiten vor der Abwrack-Prämie konnten damit sogar hiesige Autobauer überzeugt werden. Den munteren Klopfer "Join the spectres" weiß man daher selbst dann aus der BMW-Werbung mitzuflöten, wenn der Name The Glam bislang eher Achselzucken erntet. Wenn der Referenzbaukasten wegen dieses Bandnamens gerade geöffnet wurde, klappt man ihn aber am besten gleich wieder zu: Abseits der Reklame führt der Bezug auf Mark Bolan, Ziggy Stardust und Co. nämlich dezent in die Irre. Die verhallten Gitarren aus "Well-lighted places" atmen viel eher die weite Luft jener Stadien, in denen U2, Coldplay und die Killers spielen. Das gewisse Quentchen Glamour ist denen natürlich nicht fremd, und so schreien The Glam auch mit "White noise" oder ihrer Vorabsingle "All the universe" nach gereckten Feuerzeugen.

Mit dem Selig- und Echt-Produzent Frank Plasa haben sie einen Fachmann für die nötige Emphase an den Reglern. So glitzern Streicher, Elektronik und sonstige Pailetten aus der Wall of Sound. Gelegentlich darf der Gesang vom heiseren Overacting ins Falsett münden, um noch mehr Gefühle zu erkitzeln. Die faszinierende Melancholie von "Walking ghost" gewinnt aber durch einen ganz anderen Kunstgriff: Der ehrfurchtsvoll bei The Cures "Lullaby" geklaute Strophengroove schlendert auf einen beschwörenden Refrain zu. "Walking ghost / You're still beautiful / I stay here for a while / To say goodbye to you." Neue Hoffnung für Lebensmüde und mindestens ein paar ehrliche Seufzer.

In "Rome is calling" spielen dann wieder Kajal und Rouge eine Hauptrolle, während "This week at war" oder "Moonlight miles" für gekonnten Semi-Tumult sorgen. Trotz der häufig voluminösen Arrangements lenkt das Blingbling nicht von den handwerklich einwandfreien Songs ab. Die können in ihren besten Momenten auch ohne aufwändige Beleuchtung glänzen. Das steigert das Verlangen nach trockenem Rotwein, wie ihn auch Bandidol Oscar Wilde liebte. Von den großen Bühnen dieser Welt dürfen die Hamburger also weiter träumen. Die schicken Fummel kann man ja auch schon mal in den kleinen Clubs ausprobieren.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Well-lighted places
  • Join the spectres
  • Walking ghost
  • This week at war

Tracklist

  1. Introducing The Glam
  2. Well-lighted places
  3. All the universe
  4. Walking ghost
  5. This week at war
  6. Moonlight miles
  7. Rome is calling
  8. White noise
  9. Flaming splendour
  10. Untitled/Outro

Gesamtspielzeit: 41:09 min.