Embrace - If you've never been

Embrace- If you've never been

Hut / Virgin
VÖ: 03.09.2001

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der verborgene Ort

Wer auf der Suche nach der pathethischsten Band im Musikgeschäft ist und seinen Fokus auf das Vereinigte Königreich richtet, braucht nicht lange Augen und Ohren offenzuhalten, um bei Embrace zu landen. Der Band um die Gebrüder McNamara gelang es in der Vergangenheit wie keiner anderen, theatralische Kompositionen in noch theatralischere Arrangements zu betten und mit einer opulenten Portion lyrischem Kitsch anzureichern. Songs wie "Come back to what you know" oder "You're not alone" konnten einem ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, wenn die Tränen eben noch die Wangen herunterkullert waren. Schmachtfetzen wie "Drawn from memory" hingegen drückten auf die Tränendrüse, wenn einem eben zuvor noch nach Lachen zumute war. Willkommen in der Abteilung "Dick ist nicht dick genug" - bei Embrace, den Meat Loafs des Brit-Pop.

Eine Band mit derart viel Überschwang gibt sich eines Tages verständlicherweise nicht mehr mit gewöhnlichen Zielen zufrieden. Auf dem Cover bevölkern die fünf Briten einen dämmerig umleuchteten, tief ins Meer ragenden Steg, schweifen in die Ferne und durchstreifen den Horizont auf der Suche nach neuen Ufern. "If you've never been" - an Plätzen, die noch kein Mensch gesehen hat, vermuten Embrace ihr neues Zuhause. Und nachdem das Weltall, die äußerste Fremde der Welt, unlängst bereits von Blur musikalisch erkundet wurde, liegt für Embrace nichts näher, als sich dem Innersten zu verschreiben. "If you've never been in love with anything" lautet die Sehnsuchtsäußerung der Band in voller Länge.

Gerüstet mit einem Skalpell epischer Melodien, einem pathosgetränkten Tupfer aus Danny McNamaras Stimme und einer Zange zartbitterer Texte machen sich Embrace auf, ins pulsierende Zentrum, ins Herz des Menschen zu blicken. An einen Ort, den jeder zu kennen glaubt und doch niemand durchschaut hat. Trotzdem scheitern sie bereits beim Versuch, die Oberfläche zu durchdringen, da die Melodie-Klinge nicht ausreichend geschärft ist. Nachdem Embrace auf dem Debüt "The good will out" noch problemlos und auf "Drawn from memory" zumindest weitestgehend das Gleichgewicht zwischen Kitsch und Kunst hielten, droht auf "If you've never been" der Himmel voller Geigen jeden Moment, unter der schweren Last zusammenzubrechen und alles andere unter sich zu begraben.

Wenn McNamara im vergleichsweise reduzierten "Wonder" in Zeilen wie "You are like forbidden fruit, out of my reach" eintaucht oder in "It's gonna take time" wehmütig feststellt, daß das Licht am Ende des ganzen Schlamassels doch nur ein heranbrausender Zug ist, ist einen Moment lang wieder alles beim Alten und die Welt in Ordnung. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll und entscheidet sich schließlich, beidem gleichzeitig freien Lauf zu lassen. Doch über weite Strecken scheinen Embrace vergessen zu haben, daß ein zartes, klares Wispern viel leichter Türen öffnet als ungebremster Übereifer, der ihnen den Weg ins Innere auf "If you've never been" verwehrt. Wer weiß, ob sie eines Tages nicht doch noch tiefer vordringen werden, solange die wohlige Narkose von Songs wie "Wonder" noch die Abwehrkräfte in Schach hält. Sag niemals nie.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Wonder
  • It\'s gonna take time

Tracklist

  1. Over
  2. I hope you're happy now
  3. Wonder
  4. Many will learn
  5. It's gonna take time
  6. Hey, what you trying to say
  7. If you've never been in love with anything
  8. Make it last
  9. Happiness will get you in the end
  10. Satellites

Gesamtspielzeit: 47:52 min.

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