Samy Deluxe - Dis wo Ich herkomm

Samy Deluxe- Dis wo Ich herkomm

EMI
VÖ: 27.03.2009

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Schwarz-rot-goldene Brille

Zu was für einem vorbildlichen deutschen Staatsbürger Samy Sorge alias Samy Deluxe sich doch gemausert hat. Sein Engagement gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus mit den Brothers Keepers, die Teilnahme an AIDS-Aufklärungskampagnen, ein Auftritt bei Live Earth, Workshops für Nachwuchsrapper und das Integrationsprojekt für Jugendliche "Crossover e.V." - geradezu beispielhaft hat sich der Rapper in den vergangenen Jahren immer mehr für unsere Gesellschaft stark gemacht. Scheinbar hat jemand dem Wunsch des Hamburgers entsprochen und ihn aufgeweckt, denn mit dem sozialen Einsatz hat sich auch das Deutschlandbild des Afrodeutschen vom Albtraum zum Identitätsspender gewandelt: "Dies' Land hat mir etwas gegeben / Ich will was zurück geben / Früher dachte ich 'Fick Politik', heut will ich mitreden". Und die Sonnenbrille glänzt schwarz-rot-gold anstatt grün.

Es ist das exemplarische Titelstück, das sich expliziter als alle anderen Nummern der Vaterlandsverbesserer-Attitüde hingibt. Hätte Samy Deluxe sich im Text fragwürdige Deutschtümelei und die arg verkürzte Geschichtsstunde gespart ("Und wir haben kein Nationalstolz / Und das alles bloß wegen Adolf - ja toll / Schöne Scheiße, der Typ war doch eigentlich 'n Österreicher"), wäre die grundsätzliche positive Aufforderung zu eigenverantwortlichem Handeln sicher auch nicht in der obligatorischen Nationalstolz-Diskussion untergegangen. Denn das der Gutmensch Deluxe es gut meint, steht außer Frage: Früher kreiste seine Musik um den grasumnebelten Mikrokosmos seiner Szene, heute rappt da einer, der sich als Teil der Gesellschaft begreift, die er verbessern will. Also erzählt er den Leuten "Übers Geld (Skit)" und seinen geringen Wert, oder wie das ist, wenn man gern "Superheld" wäre, aber die dunkle Hautfarbe als Stolperstein den Erfolgspfad versperrt.

Vor allem aber menschelt es gewaltig im Deluxe-Universum: Mehr denn je rücken Identität und Werdegang des Rappers ins Zentrum der Songs, Samy fragt sich "Wer ich bin" und denkt über das Erwachsenwerden und Verantwortung nach, denn: "Wir sind keine Kinder mehr." Gerade jene und ihre Zukunft liegen dem Vater eines achtjährigen Sohnes offenbar besonders am Herzen, in jedem zweiten Song finden sie Erwähnung, wenn er nicht gerade seiner verblichenen Oma eine posthume Liebeserklärung macht oder seinem abwesenden Vater für sein Desinteresse am Sohn verbal abwatscht. Dazu leiht sich Soulbruder Deluxe bei Vortänzern wie Bob Marley den schwarzen Sound, der schon in Trenchtown mit seinem Groove die Chancenlosen zum Aufstehen brachte - der alte HipHop-Dampfer hat mittlerweile schwere Schlagseite in Richtung Reggae, Dancehall, Soul und R'n'B. Locker schaukelt ein Großteil des Albums am Ohr vorbei.

Nur "Erster" bietet noch den gewohnten Poser-Sprechgesang mit derbem Beat. Von solch klassischen Tracks muss man sich wohl langsam verabschieden, der Trend des inhaltlich und musikalisch verwässerten Dynamite-Deluxe-Albums "TNT" setzt sich fort: Samy Deluxe ist jetzt erwachsen und verantwortungsvoll, nimmt nicht alles im Leben mehr so ernst und macht bei aller Lockerheit was für sich und seine Umwelt. Gratulation, Deutschland hat seinen neuen Bono. Die Crux bei soviel positiven Schwingungen? Manchmal langweilt "Dis wo ich herkomm" einfach sehr. Dann fehlen Druck und Biss, die doch eigentlich so gut zur Message passen würden. Ungewollt lebt Deluxe das äußerst deutsche Missverständnis, demnach Vorbild und Spaß nicht zusammen gehen. Wie imHip Hop sind auch hier die Amerikaner Vorreiter: Es geht nämlich.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Dis wo ich herkomm
  • Erster
  • Stumm (Xenja)

Tracklist

  1. Intro
  2. Dis wo ich herkomm
  3. Bis die Sonne rauskommt
  4. Wer ich bin
  5. Wir sind keine Kinder mehr
  6. Vatertag
  7. Oma Song
  8. Superheld
  9. Erster
  10. Übers Geld (Skit)
  11. Musik um durch den Tag zu komm
  12. Stumm (Xenja)
  13. Sowieso schwer
  14. Blick nach vorn
  15. Deshalb
  16. Sprech wie Ich sprech

Gesamtspielzeit: 56:20 min.

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