Kissogram - Rubber & meat

Kissogram- Rubber & meat

Louisville / Roadrunner / Warner
VÖ: 06.03.2009

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Abstandhalter

Nach wie vor gibt es kaum ärgere Idioten, als solche, die sich mit ihrer Attitüde selbst im Wege stehen. Merke: Identifiziert sich ein Künstler zu sehr mit seinem Hipsterbild, so hält er, wie zuletzt Alexander Marcus, kaum einen Sommer lang durch. Kissogram wollen überdauern. Deshalb treten sie von der eigenen Haltung zurück und füllen den Raum, der dadurch entsteht. Beides war bitter nötig - konnte doch nach "Nothing, Sir!" durchaus vermutet werden, dass abseits der Pose bloß ein kärgliches Nichts wartete. Für "Rubber & meat" bedeutet dies: Frischzellen mussten her, und es fanden sich mit Joe Dilworth (Ex-Stereolab und Add N To (X)) am Schlagzeug sowie Hives-Produzent Pelle Gunnerfeldt gleich derer zwei; zudem mussten eben eine Menge Löcher gestopft werden. Kissogram entschieden sich für eine Ausarbeitung des Rock und des Bigbeat. Also: für ein wenig mehr Bodenhaftung. Ausgerechnet, mag man da sagen.

Denn eben dieses Bodenständige war für Kissogram bisher ein Feindbild im wörtlichen Sinn: Das Bild eines Feindes, angenagelt an der Eingangstür zum inneren Schweinehund, auf das man Musik wie Dartpfeile verschießen konnte. Wenn diverse Spartensender und Ehemänner diesen Geheimcode für "Hoch die Tassen" vehement als sportliche Betätigung verkaufen, so ist man mit "Rubber & meat" geneigt, beiden recht zu geben. Denn hier werden in der Tat ganze Lokalrunden durchgeschwitzt, um die Pfeile ins Ziel zu befördern. Wie sehr sich Kissogram um den eigenen Stil krümmen, das zeigt sich in derart gelungenen Stücken wie "Rubber & meat", "Backseat of my mind" oder "Lucy". Die Beats sind bissig, die Synthies umgeben sich mit einer fleischigen Soundhülle und hüpfen schön flummimäßig durchs Hüftjacken-Wunderland. Die Gitarren warten allüberall, übernehmen mal für Acid-Pianos den Disco-Takt, schrubbeln sich aber auch zu waschechten Soli hoch. Da ist eindeutig Leben in der Bude.

Während sich "Bucharest" mit erwartbaren Kamandscha-Samples galvanisiert und "The deserter" zwischen "Hahahaha", "Ratatata" und "Blablabla" ziemlich dünne Bretter bohrt, trifft "Tonight I'll go out alone" die kantig-melancholische Stimmung der frühen, englischsprachigen Element Of Crime. Obwohl der digitale Butterbrotkamm statt der Trompete geblasen wird und der Walzertakt eher stampft als rollt, sind der Basslauf rund und die Schlagzeugwirbel präzise. Selbst Jonas Poppes Dada-Sprack findet konsequent die Klangfarben wieder. Herrlich auch, wie "Prominent man" den Hörer auf dem falschen Fuß erwischt, indem er sein Spieluhr- und Melodica-Getigger vom Country-Vibe zum Right-Said-Fred-Stomper erster Güte entwickelt. Hätte man zuvor doch bloß nicht derartig bereitwillig mitgewippt. Nun steht man da, ohne Hemd und ohne Hose. Sprich: Selbst der bisher derart berechenbare Humor wird auf "Rubber & meat" erfreulich dicht eingearbeitet. Indem sie sich von sich selbst distanzieren, reichen Kissogram auch in diesem Zwischenraum die Hand - und zwar ohne in letzter Sekunde die Nase des Gegenübers anzustupsen und sich süffisant grinsend und weise nickend zum eigenen Schatten umzudrehen. Diesmal stehen sie sich selbst gegenüber. Was ein klein wenig Abstand doch alles bewirken kann.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Tonight I'll go out alone
  • Lucy
  • Backseat of my mind

Tracklist

  1. Switching on the machines
  2. The deserter
  3. Rubber & meat
  4. Tonight I'll go out alone
  5. Prominent man
  6. Grass grass grass
  7. Lucy
  8. Bucharest
  9. Nocturne No. 27
  10. Messiah
  11. Backseat of my mind
  12. Don't look at me like this

Gesamtspielzeit: 35:24 min.

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