Soap & Skin - Lovetune for vacuum

Soap & Skin- Lovetune for vacuum

Couch / PIAS / Rough Trade
VÖ: 13.03.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Holla die Waldfee

Wünscht man was Pfiffiges um die Ohren, so laufe man im gestreckten Galopp vor Udo Walz davon: windgekämmt kommt allemal besser. Gelüstet es nach würziger Soupe d'oignons aux Halles, so lasse man sich von Johann Lafer ein Ei drauf pellen: "Mmmm, leeecker!" Will man hingegen die unbestechliche Meinung zum nächsten großen Ding, so frage man Plattentests.de - die Experten für's Haar in der Suppe. Bei Anja Plaschg und ihrer Alter Ega Soap & Skin haben wir extra lange gewartet. Haben die werten Kollegen Blut lecken und ausjubeln lassen. Haben heimlich gezählt, wie oft das Wort "Wunderkind" gefallen ist, und zur Count-Release-Party geladen - sind dann aber selber nicht aufgetaucht. Und verraten das Ergebnis auch hier nicht. Denn mal im Ernst: Aus Österreich kommen und dann einen derartigen Hochland-Trauermarsch veranstalten? Alles, aber auch wirklich alles selber machen, die Songs schreiben, sie zuhause aufnehmen und produzieren, sich dazu die Frisur zerkauen? Eine Stimme haben, für die sich PJ Harvey beide Lungenflügel ausreißen würde? Und dann noch süße 18 sein? Wir glauben, es hackt! Aber das glauben wir eigentlich immer.

Liegt am Hörsturz, der Psychose oder den Bässen aus der Pogo-Roboter-Fabrik nebenan. Liegt jedenfalls nicht an "Lovetune for vacuum", diesem überaus feinen Debüt von Madame Plaschg. Laut eigenen, maulfaulen Aussagen von nix und niemand auch nur krümelweise beeinflusst, setzt sie hier dennoch klare Duftmarken. Das grollende Moll auf der Klaviatur, mit dem "Cynthia" oder "Turbine womb" durchstoppen, erinnert stark an den Kammer-Pop der Rachel's - minus jeweils acht Minuten pro Song, ohne das ganze Field-Recording-Massaker und plus Plaschgs aufwühlender Stimme. Die verausgabt sich in 180 Sekunden mehr als ein Speed-Metal-Gitarrist auf einer ganzen Diskographie. Sie jault, flüstert und trauert, ist Grabgesang und Ausrufezeichen zugleich. Dabei bleibt sie jedoch stets kultiviert und wird nie zu intim.

Genau diese Klarheit bewahrt "Lovetune for vacuum" auch vor allzu deutlichen Soundtrack-Attitüden. Dafür sind Songs wie "Fall follage", trotz spooky Melodicas und Cellos, auch zu knapp gehalten. Ansonsten aber beweist Plaschg durchaus ein Herz für die Irrlichter ihrer Melancholie. Da wummern wie bei "Marche funèbre" die Bassdrums hinter den Toren zum Schafott. Pulsieren wie eine böse Vorahnung, werden von spitzen Schreien, Kinderschreck-Geflöte und Wimmer-Samples durchbohrt. Auch der farbenprächtige Streicher-Aufgang von "Extinguish me" kann sich zwischen Hinterhalt und Wohlklang nicht wirklich entscheiden. Und produziert deshalb eine innere Spannung, die sehr nachhaltig verstört. Während Plaschgs Klavierdreiklänge dabei stets ihrer Melodieführung treu bleiben, grabräubern die Streicher durch die Tiefendimension. Und schlottern so durch des Hörers Eingeweide. Vom schneidend elektrisierten "DDMMYYYY" etwa bleibt nur ein fieses Hirngespinst zurück. "The sun" - ein Trauermarsch, ebenso klagend wie bestürzend - trudelt wie ein sterbender Spuk immer weiter auf sein Ende zu. Und "Spiracle" singt Zeilen wie: "When I was a child / I bred a whore in my heart." Brrr.

Somit können wir expertieren, wie wir lustig sind: Diese Frisur in der Suppe ist gülden wie Engelshaar. Und wurde doch irgendjemandem vom Kopf gerissen. Selbst die hinfällige Güte des abschließenden "Brother of sleep" verabschiedet sich durch minutenlanges maschinelles Zwitschern und Grollen, bei dem man lieber nicht nachgucken geht, was genau da eigentlich die Nachtigall stört. Denn es könnte sich auch um einen giftgrün schimmernden Raben handeln, dessen Gesellschaft die Seele des Hörers schlagartig durch die Schädeldecke rammt. Wenn man es nur schaffen würde, die Grenzen seines Körpers und die dieser Musik auseinanderzuhalten, wäre trotzdem alles in Ordnung. Das Blut würde aufhören, wie Käferhorden unter der Haut zu krabbeln - sprach die Plaschg: "Nimmermehr."

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Extinguish me
  • Cynthia
  • Spiracle
  • Marche funèbre

Tracklist

  1. Sleep
  2. Cry wolf
  3. Thanatos
  4. Extinguish me
  5. Turbine womb
  6. Cynthia
  7. Fall foliage
  8. Spiracle
  9. Mr. Gount pt. 1000
  10. Marche funèbre
  11. The sun
  12. DDMMYYYY
  13. Brother of sleep

Gesamtspielzeit: 41:33 min.

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