Mirah - (a)spera

Mirah- (a)spera

K / Cargo
VÖ: 13.03.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Travelling without moving

Es ist manchmal ein Kreuz mit den musikalischen Genies, die hierzulande gepriesen werden. Besonders dann, wenn man als täglich aktiver Musikenthusiast weiß, dass hinter unseren Grenzen noch weitaus kreativere Kollektive lauern. Dann kann einem schon mal das Herz schwer werden. Es kommt zwar einer Leidenschaft gleich, sich wie ein weiser Guru nach Importen umzuschauen und mit niedlich-kleinen Plattenfirmen Versandkosten auszuhandeln. Doch manchmal bricht die Wehmut aus allen Nähten, man wünscht sich einen mit Tonträgern angefüllten Anlaufpunkt um die Ecke, einen Heimathafen, der weit davon entfernt steht, mit giftigen "Nerd"-Plaketten um sich zu schmeißen und stattdessen die Nischenhocker als Gleichgesinnte empfängt.

Ein Grund zum Aufatmen für die jungen Importeure: Es ist nicht wirklich viel, was nun in diesen Tagen ohne Umschweife über den großen Teich zu uns herüber geschwappt kommt, aber möglicherweise könnte das ein Anfang sein, mit dem der große Rest gleich auf dem Fuße folgt. Der Anfang, das ist Mirah Yom Tov Zeitlyn, kurz Mirah genannt, die mit ihrem neuen Album "(a)spera" nun auch im deutschsprachigen Raum Einzug halten darf. Der Rest ist das inzwischen aufgelöste und hochkreative Kollektiv The Microphones, das sich unter dem Namen Mount Eerie neu zusammengesetzt hat. Deren Mastermind Phil Elverum hat das Talent der inzwischen 34-jährigen Amerikanerin früh entdeckt und sie für The Microphones singen und auf diversen Instrumenten rumschlagen lassen. So wundert es nicht, dass sich ihr bisheriger Solo-Output durch Microphones-ähnliches Songwriting mit spontanen Homerecordings, gedankenverlorener Melancholie und psychdelischen, drone-artigen Ausuferungen auszeichnet.

So war es zumindest bis zu ihrem 2004er und vorletzten Album "C'mon miracle", das sich weitaus reifer und überlegter in Szene setzte, die schwingende Gitarrenarbeit einem kleinen Kammerorchester überließ und die weitschweifigen Auswüchse bis auf leichte Spitzen eindämmte. Auch "(a)spera", warm und vollmundig von Elverum produziert und arrangiert, bleibt dieser Entwicklung ins Kleine und Subtile treu. So hört man im abschließenden Track ein reduziertes Vibraphon anklingen, dessen Töne sich wie kleine Tupfer über den Song legen. Flimmernde Keyboardflächen tragen "While we have the sun" im Hintergrund, nicht aber zu atmosphärisch, sondern dienen mehr als Abschluss des engen Raumes, aus dem Mirahs mädchen- und zauberhafte Stimme schallt. Einzelne Samples und Spielarten ostasiatischer Folklore fließen mit ein, machen aus dem Track eine Art experimentierfreudige Esoterik. Direkter, mit schnell gezupftem Bass und marschierenden Drums, geht da "Country of the future" zu Werke. Auch hier fließen sie mit ein, die Einflüsse Asiens, durch einen indischen "La-La-La"-Frauenchor, der verhangen und verträumt aus dem Off kommt, und das eher untypische, rhytmisch vertrackte Percussion-Spiel.

Trotz dieser weltlichen Einflüsse in den lieblichen, aber gleichzeitig kühlen und freiheitlichen Songwriter-Folk-Pop, bleibt Mirah in ihrem amerikanischem Kämmerlein. So auch in dem hypnotischen wie traurigen "The world is falling", das den immer gleichen Rhythmus vor sich herträgt und Mirah mit einer abwechslungsreichen Gesangsmelodie brillieren lässt. Erinnerungen an Joanna Newsom steigen auf, ohne dass Mirah ihre Eigenheiten verliert. "Shells" lässt noch einmal den esoterisch-verträumten Moment zu, verursacht durch eine afrikanische Stegharfe (Kora) und Mirahs zartes Gesangsorgan, das im Einklang mit dem Instrument zu stehen scheint. "(a)spera" generiert eine neue Art des amerikanischen Folk, in dem es interkontinentale Einflüsse einbringt, ohne abzudriften und nachzuahmen, was selbst nicht der eigenen Tradition entspricht. Ein subtiles Zeitzeichen amerikanischer Entfremdung und Individualität. Die Importeure hierzulande wird es freuen. Wir rücken alle näher zusammen.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • The world is falling
  • Shells
  • While we have the sun

Tracklist

  1. Generosity
  2. The world is falling
  3. Education
  4. Shells
  5. Country of the future
  6. The forest
  7. Gone are the days
  8. The river
  9. Bones & skin
  10. While we have the sun

Gesamtspielzeit: 43:01 min.

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  • Mirah (10 Beiträge / Letzter am 20.07.2014 - 10:09 Uhr)