From Monument To Masses - On little known frequencies

From Monument To Masses- On little known frequencies

Dim Mak / Golden Antenna / Broken Silence
VÖ: 13.03.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Doppelhertz

Elvis wollte die Hüften ungehindert schwingen lassen, Johnny Cash den Herzschlag durch die Saiten spüren. Bei den Beatles rätselt man hingegen immer noch über das "Warum". Fest aber steht: Sie alle nahmen sich die Gitarren so lange zur Brust, bis die Gurte unter den Achseln zwickten. Rock hat da bekanntlich andere Vorlieben. Hier muss aus der Hüfte geschossen werden. Das Herz muss in die Hose rutschen. Und kreisen sollen die Arme, nicht die Beckenknochen. Matthew Solberg hat das eingesehen: Für den dritten Langspieler seiner Band From Monument To Masses wurde der Riemen tiefer geschnallt - nicht die einzige Neuerung, die "On little known frequencies" anzubieten weiß. So hat Produzent Matt Bayles (Minus The Bear, Isis) die Postcore-Spitzen der Vorgänger sanft geschliffen. Deshalb gleiten die Songs jetzt über feinere Klippen voran, müssen sich nicht mehr durchboxen. Kein Problem, denn aufgewühlt und betriebsam sind sie ohnehin genug.

Die neue Spielhöhe etwa behindert Solbergs angejazzte Tapping-Figuren keinesfalls. Vielmehr bringen ihre Schlangenlinien die Harmonien in voller Spannung zur Explosion. Die Riffs zeigen sich dadurch ebenso zuckersüß wie sehr beweglich. Sie hauchen Oma Postrock neues Leben ein, obwohl sie den gewohnt langen Atem beweisen und an den richtigen Stellen hyperventilieren. Gleich den Opener zieht es vom zuckenden Bassdrum-Hüpfen zum trippigen Punch - und nach periodisch wiederkehrenden Wutausbrüchen mitten hinein in einen von Klavier und Streichern abgeschluckten Kloß im Hals. "An ounce of prevention" schwingt sich mit zittrigen Rotorblättern zunächst in den Nachthimmel empor, erarbeitet sich dann aber einen fleischigen Funk-Rüttler im Stil der frühen Fugazi, inklusive Geschredder auf dem Bundsteg der Gitarre und bauchig abgestoppten Bassläufen. Darauf vernebelt es dem Song im Delay-Fieber so lange alle Sinne, bis er kamikazeartig durch die Skyline bricht und in den elenden Überresten eines Indie-Clubs notlandet. Ab hier übernimmt auf einmal eine zackige Synthie-Melodie die Pilotenbrille. Und zertänzelt sich auf Night-Clubbing-Leichenbergen zu etwas sehr Nachhaltigem.

Der von Bayles erarbeitete Sound fügt all diese Abweichungen zu dichten Erzählungen zusammen. So steigt auch "Beyond God and Elvis" unfassbar wuchtig ein, hoppelt allerdings nach wenigen Sekunden beschwingt weiter wie ein argloses Häschen, angefixt vom Morgentau. Im Adlerblick eines herausragenden Schlagzeugers und des jederzeit zum Break bereiten Bassisten wird die anfängliche Erregung jedoch keinesfalls vergessen: Sie kreist weiter über der Beute, aber nur, um all ihre Haken und Kapriolen kontemplativ mitzufliegen. Ebenso schafft es "A sixth trumpet", ein Lullaby für Mondsüchtige zu sein. Die Gitarrenfiguren breiten die Arme aus, balancieren über den Dachfirst und schlendern in einen unterschwelligen Albtraum. Eine Art Wiegenlied für "Rosemary's baby", nach dem man frohgemut erwacht und die sechste Posaune erst noch geblasen werden muss. Im stellvertretenden Marimbaspiel steckt dafür eine ganze Offenbarung - und drückt sich wie ein Gute-Nacht-Kuss auf den Solar Plexus des Hörers.

Auf diese Weise versammelt "On little known frequencies" eine ganze Armada von Spannungsknoten, dröselt sie aber in aller Ruhe wieder auf. Keine vorschnelle Katharsis, kein musikalisches Tai Chi. Lediglich das abschließende "Hammer & nails" zeigt sich mustergültig offensiv. Die kompakt in das Riff gestreuten Flageolett-Töne präsentieren sich gleich zu Beginn ganz im Sinne June Of 44s. Genre-Liebhaber wissen, dass so etwas böse enden kann. Und in der Tat: Zwischen drei Geschwindigkeiten und circa 15 emotionalen Spannungszuständen kracht es irgendwann so richtig. Eine sorgsam aus dem Tumult geschälte Bassvertiefung ist dabei eine weitere Glanztat von vielen. Sie müsste sich wahrlich nicht derart verstecken. Nur so aber ergießt sich all die Hypertonie in einen euphorischen Herzstillstand, der den inneren Druck erträglich macht. Sprich: Näher kommt man dem eigenen Pulsschlag nur selten - egal, wie hoch oder tief man die Sechssaiter schnallt.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Checksum
  • Beyond God and Elvis
  • An ounce of prevention
  • Hammer & nails

Tracklist

  1. Checksum
  2. (Millions of) individual factories
  3. Beyond God and Elvis
  4. A sixth trumpet
  5. An ounce of prevention
  6. The first five
  7. Let them know it's Christmastime
  8. Hammer & nails

Gesamtspielzeit: 51:58 min.

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