A Camp - Colonia

A Camp- Colonia

Reveal / PIAS / Rough Trade
VÖ: 20.03.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Da simmer dabei

Denkt man an Köln, kann man eigentlich nur lächeln. Das Rheinland in Reinkultur, mit dem Dom, der bis in alle Ewigkeit an einer anderen Stelle geflickt werden muss. Der freundliche Dialekt. Die tief empfundene Liebe der Einheimischen zu ihren Gallionsfiguren wie Calli und Poldi. Der Kölner Karneval, der sich alljährlich verantwortlich zeichnen darf für eine steigende Geburtenrate, Scheidungen in ganz Deutschland, aber auch spontane Eheschließungen zwischen Menschen, die sich zwar erst seit wenigen Stunden kannten, sich aber da schon irre lieb hatten. Ja, Köln ist auf seine eigene Art sympathisch. Genau wie Nina Persson und ihre Mannen um die Cardigans-Zweitband A Camp, wenn auch weniger feucht-fröhlich. Nein, bei Persson weht ein anderer Wind, kühler, aber auch kühner, verwegener und doch nicht abwegig. Mit der Schwedin können sich nicht nur Männer vorstellen, ein eiskaltes Blondes trinken zu gehen, und doch entpuppt sich der damit gefundene Bezug zur Domstadt nur als Wortspiel. Als Persson 2007 auf einem Safari-Trip in Südafrika Kraft und Ideen sammelte, kam ihr der Gedanke an ein längst vergangenes Kolonialreich (aha!), mitsamt schrulliger Könige und Königinnen. Es wäre aber auch zu schön gewesen! Wie man es aber auch sieht: Eau de Nina riecht nicht nur gut, sondern schmeckt, macht schön und hört sich gut an. Da ist es egal, welche Bedeutung nun wichtiger ist.

Schuld ist angeblich das majestätische Wesen der südafrikanischen Löwen, das Persson so beeindruckt hat. Werden sie heute höchstens noch als sonnenbadende Faulpelze wahrgenommen, denen man aberdoch lieber nicht näher kommt, als das HDTV zulässt, wurden die Riesenkatzen früher tatsächlich als Haustiere gehalten. So zieht sich das dekadente Leben längst vergangener Monarchen wie ein roter Faden durch das Album. Bereits im Opener "The crowning" ist davon die Rede, ein ungewöhnlich episches Stück und damit gewagt für den Beginn eines Albums. "We're gonna party like it's 1699", das weckt zunächst mal Erinnerungen an Omas letzte Geburtstagsfeier, entpuppt sich aber als Hausparty der Extraklasse, inklusive der Blutrünstigkeit eines vermeintlich geköpften Gekrönten. So war das damals! Da brauchte die feine Partymeute noch keine Wii, um sich auf einer fetzigen Fete zu amüsieren. Auch zu rocken wusste man vor gut 300 Jahren, wie "Here are many wild animals" beweist, eine zynische und unmissverständliche Abrechnung mit dem Land westlich auf der Weltkarte, und eines sei gesagt: Die besungenen Tiere gehen nicht nur auf vier Beinen. Da ist Schluss mit lustig, ebenso wie auf "Love has left the room", der obligatorische Song über das Beziehungsende, pompös produziert und mächtig aufgebauscht. Da schwingt das gesunde Maß an Pathos mit, wenn Persson in der Mitte des Stücks erst so richtig in ihrem vertonten Leiden aufgeht und singt "I'll let you go if you just let me / I will forget you if you will forget me", und mit jeder besungenen Note schmerzt das Herz mit ihr.

Die Single "Stronger than Jesus" nähert sich der Liebe mit ungekehrter Psychologie und stellt sie auf ein Podest, das unmöglich halten kann. Da wird mit Metaphern um sich geworfen, das einem Angst und Bange werden kann. "Don't you know love can kill anyone?" beschwört Persson, Liebe ist ein Feuer, Liebe besiegt alles. Zugegeben, da wird dem Hörer nicht erst beim Einsatz des Chores im Hintergrund langsam klar, dass er gerade gehörig auf die Schippe genommen wird. Und obwohl bekannt ist, dass Nina Persson nicht nur verheiratet ist, sondern dass ihr Mann Nathan Larson selbst Mitglied bei A Camp ist, sind es gerade die schwermütigen, orchestralen Songs, die sich um Verbitterung und die Endgültigkeit der Dinge drehen, die besten des Albums. "I signed the line" etwa besingt das Ende einer Liebe und das damit verbundene Aus einer Verbundenheit, die wohl nie eine war. Das ist lyrisch gesehen harte Kost, wird jedoch aufgewogen durch diese unverkennbare und durch Mark und Bein gehende Stimme."Colonia" ist Nina Persson in Hochform, nie war sie besser, und nie war sie schwieriger. Bei den letzten Tönen von "The weed had got there first" bleibt der Hörer noch eine ganze Weile auf der Frage sitzen, was genau geschehen ist und wie er den Song zu verstehen hat. Sicher ist, dass in diesem Königreich nicht auf alles eine Antwort gegeben wird. Das ist auch gar nicht nötig. Königin Nina I. wird es schon richten.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • The crowning
  • Love has left the room
  • Golden teeth and silver medals (featuring Nicolai Dunger)
  • I signed the line

Tracklist

  1. The crowning
  2. Stronger than Jesus
  3. Bear on the beach
  4. Love has left the room
  5. Golden teeth and silver medals (featuring Nicolai Dunger)
  6. Here are many wild animals
  7. Chinatown
  8. My America
  9. Eau de Colonia
  10. I signed the line
  11. It's not easy to be human
  12. The weed had got there first

Gesamtspielzeit: 43:39 min.

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User Beitrag
Addict
2009-04-21 15:09:40 Uhr
Holiday in Colonia - A Camp live@ Luxor, Köln
Mixtape
2009-03-18 19:32:29 Uhr
Die Rezensentin bitte. :-) Die letzten beiden Cardigans waren jedenfalls ganz groß, während mich schon beim Debüt von A Camp nur "I can't buy you" überzeugte.
Tufkaa
2009-03-18 19:28:22 Uhr
Dito. Kommt nicht annähernd an die letzten Cardigans-Platten dran oder habe ich eine andere CD gehört als der Rezensent?
Mixtape
2009-03-18 00:22:23 Uhr
Eine der Enttäuschungen des ajhres für mich. Da wird deutlich, was für ein toller Songerschreiber Peter bei den Cardigans ist.
Tama
2009-03-18 00:18:47 Uhr
Hab grad nochmal I Can Buy You von der ersten gehört... ist für mich ein Highlight, wie ich es auf der neuen noch nicht gehört habe.

Das neue ist aber wirklich fantastisch arrangiert und instrumentiert, ist echt mein Highlight heute!
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