Arbouretum - Song of the pearl

Arbouretum- Song of the pearl

Thrill Jockey / Rough Trade
VÖ: 06.03.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Immer weiter

Wir sind nicht in Hollywood und wissen demnach auch, dass auf eine lange Phase der Tränen nicht unbedingt eine Periode von Glückselig- und Geselligkeit folgt. Nicht mal der kleine Silberstreif am Horizont sollte in unserer Erwartung stehen. So kann es denn auch dazu kommen, dass man noch tiefer fällt und sich selbst und den Rest des Erdenrunds ganz aus den Augen verliert. Eine Methode, um dem zu entgehen - der Rezensent spricht selbstverständlich ohne Gewähr -, ist, sich fallenzulassen und einfach mit offenen Augen und dem Blick für das Kleine im Großen fortzuschreiten. Immer, immer weiter - im Stile dessen, wie es sich Hermann Hesse gewünscht hätte: der Freiheit entgegen gehend und die Gedanken am Abgrund akzeptierend. Diese psychologisch-philosophische Methode ist nicht Marke Eigenbau, sondern entliehen vom neusten Album David Heumanns aus Baltimore, der mit seiner Band Arbouretum und ihrer vierten Platte „Song of the pearl“ neue Wege geht.

Blickt man zurück, weiß man darum, dass auch Heumann mit seinem harten und unbändigen Psychedelic-Folkrock ein Tal der ebenso tiefergehenden wie düsteren Gedanken durchschritten hat. Mit seinem nun zwei Jahre alten Meisterstück "Rites of uncovering" widmete sich der Kopf von Arbouretum den Wegen der Abseitigen und Außenseiter, basierend auf den Werken des gesellschaftskritischen Schriftstellers Paul Bowles. Man erinnere sich an wilde Saitensprünge, kakophonische und elektrifizierte Soli, spröde, einsam anklingende und vernichtend nüchterne Songbauten und lyrisch grausame Wahrheiten. Weit entfernt: der immer wieder besungene Hoffnungsschimmer, der dann doch nicht eintrat und letztlich ganz und gar zusammengestaucht wurde. "Song of the pearl" ist, trotz der neu begangenen Wege, kein wirkliches Gegenstück zum schwarzverhangenen Vorgänger, doch bemerkt man schnell, dass ein neuer Blickwinkel vorherrschend ist - ein innerer wie äußerer Drang Richtung Freiheit.

In der Gesamtabrechnung ist dieser Drang gar nicht mal so offensichtlich. Denn auf einiges an musikalischem Freiheitsgefühl, was der Vorgänger mit sich brachte, wurde diesmal verzichtet. So hört man nicht mehr die überraschenden Einstürze, die bedingt waren durch überbordende Gitarrenarbeit, welche vollkommen frei von Strukturen einen jeden Track zum Ende brachte. Auch ist das Bandgefüge um die vier Hauptmusiker auf "Song of the pearl" viel dichter zusammengerückt. Hatte man vormals das Gefühl, jeder Musikant Arbouretums verrichte eigenbrötlerisch seine Experimente, so halten sie sich nun an Notenstränge und gehen immer wieder aufeinander ein. Doch gleich mit dem ersten und auch stärksten Track "False spring" hört man, dass diesen Notensträngen Flügel angeheftet wurden - und das Arbouretum eigentlich einer anderen Art von Freiheit entgegen streben. Minimalistisch gibt die elektrische Gitarre den immer gleichen Rhythmus an. Die Texte sind naturverbunden, vermitteln das Bild eines aufmerksam lebenden Menschen und stützen die neue Zielsetzung. Ein weiteres Bündel an elektrischen Saiten schlägt härtere Töne an, ist aber nicht um Einsturz bedacht, sondern erscheint als frei schwebender Auswuchs dieses atemberaubenden, hypnotischen Mantras, das bis zum Ende höchste und härteste Höhen erreicht.

Bedächtiger, mit zart angeschlagener und leicht vibrierender Gitarre, lieblichen Geigenarrangements und einem ebenso starken Bezug zu einem psychedelischen Minimanlismus, geht der Titeltrack zu Werke und weckt zum ersten Mal in der Bandhistorie Arbouretums Assoziationen an ein Liebeslied. Heumann bezeugt an dieser Stelle aber nicht die Liebe zu einer weiblichen Schönheit, sondern, verhangen durch eine Vielzahl von Symbolismen der eigenständigen Poesie, zu den naturalistischen Eigenarten unseres Lebens. Der Schlusstrack "Tomorrow is a long time", ein grandios in Szene gesetztes Bob-Dylan-Cover, greift dieses Stilmittel erneut auf. Aus Dylans Sehnsüchten gegenüber dem anderen Geschlecht und seinem wunderschönen Adieu macht Heumann eine universale Sinnsuche. Eine Sinnsuche in Zeitlupe, in der seine ausdrucksstarke Stimme im inne haltenden, verträumten Flüstern brilliert. "Song for the pearl" findet seine Freiheit nicht in der vernichtenden Distortion von "Rites of uncovering", sondern in einem stetig treibenden Fluss. Ein immer noch durch Abgründe führender Fluss, aber mit dem Blick auf die kleinen verborgenen Schönheiten zwischen Stagnation und Zerstörung gerichtet. "Song of the pearl" ist, ohne es mit Krampf zu wollen, der selbst gesuchte Silberstreif geworden. Durch Fallenlassen und offene Augen.

(Markus Wollmann)

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Highlights

  • False spring
  • Song of the pearl
  • Tomorrow is a long time

Tracklist

  1. False spring
  2. Another hiding place
  3. Down by the fall line
  4. Song of the pearl
  5. Thin domination
  6. Infinite corridors
  7. The midnight cry
  8. Tomorrow is a long time

Gesamtspielzeit: 40:16 min.

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