...And You Will Know Us By The Trail Of Dead - The century of self

...And You Will Know Us By The Trail Of Dead- The century of self

Superball / SPV
VÖ: 20.02.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Bauch beißt Kopf

Bisher litten ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead wahlweise an Größenwahn oder der eigenen Standhaftigkeit. Dieses manisch-depressive Dilemma brachte bereits Heldentaten wie "Madonna" oder "Worlds apart" hervor, erschuf aber auch die kolossale Hybris "So divided" - und ermöglicht nun ein Album wie "The century of self". Einen ungestümen Brocken, vollgestopft mit lauten Gitarren, ebenso beharrlichen wie rastlosen Rhythmen und klassisch-melancholisch gerockten Harmonien. Damit ist die Platte, wie angekündigt, in der Tat eine Heimkehr zum Bauchgefühl. Wären ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead nicht auch in dieser Hinsicht schon immer eine Band zügelloser Pferdestärken gewesen, man könnte glatt von Rückschritt sprechen. Aber derart funktioniert das eben nicht.

So wie sich "So divided" trotz Pop und Pomp eher zickig als gezähmt benahm, gibt auch "The century of self" eine Marschroute vor, die von einer drögen "Back to the roots"-Devise meilenweit entfernt ist. Und das, obwohl das einzige, was ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead von ihrer zwischenzeitlichen Extravaganz gerettet haben, die selbstbewusste Überzeugung ist, es erneut allen zeigen zu dürfen. Gleich "Giant causeway" wählt lieber den dramatischen, scheppernden Einstieg, statt sich in eine Spannung hineinzugrooven, die letztlich doch nicht gehalten werden kann. Ein anschwellendes Feedback schiebt sich von hier aus herüber zu "Far pavillons", das sofort mit einem wummernd-emphatischen Noise-Riff antwortet, wie es zuletzt die verblichenen Shiner aufstacheln konnten. Von hier aus entwickelt sich das Stück vom bissigen Halschlagader-Gesang zum großen Operetten-Zwischenpart, um schließlich wieder hinzufallen und erneut in den nächsten Song abzugleiten. Der heißt "Isis unveiled" und verschraubt seinen Stakkato-Basslauf-Trip in die klaren Verlaufskurven eines typischen Alternative-Rockers. Da wird es eng im Schritt, weshalb der unfassbar schnell komprimierte Refrain die Arme nach oben wirft, um sich noch einmal Luft zu verschaffen, bevor sich alles zu einem entropischen Spannungsverlust leerklopft - aus dem der Song dann um so dringlicher wieder hervorspringt. Die zackigen, marschähnlichen Schlagzeugwirbel, die auch "Halycon days" zu einer Ausgeburt der Unbeugsamkeit verdichten, sind dabei ein weiteres klares Zeichen dafür, wie sehr sich ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead von ihrer Vergangenheit regelgerecht haben anfixen lassen.

Selbst wenn die Strophen von "Bells of creation" eher stockende Spannung verbreiten oder "Insatiable two" seine Zirkus-Artistik über die Musical-Bühne treibt, ziehen die Refrains doch merklich an. Die altbekannten Kieferbruch-Gesten werden hierbei jedoch bis zum Optimum kultiviert. Noch im schnellsten Takt verbindet sich Intensität mit gelassener Ruhe. Lautstärke ist ebenso Schockeffekt wie langsamer, stetiger Brüter - sie wird zum Fließen gebracht, härtet zugleich aber aus, kocht über und verfliegt im Unfassbaren. Der Aggregatzustand eines Trail-Of-Dead-Rockers bleibt nach wie vor unbekannt, so sehr man sich auch den Kopf zerbricht, beziehungsweise ihn unbändig schüttelt und schüttelt. Deshalb sind die hymnisch skandierten Auftakte eines astreinen Power-Poppers wie "Fields of coal" stets größer, unbändiger und konsequenter als Weezer und die Foo Fighters zusammen. Und schafft es "Inland sea", seine Klavierdreiklänge als harmonische Tränenzieher zu präsentieren und doch genau die Ablenkung zu schaffen, die es braucht, um aus der Introspektive das Äußerste herauszukitzeln.

Es gäbe noch viel zu besprechen - wie gekonnt/gewollt Jason Reeces Gesang mit "Luna park" teils jaggersche Größe erreicht; wie gelassen "Pictures of an only child" (bei) der betagten "Mistakes and regrets"-Steigerung beide Augen zudrückt; weshalb der Jawbox-Satzgesang von "Ascending" zunächst zu schnell für seine Postcore-Reserviertheit ist, dann aber zu langsam daherkommt, um den Bierpunk-Bembel schielenden Auges und vollen Ernstes durch die Singalongs zu schwenken; und, nicht zuletzt, die Kapitulation des Musikschreibers vor all dieser Geschäftigkeit. Genau das aber ist die Stärke, die sich ...And You Will Know Us By Trail Of Dead wieder erarbeitet haben. War bei den berechenbaren Genialitäten von "So divided" alles viel zu früh glasklar, so gibt ausgerechnet die altgeschätzte Bollerwilligkeit von "The century of self" Rätsel auf. "I'm the monster and I exist / And on this summit I am lost / On its slopes I've seen the world as she was meant to be seen", heißt das Schlusswort des Albums - und hat mit einem ostasiatischen Bigfoot des Mittleren Pleistozäns üblicherweise genau so viel zu tun, wie Sänger Conrad Keely Flausen im Kopf. Und doch stehen die Zeilen gerade durch ihren welt- und geschichtsumspannenden Irrsinn prototypisch für "The century of self": ein spätes Monument der frühen Stärken innerhalb der eigenen Entwicklung.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Far pavillons
  • Isis unveiled
  • Fields of coal
  • Pictures of an only child
  • Insatiable two

Tracklist

  1. Giants causeway
  2. Far pavillons
  3. Isis unveiled
  4. Halcyon days
  5. Bells of creation
  6. Fields of coal
  7. Inland sea
  8. Luna park
  9. Pictures of an only child
  10. Insatiable one
  11. Ascending
  12. An August theme
  13. Insatiable two

Gesamtspielzeit: 54:02 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Caterwaul
2016-08-09 17:10:04 Uhr
Ne, für mich ist es immer noch Ode to Isis mit dem anschliessenden Will you smile aghain for me, wenn ich mal ne Gänsehaut brauche, da passiert es jedes mal!

Huhn vom Hof

Postings: 800

Registriert seit 14.06.2013

2016-08-09 16:32:52 Uhr
"Bells of Creation" und "Pictures of an Only Child" sind wohl immer noch die stärksten Songs von Trail of Dead.

The MACHINA of God

Postings: 10502

Registriert seit 07.06.2013

2015-08-08 08:37:08 Uhr
Ja, find das letzte Drittel auch eher schwach. Mag allerdings den Mittelteil um "Fields of coal" und "Inland sea" wohl am meisten. Trotzdem irgendwie ein komisches Album.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2015-08-07 08:55:24 Uhr
01. The Giants Causeway 8/10
02. The Far Pavilions 8/10
03. Isis Unveiled 9/10
04. Halcyon Days 8/10
05. Bells Of Creation 10/10
06. Fields Of Coal 4/10
07. Inland Sea 7/10
08. Luna Park 9/10
09. Pictures Of An Only Child 9/10
10. Insatiable (One) 6/10
11. Ascending 5/10
12. An August Theme 7/10
13. Insatiable (Two) 7/10

So sieht das bei mir aus...ein bisschen auch das Problem, dass nach "Pictures" für mich wenig Interessantes kommt und so ein Abschluss fehlt, der dem tollen Anfang würdig ist.
7.5/10

bazilicious

Postings: 2909

Registriert seit 27.06.2013

2015-08-06 23:02:45 Uhr
Ich hasse Frank Turner und sein Gröhl-Pubrock auch, aber das kann ich in keinem Trail Of Dead Song hören.
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