Telefon Tel Aviv - Immolate yourself

Telefon Tel Aviv- Immolate yourself

BPitch Control / Rough Trade
VÖ: 23.01.2009

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Futudrama

Telefon Tel Aviv - ihre letzte Messe ist gelesen. Wird nicht mehr stattfinden. Hat bereits stattgefunden. Denn dass beim Science-Fiction-Tarot zumeist lediglich der Sensenmann die Karten mischt, ist nicht nur das größte Problem jedes Kryonikers und Futuristen. Einen Tag nach der Veröffentlichung von "Immolate yourself" hat der plötzliche Tod des Bandmitglieds Charlie Cooper (R.I.P.) nun auch Telefon Tel Avivs Zukunftsvisionen überholt. Sofern nicht noch mehr schiefgeht, als ohnehin schon, wird dies die letzte Veröffentlichung des Chicagoer Duos gewesen sein. Wirklich sehr schade, denn sie hätten durchaus noch besser werden können.

Während sich ihr Debüt noch ganz dem Flächenbrand typischer Indietronics hingab, wurde das Zweitwerk "Map of what is effortless" zu einem Flickenteppich aus altem Gewebe und neuen Strickmustern. "Immolate yourself" präsentiert nun keine innere Synthese dieser beiden Ansätze, sondern ihre destillierte Essenz. Die Flächen schieben sich teils deutlich ins Trancehafte herüber, während die R'n'B- und TripHop-Ansätze im Achtziger-Jahre-Pop der Marke Depeche Mode oder Talk Talk ankommen. Allerdings bleiben Telefon Tel Aviv Soundtüftler und Trauerklöße genug, um den großen, offensiven Gebärden zu entgehen. Alles an "Immolate yourself" bleibt Underground, zuvorderst die Stimmen ihrer Protagonisten, die in Phrasierung und Melodieführung in der Tat an den frühen Dave Gahan erinnern, würden sie nicht klingen, wie unter dem Flokati des Studionachbarn hervorgeflüstert. Bei Songs wie "The birds" oder dem Titelstück sitzt der Gesang auf diese Weise sattelfest im Mix, erhebt sich zu keiner Sekunde über sich selbst oder die Musik. Und auch sonst gelingen die Harmonien eher schwimmend, gleitend und sich ineinander verschiebend.

Die Drumpatterns flattern matt und entkräftet, bewegen sich gerade dadurch aber auf einer Linie mit den übrigen musikalischen Schichten, schieben sie weder von unten noch von oben an, sondern von innen heraus nach vorne. Synthie-Selbstläufer bratzen ihre Kraftwerk-Frequenzen in Sechzehntelnoten hervor, Delays winken sich selbst zum Abschied zu, spooky zwischen die Takte geschleuderte Akte-X-Melodien treten mit Protonen-Rucksäcken gegen die Tripods an - und manchmal stechen Trans-Am-Rhythmen durch all die Plong- und Pluckereien, wie bei "You are the worst thing of the world", "Stay away from being maybe" oder "Helen of Troy" und ihrem so unfassbar weich kickenden Funk. Die rollenden und grollenden Schwingungen von "Your every idol" und "Mostly translucent" produzieren hingegen beinahe shoegazige Spannungsbögen, wie hier auch sonst vieles zwar nicht in den Mitteln, wohl aber in seiner Schwermut ebenso zum angstvollen Blick gen Nachthimmel wie zu dem unter die Turntables einlädt.

Das Unheimliche, das Romantische, das Gleichgeschaltete, die Melancholieknoten, die Elektro-Funkyness, den angedudelten Trip - letztlich hat "Immolate yourself" wirklich alles, was die hochtechnisierte Zukunft beim Menschen an Emotionalität auslöst. Doch das Album kehrt all das auch unter den Teppich seines inneren Einklangs. Damit bewahrt es sich vor allem eine Menge Potenzial, das nun aber auf ewig verschüttet liegt. So wäre es ein leichtes, all die gesungenen Klagechoräle noch auf diesen schmerzlichen Abgesang herunterzudampfen. Doch letztlich ist diese Platte unschuldig. Sie wusste es auch nicht besser.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • The birds
  • Stay away from being maybe
  • Immolate yourself

Tracklist

  1. The birds
  2. Your mouth
  3. M
  4. Helen of Troy
  5. Mostly translucent
  6. Stay away from being maybe
  7. I made a tree at the world / wold
  8. Your every idol
  9. You are the worst thing in the world
  10. Immolate yourself

Gesamtspielzeit: 46:14 min.

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