Various Artists - Red Hot Organization - Dark was the night

Various Artists- Red Hot Organization - Dark was the night

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 13.02.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Es werde Licht

Dann mal Butter bei die Fische: Zu denken, dass ausschließlich die Menschen in Afrika und vielleicht noch Homosexuelle an AIDS erkranken können, ist nicht nur naiv, sondern ziemlich dumm. Dass es einen niemals selbst treffen kann, wenn man - bei welcher Gelegenheit auch immer - "aufpasst", fällt in eine ähnliche Kategorie, ist nur noch ein Stückchen dämlicher. Und dass es immer die anderen sind, die betroffen sind, ist genau wie die vorangehenden Beispiele schlichtweg falsch. Weltweit sind rund 33 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert, seit 2000 nimmt die Anzahl von Neuerkrankungen wieder zu, was auch daran liegen könnte, dass die jüngere Bevölkerungsschicht annimmt, AIDS sei mittlerweile heilbar. Das ist es nicht, und das zu vermitteln, hat sich die Red Hot Organization zur Aufgabe gemacht. Bereits seit 1989 veröffentlicht sie deshalb Compilations, veranstaltet Events und produziert TV-Sendungen. Im 20. Jahr nach der Gründung folgt nun das nächste Doppelalbum, produziert und zusammengestellt von Aaron und Bryce Dessner - ihres Zeichens Mitglieder bei The National - und mit einer Namensliste versehen, bei der jedem eingefleischten Indie-Fan das Herz bis zum Hals schlagen dürfte. Drei Jahre hat es gedauert, um alle Künstler zu überzeugen und im Aufnahmestudio unterzubringen; der Titel stammt von Blind Willie Johnsons Song "Dark was the night, cold was the ground", und bereits nach wenigen Minuten wird klar, dass hier eine höhere, allerdings aufgeklärte, Macht mitgewirkt haben muss.

Trotz des ernsten Themas kommt keineswegs nur Trauerstimmung auf. Bereits der Opener "Knotty pine" von den Dirty Projectors und dem alten Talking Head David Byrne versucht durch tanzbare Musik und mit ordentlich Schwung in den Hüften zu zeigen, in welche Richtung man sich bewegen möchte. My Brightest Diamonds Nina-Simone-Cover "Feeling good" sorgt für Gänsehaut auf ganzer Linie, mit einer deutlichen Steigerung ab der Mitte des Songs und einer Shara Worden, die schlichtweg überragend klingt und zeigt, dass sie längst nicht mehr nur die Hintergrundstimme von Sufjan Stevens ist. Der wiederum gibt sich gleich doppelt die Ehre: Wühlt er in Buck 65s Remix von Castanets "You are the blood", genannt "Blood pt. 2", noch eher ruhig und im Hintergrund, schafft er mit seinem eigenen Cover desselben Liedes genau das, was oft fast unmöglich scheint: Er übertrifft das Original und frisiert es in über zehn Minuten zu seinem ureigenen Song, mit einem phänomenalen Sound-Feuerwerk, Bläsern und verspielten Computer-Arrangements.

Viel zu kurz ist leider "Stolen houses (Die)" von Iron & Wine geraten - genau 71 Sekunden lang und genau dann vorbei, als sich die Melodie gerade im Ohr festsetzen will. Gewohnt außergewöhnlich ist hingegen das bisher unveröffentlichte "Lenin" von Arcade Fire, das durch Mark und Bein boxt und sich dem Hörer bei allen Ecken und Kanten doch zugänglich macht. "Sleepless" hinterlassen wird selbiger von The Decemberists, das kraftvoll und zerbrechlich ist, wie man es von ihnen kennt, und damit einfach gut. Ähnlich großartig ist die Zusammenkunft von Feist und Ben Gibbard auf "Train song", einem Cover der "Godmother of Freak Folk" Vashti Bunyan, das einerseits düster klingt, auf der anderen Seite aber eine so gar nicht negative Botschaft übermittelt. Mike Knapps "Gentle hour" wird schließlich durch Yo La Tengo beehrt, die den Song in typischer Manier ebenso fröhlich wie traurig, psychedelisch und poppig zugleich klingen lassen - quasi eine Zusammenkunft der Gegensätze, und damit recht bezeichnend für das gesamte Projekt.

Wenn das immer noch nicht reicht, so sollte sich die Red Hot Organization spätestens mit den Dessner-Brüdern persönlich ein wenig Aufmerksamkeit verdient haben: Das The-National-Cover "So far around the bend" wird unter Nico Muhlys klassischer Komposition zu einem wahren Meisterwerk, und wurde für einen Anlass wie diesen genau richtig veröffentlicht. Insgesamt gilt: Das HI-Virus ist sicher wieder auf dem Vormarsch und muss bekämpft werden, jedoch muss das nicht auf einer bierernsten Ebene geschehen. So wird der Troggs-Klassiger "With a girl like you" durch Dave Sitek zu einer Hymne für alle TV-On-The-Radio-Anhänger und "zieht" Cat Power der Kirchennummer "Amazing grace" ein folkiges Gewand "über". Auf diese Weise könnte sich die nächste Generation Erdenbewohner auch wieder mit dem auseinandersetzen, was hoffentlich weiter um sich greifen wird: mit der Wahrheit.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Bracket, WI (Bon Iver)
  • So far around the bend (The National and Nico Muhly)
  • You are the blood (Sufjan Stevens)
  • Lenin (Arcade Fire)
  • With a girl like you (Dave Sitek)
  • Gentle hour (Yo La Tengo)

Tracklist

  • CD 1
    1. Knotty pine (Dirty Projectors + David Byrne)
    2. Cello song (The Books featuring José González)
    3. Train song (Feist and Ben Gibbard)
    4. Brackett, WI (Bon Iver)
    5. Deep blue sea (Grizzly Bear)
    6. So far around the bend (The National and Nico Muhly)
    7. Tightrope (Yeasayer)
    8. Feeling good (My Brightest Diamond)
    9. Dark was the night (Kronos Qartet)
    10. I was young when I left home (Antony with Bryce Dessner)
    11. Big red machine (Justin Vernon + Aaron Dessner)
    12. Sleepless (The Decemberists)
    13. Stolen houses (Die) (Iron & Wine)
    14. Service bell (Grizzly Bear + Feist)
    15. You are the blood (Sufjan Stevens)
  • CD 2
    1. Well-alright (Spoon)
    2. Lenin (Arcade Fire)
    3. Mimizan (Beirut)
    4. El caporal (My Morning Jacket)
    5. Inspiration information (Sharon Jones & The Dap-Kings)
    6. With a girl like you (Dave Sitek)
    7. Blood pt. 2 (Buck 65 Remix featuring Sufjan Stevens and Serengeti)
    8. Hey, snow white (The New Pornographers)
    9. Gentle hour (Yo La Tengo)
    10. Amazing grace (Cat Power with Dirty Delta Blues)
    11. Happiness (Riceboy Sleeps)
    12. Another Saturday (Stuart Murdoch)
    13. The giant of Illinois (Andrew Bird)
    14. Lua (Conor Oberst with Gillian Welch)
    15. When the road runs out (Blonde redhead & Devastations)
    16. Love vs. porn (Kevin Drew)

Gesamtspielzeit: 128:52 min.

Referenzen

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