Morrissey - Years of refusal

Morrissey- Years of refusal

Decca / Polydor / Universal
VÖ: 13.02.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Stil leben

Zwischen Verweigerung und Verletzlichkeit liegt nur ein schmaler Grat. Ein ums andere Mal machte Steven Patrick Morrissey so seine Erfahrungen mit beiden Abgründen. Die "Years of refusal", so der Titel seines zehnten Soloalbums, sind die Jahre in der vermaledeiten Öffentlichkeit. Denn er wird wohl auf ewig der missverstandene Poet sein, dessen nostalgische Sehnsucht nach der Heimat manche Blindgänger als Nationalismus oder Rassismus fehldeuten. Sensiblere Kreaturen könnten daran zugrunde gehen. Für Morrissey ist Jammern jedoch keine Option. Er hat sich das Selbstbewusstsein hart erkämpft.

Es ist kein Solipsismus, wenn Morrissey feststellt: "I'm OK by myself." Er braucht die anderen, um aus dem Verkanntwerden seine Kraft zu schöpfen. Dann kann er böse Absichten unterstellen und ist froh über fernbleibende Zuneigung: "Could this be an arm around my waist? / Well, surely the hand contains a knife." Also wirft er sich in der berauschten Single "I'm throwing my arms around Paris" gleich einer ganzen Stadt an den Hals, denn "Only stone and steel accept my love." Und im wunderbaren "When last I spoke to Carol" lässt sich The Mozzer von genannter Dame zu Mariachi-Gebläse und den Sperenzchen der Akustikgitarre rhetorisch an die Wand drücken: "I've hammered a smile across this pasty face of mine since the day I was born in 1975." Er ist Jahrgang 1959, doch der Rest trifft auf ihn ebenso zu. Man merkt es: Auch die Metaebene beherrscht Morrissey wie kein zweiter.

Die Außenweltabrechnung "All you need is me" und "That's how people grow up" kennt man bereits von der "Greatest hits"-Kopplung. Vor allem letzteres kann hier - ohne die Ablenkung der großen Konkurrenz - richtig glänzen. Morrissey geißelt die naive Suche nach der Liebe als Zeitverschwendung und fordert dennoch: "Let me live before I die." In "It's not your birthday anymore" entlarvt Morrissey naheliegende Heuchelei: "It's not your birthday anymore / There's no need to be kind to you." Er hingegen spendet den Trost darob höchst freiwillig. In "Sorry doesn't help" spottet er über die prinzipbedingte Nutzlosigkeit von Entschuldigungen. Auch "One day goodbye will be farewell" hält ewige Weisheit bereit: "Always be careful when you abuse the one you love."

Die große Kunst, die Morrissey da vorne veranstaltet, beeindruckt seine Band selten. Der vom verstorbenen Produzenten Jerry Finn eher in den Hintergrund gemischte, aber durchaus handfeste Rock'n'Roll lenkt nicht ab, sondern lässt allen Glanz für die Hauptrolle. Diesen beizeiten etwas hemdsärmeligen Lärm wird der eine Hörer für zu männlich und der andere überhaupt für überholt halten, während der dritte meckert, weil auch "Years of refusal" kein neues Smiths-Album ist. Gefasel. Zwar ließen die perlenden Gitarren von Johnny Marr einst etwas mehr Platz für Morrisseys Seufzer, doch wenn es jetzt rifft und rafft, möbelt das den hadernden Weltschmerz auch mal kräftig auf.

Dass "Something is squeezing my skull" über ein ruppiges Gitarrenfeld rumpelt, sorgt gleich am Anfang für die angemessene Präsenz. Das Snarestakkato rettet erst dem verbitterten "Mama lay softly on the riverbed" den versauten Tag und mündet dann in ein zärtliches "I will slit their throats for you." Allerliebster Vegetarismus. Im zupackenden "Black cloud" darf die Gitarre von Altmeister Jeff Beck jaulen, und Roger Joseph Manning jr. (Jellyfish, Imperial Drag, Moog Cookbook) tänzelt übers Klavier. Das Getöse in der Auslaufrille nötigt Seine Süffisanz sogar dazu, die Stimme zu verzerren. It's not a bug, it's a feature. Der Klasse des Mozzfathers kann all das nichts anhaben. Er beherrscht die Szenerie jederzeit mit seinem Gesang. Und was die anderen treiben, ist ihm ohnehin egal: "I don't need you / And your benevolence to make sense."

(Oliver Ding)

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Highlights

  • I'm throwing my arms around Paris
  • When last I spoke to Carol
  • That's how people grow up
  • It's not your birthday anymore

Tracklist

  1. Something is squeezing my skull
  2. Mama lay softly on the riverbed
  3. Black cloud
  4. I'm throwing my arms around Paris
  5. All you need is me
  6. When last I spoke to Carol
  7. That's how people grow up
  8. One day goodbye will be farewell
  9. It's not your birthday anymore
  10. You were good in your time
  11. Sorry doesn't help
  12. I'm OK by myself

Gesamtspielzeit: 43:19 min.

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User Beitrag
bartel(d.E.)
2010-10-15 10:28:53 Uhr
Nach nem Jahr kann ich sagen: hat nicht gezündet, die wenigstgehörte Morrissey. max 6/10
Kaspar
2009-11-07 00:41:03 Uhr
Die Kill Uncle wird mmn stark unterschätzt. Klaro, ist schlecht produziert (zB Our Frank), aber doch sehr stimmungsvoll. YoR dagegen scheint mir musikalisch vollkommen belanglos. Bis heute kein Hit bei mir. Lycanthropy dagegen läuft bei mir ununterbrochen seit ich sie hab...
TufkaI©h┼
2009-04-01 23:42:54 Uhr
Der durchschnittliche Mozza-Fan dürfte überdurchschnittlich kritisch mit dem Meister umgehen.
Also die "Southpaw Grammar" fand ich z.B. richtig schlecht und die "Kill Uncle" stand dem kaum nach.
Das neue Album finde ich okay, so 7/10 etwa.
"Something Is Squeezing My Skull" halte ich für eine schlechte Singlewahl.
murbu
2009-04-01 10:14:24 Uhr
Auch als Morrissey Fan mus sich mir nicht alles uneingeschränkt schönhören!

Dieser zuweilen etwas hemdsärmelige Altherrenrock der Band könnte man eher in die Schublade Status Quo stecken. Ohne Stimme und Texte des Meisters wäre einiges arg grusselig und ist eigentlich die Art Musik, die gar nicht konform ist mit dem, was der Morrisseyfan sonst so hört.
TufkaI©h┼
2009-03-31 20:25:10 Uhr
Neue Single:

CD 1:
1. 'Something Is Squeezing My Skull'
2. 'This Charming Man' (Live)

CD 2:
1. 'Something Is Squeezing My Skull'
2. 'Best Friend On The Payroll' (Live)

7" Vinyl:
A. 'Something Is Squeezing My Skull'
B. 'I Keep Mine Hidden' (Live)
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