Pascal Finkenauer - Unter Grund

Pascal Finkenauer- Unter Grund

Pascal Finkenauer Tonträger / Indigo
VÖ: 06.02.2009

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Nicht vom Brot allein

Ja, er hatte mal einen großen Hit mit Fettes Brot. Ja, er gehört als singender Gitarrenmann auch zum Tourensemble von König Boris, Dokter Renz und Björn Beton. Und ja, auch bei der aktuellen Single der Hamburger steuert der gute Mann den Refrain bei. Früher hat er mit Jaw auf "No blue peril" mal schicken Synthlärm oder ruppigen Trash-Punk mit The Black Cherries gemacht, an die sich beide kaum noch jemand erinnert. Doch was weiß man sonst noch so über den Typen mit Hut? Zum Beispiel, dass der auf den Namen Pascal Finkenauer hörende Rheinland-Pfälzer sein drittes und mit Abstand bestes Soloalbum am Start hat.

Dass solo in diesem Fall absolut wörtlich gemeint ist, zeigt die Tatsache, dass Finkenauer sämtliches Liedgut der neuen Scheibe selbst komponiert, eingespielt und produziert hat. Dass der umtriebige Mann mittlerweile auch seine eigene Plattenschmiede sein Eigen nennt, passt perfekt ins Bild. Herausgekommen sind fünfunddreißig Minuten, die nicht von ungefähr mit "Unter Grund" betitelt wurden. Der Gesamttenor des Albums ist dunkel und melancholisch, aber niemals hoffnungslos. "Nur gestern dachte ich kurz an Dich und das tat ein bisschen weh, aber ich weiß es wird im nächsten Augenblick vorbei sein." Ein poppiger, leicht stampfender Beat gepaart mit einer wundervoll dezenten Piano-Melodie ergeben ein harmonisches Kleinod, das für Themen wie Liebeskummer, Verlust und Verarbeitung beinahe schon zu beschwingt daher kommt. Ein Kontrast, der doch so ungemein stimmig ist.

Gleiches gilt für die folgenden zweieinhalb Minuten vertonter Melancholie von "Nebenan". Was passiert ist, fragt Finkenauer. Keiner mehr da. Keiner, der lacht. Keiner, der tanzt. Und dabei könnte man letzteres ohne weiteres tun. Selten war Bedrückung tanzbarer. Es ist schon eine Kunst für sich, Vergangenheitsbewältigungen ("Weisst du noch") und Ängste ("Und wieder kommt die Nacht") so gelassen und trocken in Wort und Ton zu packen, ohne dabei in Kitsch und andere dick aufgetragene Gefilde abzudriften. Finkenauer ist, so floskelhaft das auch klingen mag, erwachsen geworden. Einem Sven Regener oder Jochen Distelmeyer würde man dergleichen nicht minder abnehmen. "Ein Leben kann in Ordnung sein / Ich brauch' die Ordnung nicht", gibt er todernst und doch so unrebellisch im sozialkritischen "Euer Wort" zum Besten. Ein Punk-Chansonier wird Finkenauer ab und zu genannt. Und womit? Mit Recht.

"Ich will einen Rausch, der keine Mittel braucht / Und ich will lichterloh brennen, damit ich leuchte, wenn es dunkel ist." Mit einer gehörigen Portion Wortwitz und dazugehöriger Gewandtheit wird auch vor Ausflügen ins Elektronisch-Zappelige ("Verdammt sein") und Rockige ("Zu glatt") nicht Halt gemacht. Und wer es schafft, im Refrain einer derartig kickenden Groove-Nummer wie "Unter Grund", mit dem Finkenauer übrigens auch beim diesjährigen Bundesvision Songcontest antreten wird, siebenmal hintereinander dasselbe Wort zu singen, darf auch ungeniert "Alle tun nur mich ansehen" hinterherschieben. Finkenauer kennt keine Grenzen und macht, worauf er Bock hat. Und das ist zwar brot-, aber keinesfalls trostlos.

(Jochen Gedwien)

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Highlights

  • Ich blicke an dir vorbei
  • Nebenan
  • Unter Grund

Tracklist

  1. Ich blicke an dir vorbei
  2. Nebenan
  3. Unter Grund
  4. Weisst du noch
  5. Verdammt sein
  6. Und wieder kommt die Nacht
  7. Verrosteter Revolver
  8. Euer Wort
  9. Zu glatt
  10. Vor die Hunde gehen
  11. Sucht
  12. Nur aufstehen

Gesamtspielzeit: 35:25 min.

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