Miles Benjamin Anthony Robinson - Miles Benjamin Anthony Robinson

Miles Benjamin Anthony Robinson- Miles Benjamin Anthony Robinson

Say Hey / Import
VÖ: 10.06.2008

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Alles muss raus

Es ist schon ein guter Witz, dass eines der emotional instabilsten und schonungslos offensten Alben des Jahres 2008 mit einer Lüge beginnt: "This is my last song about myself, about my friends / Found something else to sing," singt Miles Benjamin Anthony Robinson am Anfang des ersten Songs seiner ersten Platte. In Wahrheit geht es auf diesem Album aber um nichts anderes als ihn selbst, zehn Lieder lang, in denen er eine Vergangenheit aufarbeitet, die etwas tiefer (und nicht nur sprichwörtlich) durch die Gosse führt, als Rockplatten es normalerweise tun. Robinson fängt mit der eigenen Beerdigung an, schaufelt sich wie ein Totengräber durch das traurig betrunkene "Buriedfed" und stolpert am Ende über die eigenen, immer präsenten Selbstzweifel. "You can't do any damn thing right," glaubt er - und könnte doch den Indierock retten, wenn er es vorher schafft, sich selbst zu retten.

Nach seinem Freshman-Jahr an der New York University hat Miles Benjamin Anthony Robinson irgendwie ein bisschen den Faden verloren. Statt die Semesterferien beim Spring Break in Florida oder zuhause in Portland zu verbringen, blieb er in Brooklyn, schlief erst auf den Sofas seiner Freunde, dann auf Parkbänken, als die genug von ihm hatten, und schlug sich als Crack-Dealer durch, der bald selbst sein bester Kunde wurde. Scheinbar ohne Not rutschte Robinson in Abhängigkeit und Kleinkriminalität - zumindest seiner Musik konnte aber nichts Besseres begegnen, als die selbstzerstörerische Persönlichkeitsseite, von der er aus irgendeinem Grund gejagt wird. Trotzig, hart und ohne Sentimentalität singt Robinson seine Geschichte und belebt damit das alte, niemals veraltete Konzept der Rock'n'Roll-Katharsis. Hätte ihn diese Platte nicht über den Damm gebracht, wäre es wohl gar nicht mehr gegangen.

"Miles Benjamin Anthony Robinson" heißt wie sein Autor selbst, und alles andere hätte auch keinen Sinn gehabt. Allein hat Robinson es trotzdem nicht geschafft: Chris Taylor von Grizzly Bear hat das Album als Produzent und ewiger Antreiber betreut, Kyp Malone von TV On The Radio hat als vielseitig einsetzbarer Gastmusiker mitgeholfen. Der 25-jährige Robinson aber klingt viel traditionsbewusster als seine älteren, experimentierfreudigeren Freunde. Er ist ein Songwriter mit klassischen Ideen von Strophen (immer sehr viele) und Refrains (nicht so gerne), der sich seine Alleinstellungsmerkmale nicht über den Sound, sondern den Vortrag seiner Geschichten erarbeitet. Country, Folk und Rock'n'Roll reichen auch bei ihm mindestens 60 Jahre zurück, aber so gemein wie sein Album war keine Platte seit "Lifted or the story is in the soil, keep your ear to the ground" mehr zu sich selbst.

Es ist dann auch Robinsons große Leistung, dass Zeilen wie "Not sure if I wanna stay alive / It's so expensive, so cheap to die" bei ihm nicht selbstmitleidig oder gestellt klingen, sondern halt wie der Stand der Dinge. Gerade weil die unverblümte Todessehnsucht des Albums so nüchtern erscheint und in "The debtor" neben einem beinahe putzigen Klavier wartet, wirkt sie so real - man kann sich das eigentlich nur anhören, weil es Robinson heute besser geht, angeblich, er clean sein soll und nur noch säuft und kifft wie ein Blöder. So ein Widerspruch holt auch die Musik ein: Das ausgesprochen garstige "Woodfriend" bringt die übersteuerten Neil-Young-Lautmaler-Gitarren ins Album, die später noch stilbildend werden, und "Who's laughing?" steht gleich wieder als ausgebremster Schunkelbank-Hit für Anonyme-Alkoholiker-Treffen dahinter.

"Miles Benjamin Anthony Robinson" hat keine kluge Dramaturgie oder genaue innere Uhr. Es macht alles falsch, was auch Robinson in der Vergangenheit falsch gemacht hat, und damit natürlich alles richtig. Nach dem vordergründig lustig beschwingten, eigentlich aber sehr zynischen Country-Shuffle von "My good luck" mit surreal lustigem Tröten-Outro zerfasert die Platte in immer langsameren, reduzierteren und schwerfälligeren Liedern. "Written over" genügt lange sein Klavier, das jeden wackligen Akkord auskostet wie einen Champions-League-Triumph, und "Mountaineerd" wird zermahlen zwischen den besonders großartigen Tote-Seelen-Chören des Albums und einer Alte-Wunden-Gitarre, die hier wieder aufreißt, was ohnehin nie richtig verheilt war. Über allem aber steht immer zuerst Robinson mit kränklicher, unzerbrechlicher Stimme. Er ist der Letzte, der alles noch mal genauso machen würde - er bedauert und bereut, weil er weiß, dass er fast so viel Glück hatte wie alle, die ihm heute zuhören können.

"Miles Benjamin Anthony Robinson" ist in Deutschland nur als Import oder Download bei den üblichen Online-Shops erhältlich (Stand 01.01.2009).

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Buriedfed
  • Woodfriend
  • My good luck
  • Written over

Tracklist

  1. Buriedfed
  2. The debtor
  3. Woodfriend
  4. Who's laughing?
  5. The ongoing debate concerning present vs. future
  6. My good luck
  7. Written over
  8. Mountaineerd
  9. Above the sun
  10. Boneindian

Gesamtspielzeit: 43:15 min.

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