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The Felice Brothers - The Felice Brothers

The Felice Brothers- The Felice Brothers

Loose / Rough Trade
VÖ: 14.03.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Grabräuber

Die Felice Brothers sind Old America. Und über eben dieses traditionelle, ländliche Old America könnte man seine Empfindungen in etwa wie folgt äußern: Mit seiner Sklaverei und seinem Bürgerkrieg stand es dem heutigen Amerika im Grunde in nichts nach. Zudem wurde über Old America spätestens seit Bob Dylan alles erzählt, was popkulturell erwähnenswert ist. Der Vorwurf an das zweite, selbstbetitelte Album der Felice Brothers lautet also, sie betreiben Diebstahl an Dylans Werk. Zu offensichtlich sind die Ähnlichkeiten mit dem Großmeister der Unangepasstheit. Unüberhörbar beeinflusst von den gleichen Wurzeln, ist etwa "Frankie's gun!" der Idealtyp einer Reproduktion eines Dylansongs der 1960er Jahre. Diese Meinung ist vertretbar, sollte aber überdacht werden. Denn Traditionsbewusstsein, Lieder und Geschichten aus vergangenen Tagen dürfen gern in die Gegenwart transponiert werden, wenn sie die Spannung zwischen Anachronismus und Neomodernismus aushalten.

Die Felice Brothers liefern dafür das ideale Album. Die drei Brüder aus den Catskill Mountains vereinen die technischen Errungenschaften der Moderne und die Liebe zur Tradition - mit Akkordeon, Hörnern und allem anderen, mit dem man sonst so die Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann, in der verlassenen, hügeligen Gegend auf der elterlichen Front Porch. Sie erinnern sich an gestern und bereiten sich auf den Morgen vor. So befinden sich auf "The Felice Brothers" neben traditionellem Folk und Hillbilly auch allerhand Gimmicks und Overdubs. Oder, um es waffentechnisch auszudrücken: Der gute alte Revolver trifft die Streubombe. Überraschend ist daher kaum, dass wundersame, verschrobene Geschichten über die käufliche Liebe, den einsamen Tod und die gottverdammten Ecken wie in "Don't wake the scarecrow" und eine ausgezeichnete, manchmal jedoch nur knapp an der Radiotauglichkeit vorbeischrammende Produktion ohne Widerspruch harmonieren.

Wie das Wort "felice" schon andeutet, dürfen sich jetzt das alte und das neue Amerika ebenso wie der Rest der Welt glücklich schätzen. Ehrwürdiges, traditionelles Liedgut mag zwar immer wieder altmodisch anmuten. Doch wenn man in der eigenen Gedächtniskiste kramt, fällt einem kaum eine Band ein, die im Zauber des Einstigen so aufgeht wie die Felice Brothers. Verzückt bleibt der Hörer gerade dann zurück, wenn er zum Ausgang einer Felice-Brothers-Session zum Anfang, zu den Ursprüngen dieses Albums zurückkehrt und sie mit einem der besten Stücke, "Little Ann", besinnlich beendet. Gute Diebe sind nun mal nicht immer schlechte Menschen - und erst recht keine bedeutungslosen Musiker.

(Carsten Rehbein)

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Highlights

  • Little Ann
  • Don't wake the scarecrow
  • Love me tenderly

Tracklist

  1. Little Ann
  2. Greatest show on earth
  3. Frankie's gun!
  4. Goddam you, Jim
  5. Wonderful life
  6. Don't wake the scarecrow
  7. Take this bread
  8. Saint Stephen's end
  9. Love me tenderly
  10. Ruby Mae
  11. Murder by mistletoe
  12. Whiskey in my whiskey
  13. Helen Fry
  14. Radio song
  15. Tip your way

Gesamtspielzeit: 65:38 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
drunk on the porch
2009-06-13 17:09:35 Uhr
und was mit ruby mae? das akkordeon, woow!
Mendigo
2009-01-07 16:56:20 Uhr
naja, wenn man allem was man mag eine 8 gibt dann kann man die bewertung ja gleich lassen. 7 ist für mich ein absolut hörenswertes, großartiges album, 8 dagegen ein kleines meisterwerk.
Momo
2009-01-07 16:28:52 Uhr
Eine 7/10 ist natürlich keine schlechte Note, aber IMHO wäre eine 8/10 schon locker drin gewesen.

Und ich mag diese Siebender Noten nicht so gerne. Es gibt so vieles was auf PT eine Sieben kriegt. Ich weis nicht was Plattentester so denken aber bei den Siebenern haben die sicher immer so komische Hintergedanken wie...

"7 weil mich das Album an gute alte Zeiten erinnert als ich mal Fan der Band war als diese damals noch gut war."
"7 weil meine Kollegen sagen das es super toll ist, auch wenn ich anderer Meinung bin"
"7 weil das Album zwei super Hits hat, auch wenn die restlichen Lieder allerhöchstens Durchschnitt sind."
"7 weil die Rolling Stones den Album eine 10/10 gegeben haben, das war definitiv zu hoch."

Das ist so wie mit der 6/10 die eigentlich nur eine 5/10 + 1 Mitleidspunkt ist. Oder die 10/10 die nur ein Zeichen dafür ist das bei der Redaktion irgendwo eine Sicherung durchgebrannt ist.


Und hier klingt es so: "Klasse atmosphärisches Album, aber zu traditionel, zu perfekt, zu dylan, zu springsteen. Also 7"
bee
2009-01-07 15:51:35 Uhr
die Rezi ist sehr seltsam, wortreich muss der Herr begründen, warum er altmodisch doch nicht altmodisch findet will - strange.
Und ja - das Album hat einige echte Song-Highlights.
Mendigo
2009-01-07 15:15:43 Uhr
7/10 ist doch eine gute und angemessene Bewertung, oder?
bekommt sie von mir auch. Ein durchwegs gelungenes album, das unglaublich viel spaß macht und mit dem schon erwähnten Frankie's Gun! den coolsten The Band song seit der auflösung von The Band hat.
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