I Heart Hiroshima - Tuff teef

I Heart Hiroshima- Tuff teef

Valve / Weatherbox / Al!ve
VÖ: 05.12.2008

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Alle für einen

Teenage Angst - ein geflügeltes Wort, damals, vor gut 20 Jahren. Als noch niemand so recht wusste, was er mit den Horden gutbetuchter Vorstadtkids anfangen sollte, die sich zwischen Gitarren und Mikrofonen ihre gepeinigten Seelen aus dem Schlotterleib schrien. Nach den Geschwindigkeitsrekorden von Hardcore - und vor dem verheulten In-die-Instrumente-Taumeln von Emo und Konsorten. I Heart Hiroshima befinden sich an der gefühten 18ten Speerspitze dieser Teenage Angst. Es macht Sinn, diese uralte Kategorie wieder hervorzuholen, denn sämtliche andere Begriffe verbieten sich für ihr Debüt "Tuff teef" zwar nicht von Grund auf, aber doch in der Konsequenz. I Heart Hiroshima nehmen den spartanischen Klang der frühen Sleater-Kinney und die Hook-Infizierung besserer Brit-Pop-Bands, werfen beides in leicht gekrümmte Math-Rock-Eintakter, erden sie aber im Hardcore-Schredder-Pop der Marke North Of America - und kontern all das durch ein echtes Lieblings-Melodie-Massaker, zu dem sich kaum Atem holen lässt. Insgesamt wirkt ihre Musik dadurch wie knietief in den 1990ern versumpft, gerade im Sound aber derart entschlackt, dass sie mit breiten Strahlebacken aus der Schlammpackung steigt.

Während "Lungs" oder "Captain to captain" ihre Mini-Riffs zerkratzen und zerbeißen, finden sie doch immer den hochmelodischen Ausweg. So schiebt sich stets eine große Beharrlichkeit unter die porösen Stützpfeiler der Songs. Wie ein schnalzendes Spannungsgewitter wühlt und sprudelt es zwischen den Songteilen und den Gitarrenachsen, ebenso zwischen dem über Toms und Snare hetzenden, mit der Bassdrum jedoch fanatisch die Viertel mitzählenden Schlagzeug oder dem Satz-Gesang von Susie Patten, Mathew Somers und Cameron Hawes. Während ihre Jungs ganz bübchenlike echauffiert, verzweifelt oder latent ausbruchsgefährdet zur Sache gehen, schnoddert Patten sie von hinten an und klärt damit zwar nicht die Situation, entkrampft aber alles, was zu verheult oder hitzig wirken könnte.

"I keep on trying to start not to stop / Often on / Often off", skandiert Patten auf "Punks" und kommentiert damit auch den Energielevel ihrer Band. Hier wird jede Pause mitgenommen, jedes Loch zwischen den Akkorden voll ausgekostet. In der Tat schalten sich Songs wie "Got bones?" und "Surgery" ebenso oft dazu, wie sie ausgebremst werden. Alles passiert tight im Takt, da jedoch, wo sonst der Bass wummern würde, herrscht gähnende Leere. Auch die Gitarrenläufe kratzen bestenfalls halbverzerrt vor sich hin und lärmen deshalb nie herüber in den nächsten Takt. So wird jeder Snareschlag zu einem Highlight, da er die Songs zurückholt und von der Kette lässt. Und die Stille fungiert als Trampolin, von dem I Heart Hiroshima millisekündlich hochschnellen und alle Extremitäten zugleich durch die Luft werfen.

Dennoch ist nichts seltsam oder verquast an dieser Musik. Ihre Mittel sind eigen, aber bekannt, ihr Sound ist rough, doch die Riffs sehr exakt, die Stimmung von Grund auf melancholisch und grundlos angefressen. Was heißt: Darin steckt eine Menge Jugend. Ein überall spürbarer Sturm und Drang, der lieber tausendmal vor die Wand läuft, bevor er einmal klein bei gibt. Statt kokett ihre Narben vorzuzeigen, zählen I Heart Hiroshima Beulen und Blutergüsse. Hieraus ziehen sie ihre Energie. Hardcore für Indieschlaumeier, Indie für Emokids. Einer für alle, alle für einen.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Lungs
  • Surgery
  • Punks
  • Captain to captain

Tracklist

  1. Lungs
  2. Surgery
  3. Punks
  4. Teef
  5. Crook'd
  6. Electric lake
  7. Crime
  8. Wires
  9. Got bones?
  10. Throw that metal
  11. Captain to captain
  12. Stop that

Gesamtspielzeit: 37:12 min.

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